# taz.de -- Regierungskrise in Großbritannien: Britischer Premier Starmer kündigt Abgang an
> Keir Starmer beugt sich dem seit Monaten steigenden Druck aus seiner
> eigenen Labour Party. Am Montagmorgen erklärt er seinen baldigen Rückzug.
IMG Bild: Aus die Maus: Der britische Prime Minister Keir Starmer am Montagvormittag bei der Bekanntgabe seines Bald-Rücktritts
dpa/taz | Der britische Premierminister Keir Starmer hat seinen Rücktritt
angekündigt. Er gebe den Posten als Chef der Labour-Partei ab, sagte der
63-Jährige in einer Ansprache vor dem Regierungssitz 10 Downing Street. Bis
ein Nachfolger gewählt sei, werde er als Regierungschef noch im Amt
bleiben, so Starmer weiter.
Starmer beugt sich damit [1][dem seit Wochen steigenden Druck aus seiner
Partei]. Mit Andy Burnham steht bereits ein potenzieller Nachfolger in den
Startlöchern. Der 56-Jährige hätte Starmer Berichten zufolge in eine
Führungswahl gezwungen, wäre der Premier zu einer anderen Entscheidung
gekommen.
„Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es darum, das Land,
das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen“, sagte Starmer. Seine Partei
habe gesprochen und dem wolle er Gehör schenken: „Aus diesem Grund werde
ich als Parteichef der Labour-Partei zurücktreten.“ Er werde sich jetzt
Zeit nehmen für seine Familie, sagte Starmer mit brüchiger Stimme und
umarmte kurz darauf seine Frau Victoria, die mit ihm vor die 10 Downing
Street getreten war.
Burnham hatte vor wenigen Tagen [2][durch den Sieg bei der Nachwahl im
Bezirk Makerfield einen Parlamentssitz errungen] – die Voraussetzung, um
den Premier herausfordern zu können. Ob sich ein weiterer Kandidat für
Starmers Nachfolge an der Labour-Spitze aus der Deckung wagt, ist noch
offen. Ambitionen hatte zuletzt der als Gesundheitsminister zurückgetretene
Wes Streeting gezeigt. Erwartet wird jedoch, dass er sich hinter Burnham
einreiht und dafür mit einem Kabinettsposten belohnt wird.
## Rücktrittsforderungen seit Monaten
Starmer und seine Labour Party durchleben angesichts miserabler
Umfragewerte seit Monaten eine schwere Krise. In Starmers Fraktion steht er
schon länger massiv unter Druck, zuletzt kehrten ihm auch immer mehr
Kabinettsmitglieder den Rücken. Mehrere Minister traten zurück. Auslöser
der jüngsten Zuspitzung war eine schwere Niederlage für Labour bei den
Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai
zugunsten der Rechtspopulisten von Reform UK.
Bereits unmittelbar im Anschluss der Wahlschlappe war Starmer von etlichen
Abgeordneten zum Rücktritt aufgefordert worden – doch der Premier hielt mit
Verweis auf seinen Wahlsieg von 2024 lange an seinem Amt fest. Auch kurz
vor und nach der Makerfield-Wahl hatte sich Starmer noch kämpferisch
gegeben und angekündigt, sich in jedem Fall einer Führungswahl stellen zu
wollen. Während des Wochenendes auf seinem Landsitz Chequers änderte
Starmer seine Meinung.
Starmer [3][hangelte sich zuletzt von einer Krise zur nächsten]. Zu Beginn
des Jahres hing sein Posten schon einmal am seidenen Faden. Da ging es in
erster Linie um die Berufung des Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum
Botschafter in den USA. Dabei stand im Fokus, wie viel Starmer von dessen
Verbindungen mit dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wusste.
Ob Starmer noch Zeit bleibt, an seinem Vermächtnis zu arbeiten, war
zunächst unklar. Burnham sollte noch am Montag als Abgeordneter vereidigt
werden. Selbst diejenigen, die inzwischen von ihm abgerückt sind, lobten
Starmer zuletzt dafür, Labour vor zwei Jahren aus seiner tiefsten Krise
geführt zu haben.
## Wie geht es weiter bei Labour?
Der für Labour jetzt einfachste Weg wäre, wenn ausschließlich Burnham seine
Ambitionen auf die Parteiführung verkünden würde – und nicht noch ein
anderer Kandidat wie Streeting. Britische Medien bezeichneten diese Option
als eine Art Krönung. Zwar gäbe es auch in diesem Fall eine Führungswahl
bei Labour, diese müsste aber nicht in einem langwierigen Verfahren von der
Parteibasis entschieden werden.
Burnham war in seiner Zeit als Bürgermeister von Greater Manchester zum
charismatischen Liebling des moderat-linken Parteiflügels geworden.
Britische Medien bezeichnen ihn in Anspielung an die Fantasy-Serie „Game of
Thrones“ als „König des Nordens“.
Seit Langem wird er als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge
Starmers gehandelt. Ohne Parlamentsmandat waren ihm aber die Hände gebunden
– einen früheren Versuch, nach Westminster zurückzukehren, hatte die
Labour-Führung im Februar noch verhindert.
## Vom großen Sieger zum großen Verlierer
Der Premier und seine Partei hatten im Sommer 2024 einen großen Wahlsieg
errungen und waren mit einer satten Mehrheit im Unterhaus des Parlaments in
die Legislaturperiode gegangen. Wirklich nutzen konnte Starmer dies aber
nie. Etliche Gesetzesvorhaben waren am Widerstand in den eigenen Reihen
gescheitert. Zudem liegt die Regierungspartei bereits seit Monaten in
Umfragen hinter den Rechtspopulisten von Reform UK, die nun erneut vom
Chaos in der Downing Street profitieren könnten.
Die Briten sind es seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren gewohnt, dass
sich die Regierungschefs die Klinke in die Hand geben. Die Nachfolgerin
oder der Nachfolger Starmers wird bereits die siebte Person auf dem Posten
innerhalb der vergangenen zehn Jahre sein.
22 Jun 2026
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