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       # taz.de -- Stichwahl in Kolumbien: Selbsternannter „Tiger“ macht das Rennen
       
       > In Kolumbien gewinnt der rechtsextreme Kandidat Abelardo de la Espriella
       > die Stichwahl. Er schlägt zunächst versöhnlichere Töne an als im
       > Wahlkampf.
       
   IMG Bild: Die Linke „ausweiden und auslöschen“: Kolumbiens designierter Präsident Abelardo de la Espriella
       
       Kolumbien rückt nach rechts: Mit hauchdünnem Vorsprung gewinnt der
       ultrarechte Kandidat Abelardo de la Espriella die
       [1][Präsidentschaftsstichwahl] gegen Iván Cepeda, den linken Kandidaten der
       Regierungspartei. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Stimmen kam de la
       Espriella auf rund 49,6 Prozent, sein linker Rivale Iván Cepeda auf 48,7
       Prozent. So lautet das vorläufige Ergebnis der Wahlbehörde. Der Unterschied
       beträgt weniger als ein Prozent – oder nur rund 250.000 Stimmen.
       
       Nach vier Jahren wird es demnach keine Fortsetzung der ersten linken
       Regierung Kolumbiens geben – und eins der wenigen linksregierten Länder in
       Südamerika wechselt wohl ins ultrarechte Extrem.
       
       In seiner Heimatstadt Barranquilla feierte der 47-jährige Abelardo de la
       Espriella mit tausenden Anhänger*innen seinen Sieg. Der selbsternannte
       „Tiger“ trug wieder das Trikot der Nationalmannschaft und gab sich auf
       einmal versöhnlich. Der Anwalt und Geschäftsmann hatte sich im Wahlkampf
       durch brutale Rhetorik hervorgetan. [2][Die Linke werde er „ausweiden“],
       hatte er mehrfach angekündigt. Medien, die die angebliche Erfolgsgeschichte
       seiner Unternehmen zerlegten oder kritisch durchleuchteten, wie er als
       Anwalt lukrativ die Narcos und Mörder vertreten hatte, die er nun zu
       verfolgen versprach, überzog er mit Rechtsklagen.
       
       Am Sonntag klang er auf einmal anders: „Es wird keine Vergeltungsmaßnahmen
       geben, es wird keine Verfolgungen geben. (…) Niemals werden Andersdenkende
       fürchten müssen.“ Er werde der Präsident aller Kolumbianer sein und der
       Verfassung absolut treu.
       
       ## Widersprüchlicher Werdegang
       
       „Die Zeit des Terrorismus, der Korruption und des Drogenhandels ist
       vorbei.“ Der Wiederaufbau des Vaterlands beginne jetzt. Kolumbien steckt in
       der schwersten Sicherheitskrise seit zehn Jahren – eines der Hauptthemen im
       Wahlkampf. De la Espriella verehrt US-Präsident Donald Trump, [3][El
       Salvadors Diktator Nayib Bukele] und Argentiniens libertären Präsidenten
       Javier Milei.
       
       De la Espriella versprach im Wahlkampf Megagefängnisse, eine 90-tägige
       Militärkampagne gegen in Drogengeschäfte verwickelte Banden mit
       Unterstützung der USA und Israel. Außerdem will er die Wirtschaft
       deregulieren, den Staatsapparat um 40 Prozent zusammenstreichen.
       
       Sein Werdegang ist widersprüchlich. Bis 2021 war er erklärter Atheist. Im
       Wahlkampf hatte er nun die Unterstützung der christlichen und vor allem
       evangelikalen Kirchen gewonnen. In Barranquilla dankte er Gott. Früher
       prahlte er damit, wie er Katzen in die Luft jagte. Im Wahlkampf mutierte er
       zum selbsternannten „Tiger“. Und er, der keinen Militärdienst absolvierte
       und die vergangenen Jahre im Ausland lebte, salutierte vom Wahlplakat und
       trat für die Bewegung „Verteidiger des Vaterlands“ an.
       
       Neben der kolumbianischen und italienischen verfügt er über die
       US-Staatsbürgerschaft. Für letztere musste er den USA absolute Treue
       schwören – was laut Verfassungsrechtler*innen einen
       Loyalitätskonflikt mit dem Präsidentschaftsamt in Kolumbien bedeutet.
       US-Präsident Donald Trump hatte sich hinter de la Espriella gestellt. Sein
       Außenminister Marco Rubio gehörte neben Chiles rechtsextremem Präsidenten
       [4][José Antonio Kast] und der venezolanischen rechten Oppositionsführerin
       [5][María Corina Machado] zu den ersten Gratulanten nach der Wahl.
       
       ## Ein geteiltes Land
       
       Der Gegenkandidat und wohl Wahlverlierer Iván Cepeda ist Menschenrechtler,
       Philosoph und langjähriger Senator. Der 63-Jährige trat für die
       Regierungspartei Pacto Histórico von [6][Präsident Gustavo Petro] an – und
       stand für eine Fortsetzung von dessen Kurs.
       
       Bei seinem Auftritt im Royal Center in Bogotá nach der Wahl klang Cepeda,
       als sei er bereits in der Opposition angekommen: „Wir werden nicht
       zulassen, dass es zu Rückschritten bei den sozialen Errungenschaften der
       vergangenen vier Jahre kommt“, versprach er seiner Anhängerschaft. Dazu
       gehörten mehr finanzielle Unterstützung für sozial Schwächere, weniger
       Armut und Arbeitslosigkeit. Der Sonntag zeige, dass die Linke eine
       „entscheidende Kraft“ im Land sei. In diesem geteilten Land wolle er sich
       für eine nationale Übereinkunft einsetzen.
       
       ## Warten auf das offizielle Ergebnis
       
       Petro und Cepeda betonten, dass das Ergebnis der Schnellauszählung weder
       offiziell noch bindend sei. Mit Wahlzeugen und Anwält*innen würde man
       33.000 Wahltische anfechten, kündigte Cepeda an. „Wir werden das Ergebnis
       anerkennen, das die Auszählung ergibt“, versprach Cepeda.
       
       Das offizielle Wahlergebnis (Escrutinio), für das alle Unterlagen noch
       einmal kontrolliert werden, wird in den kommenden Tagen erwartet. In der
       Vergangenheit unterschied sich das Ergebnis nur unwesentlich von dem der
       Schnellauszählung.
       
       Die Stichwahl war in mehrerer Hinsicht historisch: Noch nie war der Abstand
       zwischen zwei Kandidaten so klein. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 63,5
       Prozent einen neuen Rekord. Die grobe Tendenz der ersten Runde blieb gleich
       – nur gewannen beide Kandidaten Wählerstimmen hinzu.
       
       22 Jun 2026
       
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