# taz.de -- Szenische Einrichtung neuer Theatertexte: Die Wucht der Wörter
> Es geht um Soapstars, den Tod und Kiefern: Am Deutschen Theater Berlin
> gingen die Autor*innen-Theatertage mit einer langen Nacht zu Ende.
IMG Bild: Jonas Hien als an sich selbst zweifelnder Soapstar Jo in Simone Saftigs Stück
Es war einmal ein Vorabendserienstar, der an seinem Status (ver-)zweifelte.
Oder wenigstens so tat. Und es war einmal ein Mädchen in seinen besten
Backfischjahren, das seine Oma an den Tod verlor und ihr nachfolgte. Oder
das nur träumte.
Und es war einmal ein Wald, der für sich beanspruchte, der einzig richtige
Wald zu sein. Und dann doch nur eine Kiefer war. Eintauchen zu können in
drei neue Theatertexte am selben Ort kompakt an einem Abend, das ist die
Lange Nacht der Autor*innen, der Abschluss der
[1][Autor*innenTheaterTage (ATT) am Deutschen Theater in Berlin].
Simone Saftig, Gesa Geue und Marcus Peter Tesch haben als
ATT-Atelier-Autor*innen während dieser Spielzeit vor Ort je ein
Auftragswerk für das DT verfasst. Die drei Texte erleben nun ihre
Uraufführung in einer szenischen Einrichtung mit DT-Personal.
Und so sitzt man zuerst im großen Saal unter einem goldenen pochenden
Herzen (Bühne: Ramona Hufler). Vor sich Jonas Hien als aalglatter Soapstar
Jo. Der inszeniert in [2][Simone Saftigs] „Jo schmeißt hin“ seine
beruflichen Selbstzweifel mit maximalem medialen Verwertungspotenzial.
Saftig gibt ihm drei Fans als Gegenüber.
Als er ankündigt, die Serie zu verlassen, klammern sie sich in einem Akt
der Verzweiflung an ihn. Jo und seine Fans sind als liebevolle Karikatur
konzipiert. (Saftig outet sich im gezeigten Videoporträt als GZSZ-Fan.) Es
ist eine eigenartige Karikatur, in der die Fans im Chor sprechen und einen
Text reproduzieren, der stellenweise wie ein populärwissenschaftlicher
Soziologieaufsatz klingt.
## Raus aus unserem Erfahrungshorizont
Gesa Geue wagt sich in der Kammer des DT mit „… und hinter der Nacht
erscheint die Welt“ raus aus unserem Erfahrungshorizont. Bernd Moss
schleppt sich als Tod auf den Schiedsrichterhochstuhl, kommt wieder runter
und wirft sich auf das Bett von Fredis Oma. Er möchte endlich eine Pause
und zwingt Fredi das Amt auf.
Die ist 16 und nimmt den Posten an, weil sie nur so bei ihrer toten Oma
bleiben kann. Im Grunde verändert sich so für Fredi das Wichtigste nicht:
Sie hat ihre Oma wieder, die im Reich der Toten dieselbe Oma ist wie
vorher.
Den größten Charme haben Text und szenische Einrichtung (Karsten Dahlem),
wenn die Geschichte sich in skurrile Szenen schmeißt. So treffen Fredi
(Josephine Kunze) und Oma (Tatja Seibt) auf dem Weg ins Jenseits auf eine
Muschel. Moss' Muschel ist eine Diva. Zart schimmert ihr gepolsterter
Umhang, die extravagante Kopfbedeckung ist Ton in Ton (Kostüme: Lena Beck).
## Machtkampf im Pappwald
Geue legt der Muschel einen tiefenentspannten und zugleich tief
konservativen Satz in den Mund: „Ich mache, was eine Muschel machen muss.
Ich grab mich aus, ich grab mich ein.“ Bei Moss bekommt diese Aussage eine
dermaßen lässige Grandezza, dass man die Muschel nach ihrem kurzen Auftritt
direkt vermisst.
Das Bühnenbild von „Der Gesang des Pottwals“ im Hof des DT beherbergt für
eine Nacht die „Bösen Bäume“ von Marcus Peter Tesch. Ein alter Pick-up rast
über den Hof und bremst neben der Zuschauertribüne scharf ab. Aus allen
Türen und Fenstern schälen sich Spieler*innen.
Sie schnappen sich die Pappnadelbäume vom Pick-up und schleppen sie auf die
von Korbinian Schütze eingerichtete Bühne. Was dann eine gute Stunde im
Pappwald passiert, ist vor allem witziges Laut-Theater, das
Gruppendynamiken und deren Machtverhältnisse entlarvt.
[3][Ernst Jandl] hätte definitiv seine Freude an Peter René Lüdicke, Jens
Koch und Abak Sajaei-Rad, die zu Hochform auflaufen, wenn sie im
Minutentakt verschiedene Waldtiere markieren. Tesch gibt ihnen ein
wunderbares Lautlibretto an die Hand, das auch sinnfrei total Spaß machen
würde, hier aber dramaturgisch klug eingebettet ist in einen Dialog von
zwei Protagonist:innen (Moritz Kienemann und Nele Trebs), die beide
behaupten, der einzig richtige Wald zu sein. Sie kommen darüber ins
Gespräch, handeln Zuständigkeiten aus und kuscheln kurz vor Schluss sogar
miteinander.
## Männer im Munde bewegt
Zum Schreien komisch ist, wenn sich Lüdicke, Koch und Safaei-Rad
lautmalerisch an dem Wort „Männer“ versuchen. Immer wieder neu tasten sie
sich an dieses Wort heran, als hätten sie es gerade zum ersten Mal gehört.
Dessen Vokale und Konsonanten werden zögerlich in den Mund genommen,
gedehnt und letztendlich zwischen den Kiefern zermalmt.
Das ist direkte, im Augenblick entstehende Dekonstruktion. „Böse Bäume“ hat
eine unheimliche Wucht, sprachlich und inhaltlich, und galoppierte an den
beiden anderen Stücken vorbei, wäre die lange Nacht der Autor*innen ein
Wettkampf mit Zielgerade.
22 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Katja Kollmann
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zeigen.