# taz.de -- Social-Media-Verbot für Kinder: Begrenzt die Macht der Konzerne
> Nicht Kinder sollten vor allem Social-Media-Kompetenz erlangen. Eher
> sollte den Digitalkonzernen Verantwortung für Kinderschutz abverlangt
> werden.
IMG Bild: Der Deutsche Ethikrat hat sich gegen eine Altersbeschränkung in sozialen Netzwerken ausgesprochen
Gerade hat sich der [1][Deutsche Ethikrat gegen ein pauschales
Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche] ausgesprochen. Nicht, weil
er soziale Medien für harmlos hielte. Im Gegenteil: Die Stellungnahme liest
sich wie eine Schadensbilanz der digitalen Kindheit: Suchtmechanismen,
Schlafprobleme, depressive Symptome, Cybermobbing, Grooming – alles da. Der
Ethikrat argumentiert klug. Ein pauschales Verbot sei zu grob. Kinder seien
unterschiedlich reif. Risiken hingen nicht nur an Plattformen, sondern an
konkreten Funktionen. Wer soziale Medien verbiete, dränge Jugendliche
womöglich in noch schwerer kontrollierbare Abhängigkeiten:
Messenger-Gruppen, Gaming-Welten, KI-Chatbots. Außerdem gehe es nicht nur
um Schutz, sondern auch um Teilhabe und Befähigung.
Das ist alles richtig. Und vielleicht gerade deshalb problematisch.
Differenzierung kann aufklären. Sie kann aber auch blockieren. Man wägt
Schutz gegen Teilhabe ab, Teilhabe gegen Befähigung, Befähigung gegen
technische Umsetzbarkeit. Und am Ende bleibt das Kind mit dem Smartphone
allein. Es sieht oft so aus, als ginge es um Freiheit oder Verbot.
Medienkompetenz oder autoritäre Pädagogik. Digitale Teilhabe oder
kulturpessimistisches Aussperren. Diese Gegenüberstellung klingt liberal.
Aber das ist zu bequem. Es geht um Macht: um die Macht weniger
Digitalkonzerne, die digitale Räume so bauen, dass Kinder möglichst lange
bleiben und möglichst viele Daten zurücklassen, mit denen sich Geld
verdienen lässt.
Man muss kein Freund von Verboten sein, um in diesem Fall zu sehen:
[2][Eine Gesellschaft sollte nicht alles zur Frage individueller Kompetenz
erklären.] Verbote sind nie die ganze Lösung, aber manchmal markieren sie
eine gesellschaftliche Grenze. Sie sagen: Das wollen wir nicht. Wir wollen
nicht, dass Digitalkonzerne die psychische Verwundbarkeit von Kindern zum
Geschäftsmodell machen. Der Ethikrat hat recht: Ein Verbot allein reicht
nicht. Daraus folgt aber nicht, dass ein Verbot falsch ist. Niemand würde
sagen, weil Jugendliche heimlich an Alkohol kommen, solle man besser auf
Altersgrenzen verzichten. Niemand würde sagen, weil Rauchverbote allein die
Nikotinsucht nicht beseitigen, brauchten Kinder mehr Rauchkompetenz.
Schutzmaßnahmen sind selten perfekt. Ihr Zweck besteht nicht darin, jede
Umgehung auszuschließen, sondern darin, Normalität zu verändern.
Medienkompetenz ist wichtig. Aber sie wird zur Ideologie, wenn sie den
Eindruck erweckt, Kinder könnten sich gegen Systeme behaupten, die von hoch
bezahlten Teams darauf optimiert werden, sie abhängig zu machen.
Zwölfjährige sollen sich selbst steuern, während Plattformen genau daran
arbeiten, diese Selbstkontrolle auszuschalten. Wer glaubt, Aufklärung
allein reiche aus, unterschätzt nicht die Kinder – sondern unterschätzt die
Industrie, die Kinder nicht vom Haken lässt. Man kann einwenden, dass viele
Jugendliche Verbote ablehnen. Das stimmt. Über ihre Köpfe hinweg zu
entscheiden, wäre tatsächlich problematisch. Aber wer genau hinhört, stellt
auch bei jüngeren Menschen ein wachsendes Unbehagen fest. Viele wissen
längst, dass ihnen soziale Medien nicht guttun. [3][Sie spüren den Druck],
ständig erreichbar zu sein, zu reagieren, zu vergleichen, sichtbar zu
bleiben. Nur können sie sich diesem System kaum allein entziehen, solange
es gesellschaftlich als normal gilt.
Grenzen nehmen nicht einfach Freiheit weg. Sie sind nicht automatisch
Bevormundung. Sie können Freiheit sogar ermöglichen, indem sie den
Rechtfertigungsdruck verschieben. Solange soziale Medien für Kinder und
Jugendliche als normal gelten, steht jedes Kind unter Druck, das nicht
mitmacht. Ein Kind muss erklären, warum es kein Smartphone hat. Während die
Gesellschaft nicht erklären muss, warum sie Zwölfjährige in digitale Räume
schickt, obwohl längst bekannt ist, wie sehr diese ihrer kognitiven,
emotionalen und sozialen Entwicklung schaden können.
## Macht der Digitalkonzerne scharf begrenzen
Bei einem Verbot darf es allerdings nicht bleiben. Der richtige Weg wäre,
Kinder zu schützen – und die Macht der Digitalkonzerne endlich scharf zu
begrenzen. Schluss mit Endlosscrollen, Autoplay, pausenlosen
Push-Nachrichten, Empfehlungssystemen, die immer noch ein weiteres Video
nachschieben. Profile von Kindern müssten standardmäßig privat sein, Daten
dürften nicht gesammelt werden, nur weil sie sich monetarisieren lassen.
Wer solche Regeln verletzt, müsste haften – so, dass es wirklich weh tut.
Man kann dem Ethikrat nicht vorwerfen, die Verantwortung der Konzerne nicht
zu sehen. Er sagt ausdrücklich, dass die Anbieter und Geschäftsmodelle Teil
des Problems sind. Er fordert, Plattformen in die Pflicht zu nehmen,
schädliche Funktionen einzuschränken und den Digital Services Act wirksam
durchzusetzen. Das ist gut. Es fehlt nur die letzte Konsequenz. Das eine
tun, ohne das andere zu lassen – genau darum geht es. Kinder befähigen, ja,
aber vor allem Konzerne begrenzen. Stattdessen wirkt es oft, als bitte die
Politik die Digitalkonzerne höflich um Rücksicht. Als sei sie ein Kunde,
der um bessere Nutzungsbedingungen ersucht ist – und nicht ein Gesetzgeber,
der Geschäftsmodelle begrenzt, wenn sie Kindern und der Gesellschaft
schaden.
Es geht nicht darum, Kinder aus der digitalen Welt auszuschließen, sondern
darum, sie nicht in eine digitale Welt zu schicken, deren Regeln Konzerne
schreiben. Befähigung ist wichtig – aber ohne Begrenzung der Marktmacht
wird sie nicht funktionieren. Die Politik hätte genügend Hebel die
Abschaltung Sucht fördernder Funktionen zu erzwingen. Stattdessen wird von
Kindern erwartet, was die Politik nicht durchsetzen will – oder nicht
durchzusetzen wagt. Deshalb greift die Empfehlung des Ethikrats zu kurz.
Regeln können mehr Freiheit schaffen. Gerade gegen mächtige
Digitalkonzerne. Differenzierung und Abwägung sind gut. Aber Gesellschaften
lernen auch durch Grenzziehung – nicht durch Kapitulation vor der Macht von
Konzernen. Manchmal beginnt Vernunft nicht mit der nächsten Unterscheidung,
sondern mit einem klaren Satz: Wir nehmen das nicht länger hin.
23 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Markus Knauff
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