# taz.de -- Buch über Abweisung vertriebener Juden: Im Niemandsland
> Historikerin Susanne Heim zeigt in einer Studie, wie die Staaten nach
> 1933 die vertriebenen Juden abwiesen. Eine präzise Chronik von Verbrechen
> und Versagen.
IMG Bild: Havanna, Mai 1939: 937 Passagiere, überwiegend verfolgte Juden aus Nazi-Deutschland, erreichten Kuba – nur 28 durften an Land
Am 28. Oktober 1938 wurde der Abiturient Marcel Reich in Berlin frühmorgens
von einem Polizisten geweckt und als polnischer Jude ausgewiesen. Reich war
in Berlin groß geworden und konnte kaum Polnisch. Er wollte seine
Theaterkarte für die nächste Premiere am Gendarmenmarkt noch seiner Wirtin
schenken. Ein bizarrer Akt von Normalität in einen Moment, in dem
Normalität verdampfte. Reich wurde deportiert, überlebte das Warschauer
Ghetto und wurde der einflussreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik.
1938 war, so die Historikerin Susanne Heim, ein Schlüsseljahr für [1][die
verfolgten Juden]. Nach dem Anschluss Österreichs und der Besetzung des
Sudetenlands wurden Tausende Juden über die Grenze vertrieben und landeten
oft wochenlang im Niemandsland zwischen den Grenzen des Deutschen Reichs,
Ungarns und Polens. Die jüdische Hilfsorganisation joint schrieb, seit 1938
gebe es „einen neuen Begriff in der europäischen Geografie eingeführt:
Niemandsland der Juden.“
Heim zeichnet die Chronik der Flucht aus verschiedenen Blickwinkeln nach,
von Völkerbund und jüdischen Unterstützungsgruppen, NS-Regime und
Flüchtlingen. Schon 1933 setzt der Völkerbund James Grover McDonald als
„Hochkommissar für die Flüchtlinge aus Deutschland“ ein. Als er 1935
aufgab, schrieb The Nation, dass seine Rücktrittserklärung wahrscheinlich
seine erfolgreichste Tat war. Das NS-Regime torpedierte alle Versuche einer
vertraglichen Regelung, die Nachbarstaaten wollten keine deutschen Juden
aufnehmen. Bis 1939 bleiben alle Versuche, die Ausreise zu organisieren,
ergebnislos. Effektiv arbeiteten nur jüdische Hilfenetzwerke wie joint.
## Abschreckung durch surreale Bürokratie
Die europäischen Staaten betrachteten die deutschen Juden als
Wirtschaftsflüchtlinge, nicht als politisch Verfolgte. Die Flüchtlinge
hatten es mit einem Wust von repressiven, widersprüchlichen Aus- und
Einreisebestimmungen zu tun, einem kafkaesken bürokratischen Apparat, der
Visa und Transitpapiere verlangte, die schon am nächsten Tag nichts mehr
wert waren. Von Schweden bis Frankreich schreckte eine surreale Bürokratie
die Exilanten ab. Der Soziologe Alphons Silbermann floh 1933 nach Paris und
war mit einem Catch-22-System konfrontiert: ohne Aufenthaltserlaubnis keine
Arbeitserlaubnis, ohne Arbeitserlaubnis keine Aufenthaltserlaubnis.
Ein britischer Captain urteilte, dass die Situation der deutschen Juden
„verzweifelt“ sei, weil die Nazis ihnen das Kapital raubten, das sie
brauchten, um zu emigrieren. Die Lage der deutschen Juden sei 1934,
verglichen mit 1935, „paradiesisch gewesen“.
Es war schlimm, dann wurde es schlimmer. Das ist die Dramaturgie von „Die
Abschottung der Welt“. Das einzige Projekt mit minimalen Erfolgsaussichten
war der Rublee-Schacht-Plan 1939, demzufolge amerikanische Juden die
Ausreise deutscher Juden mit finanzieren sollten. Mit dem deutschen
Überfall auf Polen war der Plan obsolet. Die Illusion einer legalen
vertraglichen Rettung war endgültig zusammen gebrochen.
Warum taten die Demokratien nichts? Die Gründe waren vielfältig. Die Briten
wollten die jüdische Einwanderung nach Palästina verhindern, um dort als
Mandatsmacht nicht zwischen die Fronten der jüdischen-arabischen
Auseinandersetzung zu geraten. Der Interessenvertreter der französischen
Juden fürchtete, dass die Emigration deutscher Juden den Antisemitismus
auch gegen französische Juden anfachen könnte. [2][US-Präsident Roosevelt]
hätte mehr Juden in die USA aufgenommen. Aber in den USA herrschte seit
1920 eine extrem migrationsfeindliche Stimmung. 1939 waren zwei Drittel der
US-Bürger gegen die Aufnahme jüdischer Kindertransporte aus Deutschland.
Trump hatte Vorläufer.
Die von Roosevelt einberufene Konferenz von Evian 1938 endete ohne
Ergebnis. Der australische Delegierte erklärte dort, man wolle kein
Rassenproblem importieren. Das kam der NS-Ideologie nah. Nach dem Scheitern
von Evian jubelte das NS-Blatt Völkischer Beobachter: „Keiner will die
Mischpoke haben. Judenkonferenz von Evian blamiert die internationalen
Heuchler.“
Die Grenzen blieben zu – aus einer Mixtur von realpolitischen Erwägungen,
Antisemitismus und Opportunismus. Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung
der griechisch-türkischen Pogrome nach dem Ersten Weltkrieg, die in
Gebietstausch und dem Abkommen von Lausanne 1923 endeten. Ethnische
Säuberungen waren seitdem als eine rohe Variante nationalstaatlicher
Interessenpolitik akzeptiert.
Dass die Abschottungspolitik ein Abgrund war, führte die Konferenz in
Bermuda 1943 überdeutlich vor Augen. Seit dem Überfall auf die Sowjetunion
1941 hatte das NS-Regime seine Politik radikal geändert: Die Juden wurden
nicht mehr vertrieben, sondern industriell ermordet. Als Hitlers Niederlage
absehbar war, bot Rumänien den Alliierten aus Opportunismus an, Tausende
jüdische Kinder in Sicherheit bringen zu lassen. Ohne Echo. Der britische
Außenminister Anthony Eden erklärte, man könne allenfalls ein paar Menschen
retten. Die Grenzen blieben für verfolgte Juden, so Heims nüchternes
Resümee, bis Mai 1945 geschlossen.
Verfolgte Juden im Osten konnte eher auf das mörderische Regime Stalins
hoffen als auf Beistand aus dem Westen. Laut Schätzungen überlebten knapp
400.000 nicht sowjetische Juden, die ins Innere der Sowjetunion flohen.
„Die allermeisten europäischen Jüdinnen und Juden, die den Holocaust
überlebten, entkamen ihm mit der unfreiwilligen Hilfe Stalins“, so Heim,
auch wenn viele in gulagartigen Arbeitslagern landeten.
Heim entfaltet diese Chronik des Verbrechens und Versagens präzise und
souverän. Wir folgen Geflohenen in die Elendsviertel von Shanghai, in
Zwangsarbeiterlager in Sibirien, in die von Ruhr und Typhus verseuchten
Quartiere in Taschkent und die hilfreiche jüdische Gemeinde im japanischen
Kobe. Die Erzählung ist schnörkellos, analytisch, vorsichtig mit Urteilen
und noch vorsichtiger mit moralischen Wertungen. Saul Friedländer hat in
„Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945“ die Blickwinkel von Tätern,
Opfern und Zuschauern zu einer vitalen, dichten, komponierten Erzählung
gefügt. Das gelingt Heim nicht, dafür ist ihr Stil zu spröde, die
Darstellung zu verdichtet.
Angesichts der Finsternis des Geschehens wächst das Bedürfnis nach etwas
Licht. Heim weist klug darauf hin, dass der Brite Nicolas Winton, als
Retter jüdischer Kindern verehrt, zu diesem Ruhm kam, weil Wichtigere schon
gestorben waren, die Öffentlichkeit aber nach strahlenden Figuren
verlangte. Männer würden sich, so Heim, für Heldenbilder besser eignen als
„ein unübersichtliches Netzwerk von unzähligen Freiwilligen, das weit
überwiegend aus Frauen bestand.“
Es gibt in „Die Abschottung der Welt“ auch ein paar knapp umrissene
Leuchtfiguren, etwa einen japanischen Konsul, der im Baltikum freihändig
Visa ausstellte. Und einen im Buch namenlosen deutsch-jüdischen Flüchtling,
der in England Altmetall stahl, verkaufte, mit dem Geld eine irische
Familie bestach und 75 Vertriebene rettete. Das Legale war verbrecherisch
geworden, das Illegale das moralisch Intakte.
## Ganz unten in der Hierarchie des Leids
Während des Zweiten Weltkriegs waren in Europa rund 40 Millionen Menschen
auf der Flucht. Die staatenlosen Juden standen in der Hierarchie des Leids
ganz unten, kein Staat vertrat sie. Oft wurden sie in der Fremde zudem als
Deutsche angefeindet. [3][Hannah Arendt], von Nazi-Deutschland
ausgebürgert, engagierte sich in jüdischen Fluchthilfeorganisationen und
prägte die Formel, dass die Staatenlosen, „das Recht verloren hatten,
Rechte zu haben“. Menschenrechte, so Arendt, zählten in der Staatenwelt
nichts.
2026 sind global mehr als 120 Millionen auf der Flucht, auch Millionen
Staatenlose. Anders als vor 1945 existiert ein Netz von internationalen
Organisationen, vom UNHCR über Ärzte ohne Grenzen bis zum Europäischen
Gerichtshof für Menschenrechte. Doch das Recht, Rechte zu haben, ist
vielerorts prekär.
Heim vermeidet Aktualisierungen. Das ist eine umsichtige
Selbstbeschränkung, weil es Instrumentalisierungen und moralische
Indienstnahmen umschifft. Im Vorwort fragt sie kritisch, wie künftige
Generationen „über die heutige Migrationspolitik urteilen“ werden. Es ist
eine Frage an uns.
23 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Stefan Reinecke
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