# taz.de -- Die Wahrheit: Bunter Spritz mit Schwan
> Besuchenswerte Ausflugslokale am Wasser zeichnen sich durch hohe
> Rollatorendichte und eindrucksvolles Federvieh aus.
Das Café am Ee liegt idyllisch am Schwanensee, wo das ansässige Schäferpaar
jüngst Nachwuchs bekommen hat: sieben flauschig-graue Schäferküken. Die
Nachbarschaft ist hellauf begeistert. So süß, die Kleinen! Die möchte man
gerne mal knuddeln. Leider fauchen die Eltern jeden zu nahe Kommenden an.
Da heißt es Abstandhalten, sonst gäb’s bestimmt eine Fußkerbe vom spitzen
Schäferschnabel.
So genau wissen wir das nicht. Wir beobachten das Treiben aus höflichem
Abstand aus dem Vorgarten des Café am Ee zwischen Minigolfanlage und
Trinkertreffpunkt. Das Café am Ee ist ebenfalls ein Trinkertreffpunkt, aber
eher ein Kaffeetrinkerinnentreffpunkt und für Spritz-mit-was-Buntem-drin.
Die Rollatorendichte ist ausnehmend hoch, nicht nur zum Bingo am letzten
Sonntagnachmittag im Monat. Entsprechende Parkmöglichkeiten vorhanden.
Doch auch deutlich jüngeres Publikum um die fünfzig ist zahlreich
vertreten. Man sitzt sehr schön hier mit Blick auf den die Nachmittagssonne
spiegelnden Schwanensee, über den die Schäferfamilie ihre sanften Kreise
zieht. Passenderweise hat das Café einen Schwan im Logo, direkt vor dem Ee,
als stünde der Schwanenhals für einen Buchstaben. Bloß welcher soll das
sein? Wir bestellen lieber noch einen Spritz, diesmal mit Maracuja.
## Alles mit Hack
Im Café am Ee kann man nicht nur herrlich sitzen und trinken. Es gibt auch
ein umfangreiches Speiseangebot. Wer im Seniorenheim das Frühstück verpasst
hat, kann es hier ab morgens Punkt acht nachholen. Nachmittags werden
zuckerglänzende Stücke aus der Bäckerei Coppenrath & Wiese gereicht, sowie
rund um die Uhr Herzhaftes von Schnitzel bis Bulette an Pommes. Regelmäßig
überraschen zudem Thementage wie „Alles mit Hack“, „Suppe satt“ oder „Alles
muss raus“.
Betrieben wird dieses urdeutsche Gartenlokal von einer asiatischen Familie,
die lediglich zwei persönliche Akzente auf die Speisekarte gesetzt hat:
Minifrühlingsrollen und Saté-Spieße. Das jedoch bloß, falls mal wer fragt.
Bestellt hier ohnehin niemand, allenfalls ironische Hipster nach ihrer
Partie Minigolf.
Asiagastrokonform bleibt die Numerologie der Speisekarte. Nennt man im
Lokal mit fremdländischen Spezialitäten meist die Zahl vor dem Gericht,
dessen Namen wie „Gaeng Kiaw Wan Gai“, „Bánh Xèo“, „Okonomiyaki“ und
„Orecchiette alle cime di rapa“ ohnehin unaussprechlich sind, so sollte man
hier sein „Holsteiner Schnitzel“ auch mit der vorangestellten Nummer
ordern, um die lieb lächelnde Kellnerin nicht zu verwirren.
Wer sichergehen will, beschränkt sich zudem bei Getränkebestellungen auf
Bier, Wasser, Cola, Spritz, Kaffee oder Tee und verzichtet auf
Extravagantes wie Crémant oder Bananenweizen. Da kommt selbst die
biodeutsche Aushilfe ins Schwitzen und nach einer halben Stunde zurück an
den Tisch: „Sorry, aber Kaffee Crema haben wir hier leider gar nicht.“
23 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Thilo Bock
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