# taz.de -- Reformen in Kuba: Die Revolution soll marktwirtschaftlich werden
> Private Banken und große Privatunternehmen soll es fortan geben,
> Staatsunternehmen sollen privatisiert werden. Doch offen ist, ob die USA
> dabei mitspielen werden.
IMG Bild: Ein Arbeiter lädt auf einem staatlich betriebenen Markt Kisten mit Obst ab. Muss er seine Arbeitskraft womöglich bald in den Dienst privater Händler:innen stellen?
Für Manuel Cuesta Morúa, den Vorsitzenden von Kubas sozialdemokratischer
Partei Arco Progresista, ist das Reformpaket, welches am Donnerstagabend
vom Parlament in Havanna verabschiedet wurde, überfällig. 176 Punkte, die
es in sich haben und [1][die den ökonomischen Kurs der Insel fundamental
ändern werden], wurden von den Abgeordneten angenommen.
Dadurch ist eine bahnbrechende Reformagenda angenommen, die die
ökonomischen Strukturen der Insel deutlich verändern kann. Künftig sollen
in Kuba etwa private Großunternehmen und ausländische Investitionen im
Privatsektor zugelassen werden. Unternehmen mit mehr als 100
Mitarbeiter:Innen sind fortan legal, Staatsunternehmen sollen verkauft
und auch in Aktiengesellschaften umgewandelt werden können.
„Das ist quasi revolutionär in einem sozialistischen Land, das in den
letzten Jahren immer autoritärer geworden ist“, meint Cuesta Morúa. „Aber
für mich haben die Reforminitiativen, die bisher bekannt geworden sind, den
Charakter von Nachbesserungen. Sie beseitigen Hürden, die das Funktionieren
der kleinen und mittleren Unternehmen, die es seit 2021 gibt, behindert
haben“, meint der 64-jährige Historiker aus dem Stadtteil Alamar.
Cuesta Morúa begrüßt, dass fortan auch Agrargenossenschaften eigenständig
Treibstoffe wie Benzin und Diesel, Saatgut und Maschinen importieren
können, das Agrarland für die Dauer von bis zu 99 Jahren verpachtet werden
kann und dass es private Banken und auch Wechselstuben geben soll. Positiv
sei auch, dass die staatliche Bürokratie und Kontrollapparat reduziert
werde. Die Zahl der Ministerien soll auf 15 sinken, der Staat seine Finger
aus Arbeitsvermittlung und Ankauf von Agrarprodukten heraushalten.
Ökonomen wie Omar Everleny Pérez und Pavel Vidal hatten in den letzten 15
Jahren immer wieder moniert, dass das nationale Ankaufsystem Acopio genauso
wie der staatliche Pool für Arbeitskräfte, aus dem sich ausländische
Unternehmen in Kuba ihre Arbeitskräfte aussuchen mussten, kontraproduktiv
seien. Nun sind sie Geschichte.
Arbeitskräfte können in Kuba fortan direkt ausgesucht und angestellt
werden, und jeder Bauer und Bäuerin kann selbst entscheiden, was sie oder
er anbaut und zu welchem Preis es verkauft wird. Ministerpräsident Manuel
Marrero Cruz bezeichnete den Markt in seiner fast zweistündigen Rede am
Donnerstagabend vor den rund 400 Abgeordneten als „Instrument zur
effizienten Verteilung von Ressourcen“.
## Ökonomische Kehrwende – aber wie?
Das sind vollkommen neue Töne in einem Land, in dem der Staat seit 1959 der
oberste Verteiler der Ressourcen war. Es widerspreche zudem auch der
Verfassung, die in Artikel 4 die Unumkehrbarkeit des sozialistischen
Modells fixiere, erklärt Manuel Cuesta Morúa. Die Verfassung hätte, so
kritisiert er, geändert werden müssen, bevor das Reformpaket vorgestellt
wurde. Zudem fehle es an Dialog zwischen Bevölkerung und Regierenden und an
Rechtssicherheit für potenzielle Investoren genauso wie für die
Bevölkerung. Drei für Cuesta Morúa essenzielle Punkte für die Zukunft der
Insel.
Über diese könne anders als früher ohnehin nicht die Regierung in Havanna
entscheiden, denn um das Reformpaket zu implementieren, seien Kapital,
Strom und Treibstoff nötig. Das alles hat die Regierung von [2][Präsident
Miguel Díaz-Canel] nicht. Sie muss mit den USA verhandeln, denn die
Sanktionen schnüren Kuba die Luft zum Atmen ab.
Das bestätigt auch Omar Everleny Pérez, der genauso wie vier weitere
Ökonomen seine Ideen zu dem Reformpaket beigesteuert hat. Viele wurden
übernommen. So ist eine Reformagenda zustande gekommen, über die zumindest
mit den USA verhandelt werden sollte, meint Everleny Pérez. Für ihn ist
klar, dass es ohne ein Ende der Sanktionen illusorisch ist, dass das
Reformpaket implementiert wird – auch wenn es Risiken beinhaltet.
„Es stimmt, dass die Umwandlung von Staatsunternehmen in
Aktiengesellschaften oder Privatunternehmen Möglichkeiten bietet, sich zu
bereichern. Aber Kuba steht vor dem Kollaps, wir brauchen Reformen, und das
ist allen klar“, wirbt er für das Paket. Das kam in Mexiko gut an, wo
Claudia Sheinbaum von einem „wichtigen Wandel“ sprach. In Washington wurden
die 176 Reformpunkte hingegen als „oberflächliche Rauchzeichen des
kubanischen Regimes“ bezeichnet. Kein gutes Vorzeichen für konstruktive
Verhandlungen.
20 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Knut Henkel
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