# taz.de -- Kunstfestival Manifesta 16 Ruhr eröffnet: Staub in der Pantoffelkirche
> „This is not a church“ heißt die nun eröffnete Manifesta 16 Ruhr. Sie
> will mit Kunst leerstehende Kirchen umschreiben. Sehenswert, obwohl es
> nicht immer gelingt.
IMG Bild: Arbeiter in Pınar Öğrencis Videocollage „Glück auf in Deutschland“, 2024, in der Bochumer Kirche St. Anna
Das Ruhrgebiet ist Beton. Auch schöner Beton. Wie der grobe Waschbeton im
Lehmbruck Museum Duisburg. Ganze weiße Steine quellen aus ihm heraus. Ihre
weichen Rundungen finden sich sogleich in den riesigen konvexen
Betonschalen wieder. Mit meterhohen Glasstreifen hat der Architekt Manfred
Lehmbruck, Sohn des modernen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, sie verbunden.
Das sieht dann so aus, als stünden diese Museumswände frei herum.
Man merkt dem Gebäude an, wie man 1964, als es entstand, versuchte, die
Schwere des Zweiten Weltkriegs, die Last der deutschen Vergangenheit und
der hiesigen Stahlindustrie durch eine [1][leichte, moderne Architektur]
wegzuspülen. Innen übersieht man, was außen ist. Auch jetzt noch: die
desolate Autostraße gleich hinterm Museum, die eine zerschossene Duisburger
Innenstadt umkreist, wo sich heute abgeranzte Kaufhäuser, Ladenleerstand,
vereinzelte Altbauten und ewige Baustellen abwechseln. Duisburg, noch immer
Sitz der mächtigen Thyssenkrupp Steel Europe AG, hat viele Probleme. Im
Stadtteil Marxloh lebten kürzlich 71 Prozent der Minderjährigen in
Kinderarmut, schreibt der Stadtplaner Joseph Bohigas.
Duisburg ist neben Bochum, Essen und Gelsenkirchen einer von vier
Standorten der Manifesta 16 Ruhr, der nun eröffneten europäischen
Wander-Kunstbiennale. Zuvor fand die Manifesta in einzelnen Städten statt –
Marseille, Prishtina, [2][zuletzt Barcelona] – dieses Mal mit dem
Ruhrgebiet in mehreren zugleich. Bohigas spricht lieber von einem
„polyzentrischen Gebiet“.
Bohigas, den manche von seinen verkehrsberuhigten, wiederbegrünten
„Superblocks“ aus Barcelona kennen, ist der sogenannte First Creative
Mediator der Manifesta 16 Ruhr. Er hat ihr räumliches Konzept entwickelt –
dezentral, zwölf Ausstellungen in zwölf Kirchen der Nachkriegszeit, zumeist
in Wohnquartieren an den zersiedelten Stadträndern. Denn die
Manifesta-Organisation will nicht nur die Kunst von 107 internationalen
Künstler:innen zeigen, zusammengestellt von sieben weiteren
Kurator:innen. Sie will auch mit einer „Urban Vision“ daherkommen, wie denn
dem Strukturwandel, dem Klimawandel, dem allseitigen Wandelwandel im
Ruhrgebiet stadtplanerisch zu begegnen sei.
Das scheint auch Politiker wie den SPD-Mann Frank Dudda, Präsident des RVR
Ruhrparlaments, überzeugt zu haben, die Wanderbiennale bis Oktober
überhaupt an die Ruhr zu holen – und, wie Dudda sagt, 70 bis 80 Prozent
ihres rund 10 Millionen Euro hohen Gesamtbudgets bei den hiesigen, allem
Niedergang der Montanindustrie zum Trotz doch recht liquiden
Firmenstiftungen einzuwerben.
Und so stellt sich auf dieser Manifesta eine Art Ping-Pong-Spiel ein
zwischen der städtebaulichen Studie Bohigas, zu der eine ausführliche
Publikation erschienen ist, und der ausgestellten Kunst. Mal untermalt die
Kunst Bohigas’ Beobachtungen, mal widerspricht sie oder zeigt ganz eigene
Blickwinkel.
## Die Ewigkeitslast
Für Bohigas ist das Ruhrgebiet eine „organische, dezentrale Struktur“, mit
„materiellen Spuren seiner industriellen Vergangenheit“. Wie tief die
Spuren sitzen, demonstrieren in der Christ-König-Kirche die langsamen,
sterilen Kamerafahrten in einem Video von Niklas Goldbach entlang der
Betonwände und mächtigen Maschinen eines Wasserpumpwerks. Wie eine
technoide Big-Brother-Dystopie sieht das aus, ist aber Ausdruck eines
realen Problems: die Ewigkeitslast. Infolge des jahrhundertelangen
Kohleabbaus muss die Region für immer mithilfe massiver Technik entwässert
werden, sie würde sonst überflutet. Dass diese Ewigkeitslast schon in
spirituelle Sphären hineinragt, zeigt eine schwarze Madonna von Mirosław
Bałka aus Kohle und Stahl, die ewig anzubetende.
Bohigas konzentriert sich in seiner Studie mehr auf die soziale Struktur
des Ruhrgebiets, in ihr habe sich das Prinzip der Quartiere eingeschrieben.
Die ursprünglichen Arbeiterquartiere rund um die Industriewerke, in denen
„viele Eingewanderte aus diversen Herkunftsländern“ leben. Hier sei Arbeit
lange die „gemeinsame Identität“ gewesen. Wie ignorant aber die
öffentlichen Stellen ebenso lange gegenüber dieser gewesen sein müssen,
[3][verdeutlicht Pinar Öğrenci] in ihrer Videocollage „Glückauf
Deutschland“. Vergeblich suchte die Künstlerin im Archiv des Ruhr Kunst
Museums Essen nach Darstellungen von Migrant:innen, die doch spätestens
seit den Anwerbeabkommen der 1960er Jahre die Arbeiter:innenkultur im
Ruhrgebiet prägten. Erst ab den 1980ern konnte Öğrenci sie auch in den
Mediensammlungen finden.
Aber bei diesen Quartieren setzt Bohigas an, hier ließe sich umsetzen, was
mit dem beliebten Claim „Recht auf Stadt“ gefordert wird: ein
gemeinschaftliches Gestalten des Wohnumfelds. Und hier kommt auch wieder
die leichte, vergangenheitsvergessene Architektur der Nachkriegsmoderne ins
Spiel. Denn das städtebauliche Zentrum dieser Quartiere ist – zumeist
autogerecht hinter einem Parkplatz versteckt – eine Kirche.
„Pantoffelkirche“ ist das Konzept. Das hatte der erste katholische Bischof
im Ruhrgebiet, Franz Hengsbach, eingeführt, der nach dem Krieg die neu zu
bauenden Gotteshäuser eben so nahe an den Wohnungen der Leute haben wollte,
dass man sich nur die Pantoffeln anziehen musste, um sie zu erreichen.
Heute sind sie häufig leer und entweiht. Sie gehören zu den 20.000 Kirchen,
die in den nächsten Jahren deutschlandweit funktionslos herumstehen werden.
Die [4][Kirchenfrage wird mittlerweile rege in Stadtplanung und
Denkmalpflege] diskutiert.
12 solcher entweihten Kirchen bespielt die Manifesta mit Kunst, „This is
not a church“ ist der Titel der gesamten Schau. Tolle Bauten sind dabei:
Die Liebfrauen-Kirche in Duisburg hat transparente Faltwände, die kleine
Markuskirche in Essen hat ein kristallin geformtes Dach, das nur an vier
Punkten auf dem Hauptschiff aufsitzt und gleich abzuheben scheint.
[5][Augustas Serapinas] hat dort für die Manifesta Kirchenbänke zu einem
perfekten quadratischen Objekt verarbeitet – Minimal Art, Kanzel und
Aussichtsturm zugleich. Die Thomaskirche in Gelsenkirchen ist von den
Architekten Fred Jankowski und Albert Wittig 1965 zu einer lichten Skulptur
durchdesignt, wie konkrete Kunst ragen Quadrate als abstraktes Relief aus
der Altarrückwand hervor, die grazile Treppe scheint zu schweben.
In der Thomaskirche fragt der Kurator Gürsoy Doğtaş, welche menschlichen
und gesellschaftlichen Bedingungen eigentlich hinter den Gegenständen der
Gestaltung stecken. Er lässt die geometrischen Textildrucke von Atiye Altül
aus den 1970ern aufhängen oder über die Kirchenbänke eine drei Meter hohe
Skulptur von Bettina Allamoda mit einer Lkw-Plane aus PVC aufstellen. Das
Material steht für Gütertransport, Grenzübertritt, Industrieproduktion,
Arbeitskraft, Ausbeutung. Gleichsam sind Textilien auch kulturelle Symbole.
Wie das Kopftuch, das die erschöpft eingenickte Frau auf der Porträtmalerei
von Mehmet Aksoy trägt. „Eine Akkordarbeiterin in der U-Bahn“ heißt das
kleine Gemälde von 1983, angefertigt in Deutschland.
Man kann sich auf dieser Manifesta fragen, ob die „Urban Vision“ von
Bohigas aufgeht. Ob sich wirklich für die Kirchen durch die Kunst neue
Nutzungen ergeben. Für St. Josef in Gelsenkirchen hat schon einmal eine
örtliche Basketball-Gruppe angemeldet, sie zum ständigen Sportfeld
umwandeln zu wollen. Ansonsten aber werden die Bauten während der Manifesta
vielmehr wie eigene Kunsthallen betrachtet. Jede ist sehenswert.
Die von Leonie Herweg und dem deutschen Kuratorenaltmeister René Block
programmierten Schauen in zwei Essener Kirchen arbeiten sich viel an den
Formalitäten der einst sakralen Räume ab. [6][Katharina Fritsch] hängt ein
leuchtend lila bemaltes Kreuz aus knochigen Holzästen ins dunkle
Backsteinschiff und Jason Dodge führt die Zersetzung des abrissfälligen
Baus fort. Zur Unkenntlichkeit häufte er vorgefundene Materialien und
Mobiliar – Kirchenbänke, Schränke, ein Bett – zu seltsamen, funktionslosen
Gestalten zusammen. Und Ayșe Erkmen hat einen KI-Beichtstuhl eingerichtet.
Man spricht in einer schalldichten Glaskapsel zu einem
göttlich-gleißend-hell erleuchteten Flachbildschirm.
Und manchmal denkt man vielleicht doch, dass sich diese leerstehenden
Kirchen umschreiben lassen, schon durch den simplen Akt des Umbenennens.
Bei der Sankt Bonifatius-Kirche in Gelsenkirchen hat das Bureau Baubotanik
einen Kräutergarten eingerichtet, wo man sich Tees zubereiten kann. Benannt
ist der Garten nach Ferdane Satir, einer Bewohnerin Duisburgs, einer
Mutter, Bürgerin und Opfer eines rassistischen Mordanschlags 1984.
Das Schicksal von Ferdane Satir ist eine von vielen schweren Geschichten
der Migrant:innen, die hier auftauchen auf der Manifesta. Man kann diese
[7][schon allein über den Namen des Ortes in den Alltag holen], inmitten
eines Wohnquartiers, wo auch über die Fußball-WM hinaus so viele
Deutschlandflaggen an den Häusern hängen, dass es einen graust. Auch die
schöne, leichte Nachkriegsarchitektur darf mit solchen Namen wie Ferdane
Satir behangen werden, mag sie sich ästhetisch noch so sehr von der
Geschichte lösen wollen.
21 Jun 2026
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## AUTOREN
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