# taz.de -- KI und Journalismus: Endlich ich!
> Pseudoobjektive Diskurssimulation kann die KI sehr gut. Echter
> Journalismus fängt aber erst danach richtig an – mit dem Mut zur
> Individualität.
IMG Bild: Die „Times“ macht es vor. Ihr neues Motto: „fewer, better stories“. Und damit bessere Lektüre!
Künstliche Intelligenz ist eine Kränkung des Autors. Anders ist die
Aufregung um den KI-generierten Beitrag des thüringischen
Ministerpräsidenten [1][Mario Voigt in der FAZ] und die KI-generierte
Replik von Axel-Springer-Chef [2][Mathias Döpfner in der Welt am Sonntag ]
kaum zu erklären.
Mit frei zugänglichen Statistikprogrammen – und nichts anderes sind
Sprachmodelle, auch wenn sie „groß“ heißen –, kann heute jeder Leitartikel
oder Berichte verfassen, ohne jemals eine Universität oder
Journalistenschule besucht zu haben. Das schmerzt die schreibende Zunft,
keine Frage, und deshalb geben sich die Edelfedern alle Mühe, in ihrem
Dünkel Döpfners KI-Einwurf als phrasenhaft und hohl zu karikieren, als
gälte es, das menschliche Monopol der Kreativität zu verteidigen und die
Maschinen aus dem Diskurs auszuschließen.
Dieser als Stilkritik verpackten Technikkritik liegt auch eine romantische
Vorstellung des Schreibens zugrunde, als säße der Autor in der freien Natur
und würde – allenfalls mit einer Schreibmaschine als höchstem der
Technikgefühle ausgestattet – seine Gedanken zu Papier bringen. Dabei war
Döpfners Idee ja durchaus originell, ein Performance-Act der KI, der die
Automatisierung der „Content-Produktion“ auf die Spitze treibt.
Es geht bei der KI-Debatte, [3][da hat der Kollege Ambros Waibel Recht], um
die Frage, was vom Journalismus übrigbleibt, wenn man Texte einfach
prompten kann. Der Journalismus ist durch die Plattformökonomie schon
ordentlich gerupft und filetiert worden, und droht jetzt, wo sich
KI-Konzerne wie in einem Steinbruch an urheberrechtlich geschütztem
Material bedienen, in seine Einzelteile zerlegt zu werden.
## Zu Zulieferern degradiert?
Verlage streichen reihenweise Stellen, die [4][Washington Post] entlässt
unter ihrem Eigentümer, Amazon-Chef Jeff Bezos, ein Drittel der
Belegschaft. Braucht es in Zukunft noch Redakteure oder nur noch
Prompt-Ingenieure im Journalismus? Ist der Mensch bloß Stichwortgeber von
Maschinen? Werden Redaktionen mit ihren Inhalten zu Zulieferern der
KI-Industrie degradiert?
Wer heute eine Tageszeitung aufschlägt, findet darin jede Menge „Textware“
von der Stange: Agenturmeldungen, Info-Kästen, die sich wie eine Collage
aus Wikipedia-Einträgen und bpb-Heftchen lesen, brockhaushafte
Länderporträts (etwa über WM-Teilnehmer).
Ist das Journalismus? Oder kann das weg? Man hat den Eindruck, als hielten
die alten weißen Männer in den Chefredaktionen und Herausgeberräten das
Internet immer noch für eine „vorübergehende Erscheinung“. Natürlich muss
eine Zeitung Hintergründe liefern, keine Frage. Aber einfach nur
Faktengeröll auszubreiten, um damit das Blatt vollzumachen, kann keine
sinnvolle publizistische Strategie im Zeitalter von KI sein.
Die altehrwürdige Times in London macht es vor: Das Blatt reduziert seinen
digitalen Output um täglich 20 Prozent, ohne an den Inhalten zu sparen. Das
Motto: „fewer, better stories“. Um etwas über die Gründungsgeschichte von
Labour zu erfahren, muss man nicht die Times kaufen, sondern kann auch
einfach ChatGPT oder Google Gemini fragen.
KI-Systeme, die sich durch gigantische Textmengen wühlen, sind auch für
Journalisten ein nützliches Recherchetool. Wer wissen will, wie groß der
Immobilienbestand der britischen Supermarktkette Tesco ist, muss nicht die
ganze Bilanz lesen, sondern konsultiert einfach ChatGPT – die KI spuckt
sofort die Kennzahl mit genauer Quellenangabe aus.
Wie so oft gilt: Man muss die richtigen Fragen stellen. Auch der KI. Und
deshalb ist so falsch, die Technik zu verdammen. Der Mensch im Allgemeinen
und der Journalismus im Speziellen sollten aber nicht den Fehler machen,
der Maschine in Bereichen Konkurrenz zu machen, in denen sie ebenbürtig
oder gar überlegen ist: Meldungen, Datenanalysen, Bilderstrecken, Berichte,
vielleicht auch irgendwann Kommentare und Analysen.
## Die richtigen Fragen stellen
Wer weiß das schon. Die Modelle werden immer besser. Kommentare in
Schulerörterungsaufsatzprosa – etwa das Pro- und Contra-Format in der SZ –
sind oft nur argumentative Pflichtübungen, Diskurssimulationen, die längst
auch ChatGPT beherrscht.
Was die Maschine aber nicht kann, und mag sie noch so viel PS unter der
Haube haben, ist es, eigene Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln,
Stimmungen einzufangen, Eindrücke wahrzunehmen.
Eine KI, die keine Gefühle und kein Bewusstsein hat, kann keinen
Lokalaugenschein vornehmen, sie kann nicht aufschreiben, ob die Menschen im
Land wütend und gereizt sind, ob es ungerecht zugeht oder wie sich eine
Kindheit in Armut anfühlt (ChatGPT ist ein rich kid!). Die
(Selbst-)Beobachtungsgabe des Menschen, die Fähigkeit, sich selbst zu
reflektieren, ist der unique selling point des Journalismus.
Für die journalistische Praxis bedeutet das: Es braucht [5][mehr
Subjektivität.] Statt den x-ten Artikel zum Elterngeld oder Handyverbot zu
publizieren, sollte man lieber Autoren zu Wort kommen lassen, die eine
persönliche Geschichte dazu erzählen können: Eltern, die wissen, was es
heißt, zwischen Kita-Ausfällen und Care-Arbeit auch noch im Job Leistung zu
bringen.
Gerade weil das Prinzip der Autorschaft durch KI verwässert wird, braucht
es im Journalismus eine persönliche, individuelle Note – auch als
Kontrastfolie zu dem generischen, glattgebügelten KI-Sprech. Sprache ist
auch ein Werkzeug der Macht.
Allein, der Journalismus klammert sich an das Objektivitätsgebot wie ein
Ertrinkender an die Schlange. Fakten von Meinungen trennen, möglichst
neutral und distanziert berichten, alle Seiten zu Wort kommen lassen – so
lautet die Maxime. Die Frage ist, ob dieser Anspruch noch aufrechterhalten
werden kann, wenn „stochastische Papageien“ Objektivitätsfloskeln à la „Es
lässt sich nicht leugnen, dass“ oder „Es ist wichtig, dass“ in den Diskurs
streuen. Kann man angesichts dieses Wortverhaus als Journalist überhaupt
neutral bleiben?
Die freie Journalistin Yessenia Funes schrieb in einem Beitrag für das
[6][Nieman Lab] ein Plädoyer für einen subjektiven Journalismus: „Wir
können nicht länger so tun, als hätten Journalisten keine Gefühle. Wir
können uns nicht hinter dem Vorhang der ‚Objektivität‘ verstecken.“
Emotionen, so Funes, seien die „Supermacht der Branche“. Will der
Journalismus im Zeitalter von KI bestehen, muss er – möglicherweise auch um
den Preis einer Emotionalisierung von Debatten – persönlicher, sprechender,
narrativer werden.
## Es braucht ein Umdenken
Eine Blaupause könnte der New Journalism sein, ein [7][literarischer
Erzähljournalismus], der sich in den 1960er Jahren in den USA mit Autoren
wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson entwickelte und in Deutschland mit dem
legendären Magazin Tempo popularisiert wurde.
Die Autoren des [8][New Journalism] schreiben in der Ich-Form, was im
deutschsprachigen Journalismus bis heute als verpönt gilt. Doch angesichts
der KI-Revolution braucht es ein Umdenken – und einen Bruch mit alten
Konventionen. Gegen die maschinelle Konkurrenz von Textfabriken kann der
Journalismus, der immer ein Manufakturbetrieb bleiben wird, nur das in
Stellung bringen, was KI niemals besitzen wird: eine eigene Handschrift.
22 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mario-voigt-ki-reden-und-doktorgradaffaere-in-thueringen-200920054.html
DIR [2] https://www.welt.de/debatte/article6a2aad4c6bb5c7fe2e1c1e2a/ki-debatte-um-mario-voigt-die-maschinen-stuermer-von-der-faz-willkommen-im-jahr-2026.html
DIR [3] /KI-und-Journalismus/!6188122
DIR [4] /Washington-Post-in-der-Krise/!6151053
DIR [5] /Journalismus-und-Haushalt/!5904627
DIR [6] https://www.niemanlab.org/
DIR [7] /Sky-Doku-ueber-Claas-Relotius/!5921348
DIR [8] /Eine-persoenliche-Annaeherung/!6019949&s/
## AUTOREN
DIR Adrian Lobe
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