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       # taz.de -- „Fassade“ am Theater Freiburg: Wir baden doch nur am See!
       
       > Das Freiburger Theater geht den Spuren der braunen Stadtvergangenheit
       > nach. „Fassade“ ist eine Mischung aus Audiowalk, Performance und
       > Installation.
       
   IMG Bild: Die Spieler:innen stellen das Wandbild nach: Herbert Pielmaier, Miejef Callens, Ricarda d’Heureuse-Harosky und Uli Winterhager
       
       Ein Bild, das hervorragend in die Freiburg-Idylle passt: Menschen am
       Titisee mit Blick auf den Feldberg. Doch der Schein trügt. Spätestens wenn
       man genauer auf den Stil achtet und sich die Geschichte des Gemäldes von
       Theodor Kammerer aus dem Jahr 1939 vergegenwärtigt, offenbart sich der
       Schrecken dahinter. Es zeigt ein ‚arisches‘ Arkadien, angereichert mit
       zahlreichen propagandistischen Codes.
       
       Erst 2023 hinter einer Gipswand wiederentdeckt, befindet es sich heute –
       teilverdeckt – im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, dem früheren
       Verkehrsamt im Hitler-Faschismus. Ein beeindruckender Stoff also, um in
       einer Epoche wiedererstarkender totalitärer Umtriebe und
       rechtspopulistischer Geschichtsklitterungen die Wichtigkeit von
       Erinnerungskultur zu betonen. So die Idee des [1][Theaters Freiburg], das
       in einer Mischung aus Audiowalk, Performance und Installation den häufig
       verdeckten Spuren des Nationalsozialismus in der Stadt folgt.
       
       Nachdem man zunächst gegenüber des Bühnenhauses zum Platz der Alten
       Synagoge gelangt, dessen Leere als Mahnmal wirkt, geleiten einen die
       Mitglieder des Ensembles und der Seniorentheatergruppe „die methusalems“
       zum Dokumentationszentrum und schließlich zum gotischen Colombischlössle.
       
       Dort fand 1933 die Freiburger Bauausstellung statt, die die Vision einer
       regimetreuen Architektur und Kultur entwarf. Bei Weitem nicht die einzige,
       allgemein wenig bekannte Altlast dieser Zeit. Über den an einem
       Universitätsgebäude (wenn auch nicht mehr in Gold) prangenden Schriftzug
       „Dem ewigen Deutschtum“ hinaus verblüfft zudem die Präsenz des
       NS-Schönheitschirurgen Erich Lexer. Ihn, der sich für tausendfache
       Zwangssterilisationen und die menschenverachtenden Erbgutgesetze im Dritten
       Reich mitverantwortlich zeichnete, führt eine örtliche Klinik noch immer im
       Namen.
       
       ## Analyse des Wandbilds
       
       Was als informative, an [2][Projekte von Rimini Protokoll] erinnernde
       Produktion beginnt, erhält seine Tiefe, als die Spieler:innen in
       Caroline Anne Kapps „Fassade“ das besagte Wandbild seiner Badeszene nicht
       nur nachstellen, sondern analysieren. Im Colombi-Park blicken wir auf eine
       Brunnenanlage, ein Pferdegemälde und diverse Spiegel, die signalisieren,
       dass es bei der historischen Revue ebenfalls um unser gefährdetes
       Gemeinwesen geht.
       
       Und zwar im Lichte einer antiken Sage. Das faschistische Werk nimmt nämlich
       Bezug auf das Urteil des Paris. Wie er hält auf dem Gemälde ein im
       Vordergrund sitzender Mann einen Apfel in der Hand. Er soll entscheiden,
       wer von Hera, Athene und Aphrodite die schönste sei.
       
       Dass dessen Spruch in letzter Konsequenz zum Trojanischen Krieg führte,
       dürfte bei diesem Thema kein Zufall sein. Genauso wenig wie das krude
       Männlichkeitsverständnis, das die Darsteller:innen nun in Rede, Mimik
       und Gestik auseinandernehmen. Ein Fischer auf der linken Seite bildet den
       Ernährer, ein Pferdebesitzer auf der rechten den Herrscher über die Frau
       ab, alles hübsch verkleidet als ein netter Nachmittag vor der unschuldigen
       Naturkulisse.
       
       Der wohl stärkste Kniff der Regie: Auf Geheiß des damaligen Stadtvorstandes
       sollte das Gemälde faschistischer werden, will heißen: gesünder, jünger und
       weißer. Mit jedem dieser erwähnten Attribute verlassen nun die
       Ensemblemitglieder – in ihrer generationsübergreifenden und multiethnischen
       Zusammensetzung eine Manifestation von Diversität – nach und nach die
       Szene, bis niemand mehr übrig bleibt.
       
       Am Schluss lesen sie sodann noch dem Publikum auf der Wiese Zitaten von
       Björn Höcke sowie Friedrich Merz’ Einlassung zum [3][Stadtbild] vor. Die so
       häufig erwähnte Brandmauer gegen rechts, sie scheint inzwischen ein
       kleines, für manche sogar behaglich erscheinendes Lagerfeuer geworden zu
       sein, so die Botschaft dieser ergreifenden, noch lange nachwirkenden
       Inszenierung.
       
       22 Jun 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Björn Hayer
       
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