# taz.de -- CSD in Wittenberg: Dem Rechtsruck entgegen
> Erneut ziehen Queers beim CSD durch Wittenberg. Eine rechte Gegendemo
> gibt es dieses Jahr nicht. Die anstehende Wahl gibt dennoch genug Anlass
> zur Sorge.
IMG Bild: Rund 400 Menschen gingen beim CSD in Wittenberg für Vielfalt und Akzeptanz auf die Straße
„Your hate won’t silence our pride“, steht auf einem selbstgebastelten
Protestschild einer Besucherin des CSD in Wittenberg. Sie ist an diesem
Samstag mit zwei Freund:innen unterwegs, die jeweils eine Trans*- und
eine Regenbogenflagge stolz um ihre Schultern gebunden haben. Neben ihnen
gehen zwei Polizist:innen durch die kleine Menschenmenge, die sich an
diesem Mittag auf dem Marktplatz der Lutherstadt versammelt hat.
Jubelnder Applaus ertönt, als [1][Luna Möbius, Content Creator,
Kommunikationsstrategin und dieses Jahr Schirmherrin des CSD Wittenberg],
auf die Bühne tritt. „Ich finde es voll schön, dass ihr hier seid, aber die
Lage ist ehrlicherweise schon auch ein bisschen beschissen.“ Die 25-jährige
Aktivistin ist überzeugt: „Wir sind nicht wütend genug!“
Es ist erst der [2][zweite CSD in Wittenberg] und obwohl im Gegensatz zum
letzten Jahr [3][keine rechte Gegendemo] angemeldet ist, liegt trotz Freude
auch viel Ernsthaftigkeit in der Luft. Viele hier beschäftigt vor allem die
bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. [4][In Umfragen liegt die
rechtsextreme AfD aktuell bei über 40 Prozent.]
„Es wird in unserer Heimat keine rechtsextreme Regierung geben. Und es wird
erst recht keine geben, die wir dulden werden“, sagt Luna Möbius mit
selbstbewusster Stimme in ihr Mikrofon. Die Menschenmenge klatscht und
jubelt. Die Aktivistin ist sich sicher: Nicht alle AfD-Wähler:innen seien
überzeugt von rechtsextremen Einstellungen und es lohne sich, weiter
miteinander zu sprechen.
## Bundesweit „abstrakte Gefährdungslage“ für CSDs
Die Demonstration zieht laut Polizei mit etwa 400 Teilnehmer:innen los
– etwas weniger als im vergangenen Jahr. Dafür ohne größere Störungen.
Carsten Liebelt, Pressesprecher des CSD Wittenberg, beschreibt die
Sicherheitslage als „sehr gut“. Im Vorfeld habe es viele Gespräche mit der
Polizei gegeben. Sowohl die Eingänge der Stadt als auch die
Laufdemonstration wurden mit Einsatzkräften abgesichert.
Am Rande der Demonstration tauchen zwei Männer mit Sonnenbrillen und
Bierflaschen auf, als der Demozug für einige Reden anhält. Sie gucken etwas
grimmig, die Polizei schickt sie direkt weg.
Grit Merker ist die hauptamtliche Ansprechperson für LSBTTI bei der
Landespolizei Sachsen-Anhalt und betreut hier gemeinsam mit einigen
Kolleg:innen einen Infostand. „Generell besteht bundesweit eine
abstrakte Gefährdungslage für CSD-artige Veranstaltungen“, sagt die
Polizistin. Die [5][Anzahl der queerfeindlichen Straftaten] steige
kontinuierlich an. „Es ist ernstzunehmend. Wir gehen davon aus, dass das
Dunkelfeld riesig ist, weil die Leute Straftaten eher nicht zur Anzeige
bringen.“
Die Sonne knallt auf das Kopfsteinpflaster der Lutherstadt. Es hat knapp 30
Grad. Das hält die beiden Schwestern Anna (28) und Eva (25) aber nicht
davon ab, in ihrer Heimatstadt an diesem Tag auf die Straße zu gehen. Eva
trägt ein Schild in der Hand. Darauf steht: „If being gay was a choice I
would be even gayer.“
## Pride-Flagge an der Kirche
Die beiden sind in Wittenberg aufgewachsen. Ihren Nachnamen wollen sie
nicht veröffentlichen. Die beiden sind zum Studieren weggezogen – wie so
viele ihrer Freund:innen. „Es ist schön zu merken, dass hier Menschen sind,
die für unsere Rechte kämpfen“, sagt Eva. Durch den CSD können sie sich
besser vorstellen, vielleicht irgendwann wieder nach Wittenberg
zurückzuziehen. In ihrer Jugend gab es für Eva zu wenig queere Sichtbarkeit
in der Stadt.
Die beiden Schwestern haben gemeinsam mit ihrem Vater die Pride-Flagge in
der Schlosskirchengemeinde aufgehängt. Wie schon im vergangenen Jahr.
Damals hätte jemand aus einer vorbeigehenden Gruppe ihnen zugerufen: „Wir
hoffen, dass ihr die abhängt und nicht aufhängt.“
„Das hat mich ganz schön getroffen“, sagt Eva. In diesem Jahr prangt auch
an der Stadtkirche eine Regenbogenflagge, sie ist vom Marktplatz aus
sichtbar. Außerdem gibt es einen ersten queeren CSD-Gottesdienst in der
Schlosskirchengemeinde. „Es ist toll, dass die Kirche Solidarität zeigt –
egal, wie nah oder fern man ihr steht“, sagt Anna.
„Queeres Leben gehört gefeiert, aber queeres Leben gehört auch hart
erkämpft, und das erkämpft sich an Orten wie Lutherstadt Wittenberg“, sagt
Luna Möbius der taz. Ihre Rede beendet sie mit den Worten: „Auch in
Lutherstadt Wittenberg, komme was wolle, egal wie diese Wahlen ausgehen,
lautet unsere Antwort immer wieder: Widerstand.“
21 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.instagram.com/luna.moebius/?hl=de
DIR [2] /Bunte-Parade-in-Sachsen-Anhalt/!6095607
DIR [3] /Eine-Familie-zwei-Maennerbilder/!6174851
DIR [4] /Drohende-AfD-Regierung-in-Ostdeutschland/!6177987
DIR [5] /Queerfeindliche-Straftaten-2025/!6153999
## AUTOREN
DIR Johanna Pichler
## TAGS
DIR Christopher Street Day
DIR Queer
DIR Schwerpunkt LGBTQIA
DIR Rechtsextremismus
DIR Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
DIR Schwerpunkt AfD
DIR Social-Auswahl
DIR Christopher Street Day
DIR männertaz
DIR Schwerpunkt LGBTQIA
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR CSD in Sachsen-Anhalt: Wo Queers ständig im Feuer stehen
In der Kleinstadt Sangerhausen fand zum ersten Mal ein CSD statt. 200
Menschen feierten ein Fest der Liebe – auch wenn der Hass im Ort präsent
war.
DIR Eine Familie, zwei Männerbilder: Die ungleichen Brüder
Elias Zarrad meldet den CSD in Wittenberg an, sein Bruder Jonas die
Gegendemonstration der Neonazis. Ein Familienbesuch.
DIR Queerfeindliche Straftaten 2025: Attacke auf alle
Eine Anfrage im Bundestag macht Zahlen zu queerfeindlicher Gewalt
öffentlich. Das Ausmaß der Angriffe darf nicht als Randphänomen abgetan
werden.
DIR Bunte Parade in Sachsen-Anhalt: Eine neue Reformation
Trotz Nazi-Drohungen sind Hunderte Queers beim ersten CSD Wittenberg durch
die Lutherstadt gezogen. Sie warnen vor den Landtagstagswahlen 2026.