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       # taz.de -- Die Wahrheit: Die unaufgeregte Demokratie
       
       > Beim Steffen-Bilger-Ähnlichkeitswettbewerb in Vaihingen an der Enz müssen
       > die Kandidaten die enorme Vielschichtigkeit des Parlamentariers abbilden.
       
   IMG Bild: Spricht der echte Steffen Bilger oder einer seiner Nachahmer im Bundestag?
       
       Die Luft ist mehr als stickig im fensterlosen Backstagebereich des
       traditionsreichen Gasthofs Schweinen in Vaihingen an der Enz. Yannik
       Mosebach, 35, ist sichtlich nervös. Gleich wird der Emmendinger als einer
       von sechs Kandidaten des diesjährigen
       Steffen-Bilger-Ähnlichkeitswettbewerbs auf die Bühne des vor Gaudi
       dampfenden Saals treten. Zum wiederholten Male prüft der
       Achterbahn-Mechatroniker den Sitz der Perücke, legt etwas Gloss an die
       temporär aufgespritzten Lippen.
       
       Dabei seien Äußerlichkeiten gar nicht wichtig, betont Annkatrin „Gitti“
       Gittinger, die einmal mehr den Wettbewerb moderiert. „Niemand soll so
       aussehen müssen wie der Steffen. Nur so ähnlich drauf sein sollte man
       schon“, lacht die quirlig-energische Vorsitzende der Vaihinger CDU, bevor
       sie wieder ernst wird. „Es geht darum, den Steffen als unseren allseits
       geschätzten Wahlkreisabgeordneten in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu
       erfassen: seine ansteckende Nüchternheit, seine eloquente Einsilbigkeit,
       seine weltoffene Provinzialität.“ Bereits zum fünften Mal hat sie deshalb
       organisiert, was man in Vaihingen seither „den Abend der unaufgeregten
       Demokratie“ nennt: den weltweit einzigen Nachahmer-Contest zu Ehren eines
       Bundestagsabgeordneten. Der Gasthof Schweinen ist restlos ausverkauft.
       
       Dabei gilt dieser Steffen Bilger doch bloß als „der durchschnittlichste
       Spitzenpolitiker der Union“, wie Friedrich Merz den ersten
       Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einmal
       beschrieb. Kein Mann der großen Gesten. Eher der Typ Parlamentarier, der
       bei jeder Bundestagsrede aussieht, als müsse er gleich wieder in den
       Finanzausschuss. Doch genau darin besteht die Herausforderung für die
       Kandidaten: diesen von dem 47-Jährigen nahezu perfekt verkörperten
       Politikertyp des talentierten Pragmatikers mit der ihm so eigenen
       Seifigkeit zu imitieren.
       
       ## Kandidaten in der Erstspatenstich-Challenge
       
       Am Anfang des Wettbewerbs steht ein Pflichttermin im Wahlkreis mit einer
       spontanen Ansprache zur Eröffnung eines an sich überflüssigen
       Kreisverkehrs. Es folgt die Performance-Challenge, für die jeder Kandidat
       mit einem echten Erstspatenstich-Spaten aus Bilgers Privatbesitz auf der
       imaginierten Baustelle einer Brückenertüchtigung posen und dabei den
       berühmten Bilger-Satz „Baden-Württemberg steht vor großen
       Herausforderungen, aber auch vor großen Chancen“ rezitieren muss. Das
       Publikum rast.
       
       Yannik Mosebach wirkt bei diesen Aufgaben unsicher. Anders als es Steffen
       Bilger bei nahezu jedem Auftritt problemlos hinkriegt, bekommt der Kandidat
       seine Erregung kaum in den Griff. Auch bei der nächsten Aufgabe („Wie
       Steffen Bilger den Eindruck vermitteln, man wisse alles, ohne es wirklich
       zu wissen“) macht er keine besondere bilger figura.
       
       Dabei hat er sich zur Vorbereitung ausgiebig durch die
       Social-Media-Accounts des Ludwigsburger Bundestagsabgeordneten gescrollt.
       In denen „jeder Post wie eine Meditation ist über die Kunst, alles richtig
       zu machen – indem man nichts falsch macht“, wie es Frau Gittinger
       formuliert. Etwa wenn es dort heißt: „Einweihung einer Schnellladestation
       an der Raststätte Werratal, das Reichweitenproblem wird damit einmal mehr
       kleiner.“ Oder: „Spannender Austausch mit der Mittelstandsunion über
       Bürokratieabbau. Vielen Dank an alle Beteiligten.“ Selbst ein Satz wie:
       „Das Leistungshüten der Schäfer am Freitag musste wegen der
       Blauzungenkrankheit ausfallen“ sei ein Musterbeispiel für die subjektive
       Weitsicht Bilgers bei gleichzeitig überbordender Objektivität.
       
       ## Geschlagen vom Finanzbeamten
       
       Die Jury aus drei Kommunalpolitikern, zwei pensionierten Verwaltungsbeamten
       und einem Vertreter der örtlichen Sparkasse urteilt hart, aber fair. „Es
       zählt vor allem der innere Bilger“, erklärt Jury-Sprecher Anselm Knef, 63,
       Bürgermeister von Windisch-Neesen aus dem benachbarten Landkreis
       Trauben-Billigheim. „Wer den Bilger überzeugend geben will, muss für einen
       Fortschritt sein, der ohne Änderung des Status quo auskommt.“
       
       Dass Bilger selbst seine Abgeordneten-Pose nicht immer vollendet
       beherrscht, zeigte seine eigene Teilnahme am
       Steffen-Bilger-Ähnlichkeitswettbewerb 2024, bei dem er nur den zweiten
       Platz belegte. Geschlagen von einem 53-jährigen Finanzbeamten aus
       Sachsenheim, der die Aufgabe „Feierliche Eröffnung einer Parkbucht nach nur
       siebenjähriger Bauzeit“ mit so viel innerer Ruhe zelebrierte, dass Publikum
       und Jury in eine ehrfürchtige Stille verfielen.
       
       Das Highlight des diesjährigen Ähnlichkeitswettstreits ist das
       Gedankenexperiment „Bundeskanzler Bilger“. In kurzen Wortbeiträgen sollen
       die Teilnehmer schildern, wie Deutschland aussähe, wenn es von einem
       regiert wird, der zwar bei jeder Eröffnung einer Umgehungsstraße zu seiner
       wahren Stärke findet, sonst aber immer so wirkt, als sönne er gerade über
       eine Richtlinie nach, die er nicht begreift.
       
       ## Ein Abend voller wertschätzender Gespräche
       
       In der Pause wird eine audiovisuelle Retrospektive gezeigt mit den
       Höhepunkten aus Steffen Bilgers schönsten Wahlkreisterminen:
       Frühlingserwachen in Oberriexingen beim Landwirtschafts-Aktionstag auf den
       örtlichen Aussiedlerhöfen. 69. Bundesschwabenball mit Bundestrachtenfest
       aus Anlass von 80 Jahre Vertreibung und 50 Jahre Schwabenball in Gerlingen
       auf Einladung der Landsmannschaft der Ungarndeutschen. Symbolische Übergabe
       eines Förderbescheids für eine überdachte Parkbank in Siddeln-Hohheim.
       Infostand auf dem Kaufland-Parkplatz, musikalisch begleitet von der
       Trompetenklasse der Musikschule Ludwigsburg.
       
       Zum Sieger gekürt wird schließlich Lars Engström aus Markgröningen. Der
       29-jährige Kita-Koch erhält ein Foto Bilgers von einem Pressetermin zur
       Vorstellung der temporären Seitenstreifenfreigabe entlang der
       Anschlussstellen Ludwigsburg-Nord und Ludwigsburg-Süd auf der A81. Der
       Zweitplatzierte, Lokalmatador Björn Waibl, 33, aus Vaihingen, darf sich auf
       eine exklusive Führung durch das Landratsamt Ludwigsburg freuen, während
       der Drittplazierte – Klaus Kuckuck aus Juxheim – an einem CDU-Stammtisch
       mit Annkatrin Gittinger teilnehmen darf. Dort erwartet ihn ein Abend voller
       wertschätzender Gespräche über Baustellenampeln, Tempo 30 vor Altersheimen
       und den Glauben daran, dass maximale Anpassungsfähigkeit eine politische
       Tugend ist. Kandidat Yannik Mosebach geht leider leer aus.
       
       22 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fritz Tietz
       
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