# taz.de -- Krawalle in Belfast: Der Brexit ist schuld
> Der Austritt Großbritanniens aus der EU verschaffte dem
> Rechtsradikalismus enormen Aufwind. Anstatt gegenzuhalten, zog Labour in
> Sachen Migration mit.
IMG Bild: Die Antirassismuskundgebung vor dem Rathaus von Belfast wurde von AktivistInnen der „Together Against Hate“ organisiert
Man sah die Vorzeichen schon im Sommer 2016. In den Wochen nach dem
Brexit-Votum kam es zu einer Welle rassistischer und fremdenfeindlicher
Zwischenfälle. Polnische Schulkinder wurden als „Ungeziefer“ beschimpft,
nichtweiße Menschen auf offener Straße beleidigt. Schon in dem Monat nach
dem [1][„Leave“-Votum] registrierte die Polizei einen 41-prozentigen
Anstieg der fremdenfeindlichen und religiös motivierten Hassverbrechen.
Zehn Jahre später ist rassistische Gewalt zur traurigen Routine geworden.
Seit gut zwei Wochen spitzt sich die Lage mit heftigen [2][Krawallen in
Belfast], Southampton und anderen Orten noch zu. Randalierer nehmen gezielt
Geschäfte und Wohnungen von nichtweißen Bürgern ins Visier, Familien mit
Kindern müssen fliehen oder von der Polizei evakuiert werden. Bereits in
den vergangenen drei Jahren hatte sich gewaltsamer Rassismus hier zunehmend
etabliert.
Ein entscheidender Grund dafür ist der Brexit. Der Austritt Großbritanniens
aus der EU brachte in wichtigster Konsequenz den Aufstieg der radikalen
Rechten im Vereinigten Königreich mit sich. Es ist zwar richtig, dass nicht
alle Warnungen, mit denen die Brexit-Gegner damals so dringlich von einem
„Leave“-Votum abrieten, richtig lagen. So brach keine plötzliche
wirtschaftliche Apokalypse über das Land herein, nachdem das Resultat am
24. Juli bekannt war. Längerfristig wurde indes klar, wie grandios falsch
die Brexit-Anhänger lagen.
Aufschluss gibt der glühende Brexit-Fan und ehemalige konservative
Europaabgeordnete [3][Daniel Hannan]. Kurz vor dem Referendum gab er sich
einer schwärmerischen Zukunftsvision hin: Der EU-Austritt würde einen
Wirtschaftsboom auslösen, die Demokratie und die Freiheit stärken und die
Beziehungen mit den Nachbarländern verbessern. Mit poetischer Passion
beschrieb er den Brexit als den Moment, in dem die Briten eine Tür
aufmachen, und, geblendet vom Sonnenlicht, eine Sommerwiese mit
zwitschernden Vögeln sehen würden.
## Fatal für die Wirtschaft
Na ja. Das ist nicht unbedingt das Bild, das sich bei einem Blick auf
Großbritannien im Jahr 2026 aufdrängt. Nicht alle Missstände, die man heute
im Land sieht – marode Dienstleistungen, hohe Lebenshaltungskosten,
exorbitante Wohnungspreise – lassen sich auf den Brexit zurückführen. Aber
er hat viele Entwicklungen verstärkt und neue angestoßen, vor allem für die
[4][britische Wirtschaft]. So sind Exportunternehmen besonders betroffen,
denn die Zollbürokratie verschafft ihnen zusätzliche Kosten und Mühen.
Investitionen sind deutlich zurückgegangen, und die Produktivität hat
gelitten, weil Firmen weniger Ressourcen für produktive Aktivitäten haben.
Experten gehen davon aus, dass der Brexit die Wirtschaftsleistung pro Kopf
um 6 bis 8 Prozent schrumpfen ließ. Parallel dazu leitete der Brexit eine
Phase der politischen Instabilität ein. Seit 2016 hat Großbritannien sechs
Premierminister verheizt – und wenn Starmer wie erwartet bald abtreten
muss, wäre sein Nachfolger der siebte.
Zum Vergleich: In den drei Jahrzehnten nach 1979 hatte Großbritannien
gerade mal vier Premierminister. Grund für die wiederholten
Regierungswechsel ist unter anderem, dass die Torys nach dem Brexit immer
mehr in den Rechtspopulismus geschlittert sind. Wie der Journalist Daniel
Trilling in seinem neuen Buch [5][„If we Tolerate This“] schreibt, waren
die Torys die einzige konservative Partei in Westeuropa, die „sich selbst
radikalisiert hat“. Der rechte, Brexit-begeisterte Parteiflügel wurde
tonangebend, der Rest der Partei folgte ihm.
[6][Theresa May musste abtreten], weil ihr Brexit-Plan laut ihren Kritikern
am rechten Rand zu viele Kompromisse beinhaltete. Ihr Nachfolger Boris
Johnson stürzte sich voll in den Kulturkampf, vor allem beim Thema
Migration. Obwohl die Zuwanderung laut Umfragen in den Jahren nach dem
Brexit für die Öffentlichkeit an Bedeutung verlor, wurde sie zu einer
regelrechten Obsession für die Torys. Die Innenministerinnen [7][Priti
Patel und Suella Braverman] taten sich mit hetzerischer Rhetorik hervor,
sie stilisierten die Bootsflüchtlinge, die über den Ärmelkanal kamen, zu
einer existenziellen Bedrohung für Großbritannien.
## Konkurrenz von rechts außen
Doch damit nicht genug. Als die Migration nach der [8][Covidpandemie]
wieder zu steigen begann – viele Wirtschaftssektoren litten an einem akuten
Mangel an Arbeitskräften –, erwuchs rechts der Torys eine Konkurrenz in
Form von [9][Nigel Farages Rechtspartei Reform UK] (vormals hieß sie Brexit
Party). Mehr als allen anderen Politikern ist es Farage geschuldet, dass
der Rechtsradikalismus in Großbritannien zu einer prägenden politischen
Kraft geworden ist.
Wenn rassistische Gewalt ausbricht, versucht er sich jeweils zu
distanzieren – aber seit Jahren ist es genau seine Rhetorik, die den Boden
dafür bereitet. Fatalerweise gab es viel zu wenig Widerstand dagegen.
Stattdessen blies ein Großteil der Medien als auch die Labour-Partei, die
seit 2024 an der Macht ist und es bleiben will, ins gleiche Horn. Die
konservative Presse hat mit ihrer migrationsfeindlichen Berichterstattung
zusätzlich Öl ins Feuer gegossen.
Keir Starmer mit seiner Labour-Partei versuchte, den Vormarsch von Reform
UK zu stoppen, in dem er die Einwanderungspolitik noch verschärfte – ein
Kalkül, das erwartungsgemäß krachend scheiterte. Von allen Brexit-Schäden
ist dies der schwerste: Die migrationsfeindliche Dynamik, die das
Referendum vor zehn Jahren anstieß, hat dazu geführt, dass zum ersten Mal
in der Geschichte Großbritanniens mit der Reform UK die Gefahr einer
rechtsradikalen Regierung droht.
Allerdings gab es gerade in den vergangenen Wochen auch ermutigende
Zeichen. In zwei Nachwahlen verlor Reform UK gegen progressive Kandidaten,
einmal in Gorton and Denton gegen die Grünen und am vergangenen Donnerstag
in [10][Makerfield] gegen Labour. Meinungsforscher halten es für möglich,
dass Reform UK seinen Zenit bereits überschritten hat.
Auch war die „Unite the Kingdom“-Demo im Mai, organisiert vom
Rechtsextremen Stephen Yaxley-Lennon (auch bekannt als Tommy Robinson), mit
überschaubarer Beteiligung ein ziemlicher Reinfall. Möglich ist, dass
Großbritannien zehn Jahre nach dem Brexit damit anfängt, die Rechte wieder
zurückzudrängen.
21 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Nach-dem-Brexit-Referendum/!5316334
DIR [2] /Nordirland/!6186102
DIR [3] https://www.europarl.europa.eu/meps/de/4555/DANIEL_HANNAN/history/9
DIR [4] https://niesr-ac-uk.translate.goog/publications/revisiting-effect-brexit?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq
DIR [5] https://www.counterfire.org/article/if-we-tolerate-this-how-the-british-establishment-made-the-far-right-respectable-book-review/
DIR [6] /Machtuebergabe-in-Grossbritannien/!5608591
DIR [7] /Parteitag-der-britischen-Tories/!5961231
DIR [8] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
DIR [9] /Rechtsruck-in-Grossbritannien/!6177511
DIR [10] /Nachwahlen-Grossbritannien/!6189058
## AUTOREN
DIR Peter Stäuber
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