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       # taz.de -- Neues Album des Indiemusikers Enik: Das Gemüt übergibt die Arbeit an den Sound
       
       > Enik nimmt seine Fans mit auf eine Klangreise zwischen versponnener Musik
       > und somnambulen Texten. „Rainbow Planecrashes“ heißt das neue Album.
       
   IMG Bild: Ein Götz-George-Lookalike? Enik reibt sich die Hände
       
       Die Eröffnung macht eine nervös zitternde E-Gitarre, dann kommen
       aufklatschende Beats dazu, als würde jemand mit einem Lederlappen auf einen
       Tisch schlagen. Ein tiefer Basssound lässt den Auftakt verstummen. Bis eine
       hohe, männliche Stimme einsetzt: „Kids, waving Flags“, lispelt sie und
       klingt dabei überaus melancholisch. Ein Chor wiederholt die drei Worte
       „Kids, waving Flags“, unterlegt von viel Hall.
       
       Was einem in den Songs des Münchner Musikers Enik das Gefühl gibt, in einer
       Traumwelt unterwegs zu sein, i[1][st der abrupte Wechsel der musikalischen
       Szenerien]. Manchmal schleichen sich neue Soundelemente auch ganz behutsam
       in das Arrangement hinein und verändern die musikalischen Anmutungen fast
       unmerklich, auch das gelingt Enik wie im Traum.
       
       Von Songs kann beim 46-jährigen Künstler übrigens kaum die Rede sein, es
       fehlen die üblichen Strukturen. Trotzdem sind die neun Stücke, die er auf
       seinem neuen Album „Rainbows Planecrashes“ veröffentlicht, sehr zugänglich.
       Man gleitet beim Hören in die Musik hinein, plötzlich, ungewollt ist man in
       einer anderen Welt und weiß nie, was gleich als Nächstes um die Ecke biegt
       oder als Bild aufploppt.
       
       ## Demnächst in einem Theater
       
       Enik, bürgerlich Dominik Schäfer, 1980 in Dachau geboren, veröffentlicht
       seit 2003 seine Musik, komponiert aber auch schon lange für Theater wie das
       Thalia in Hamburg, die Münchner Kammerspiele oder das Gorki in Berlin.
       [2][Es ist anzunehmen, dass diese Auftragsarbeiten auch beeinflussen], wie
       er seine Popsongs arrangiert. Er selbst vergleicht im Gespräch mit der taz
       seine Vorgehensweise mit dem nächtlichen Kopfkino folgendermaßen:
       
       „Ich finde die Energie, die einen Song komponiert, ist verwandt mit der,
       die einen Traum gestaltet. Im Traum würfelst du scheinbar wahllos Dinge
       zusammen, die dich beschäftigen oder die du gesehen hast, teilweise auch
       Belangloses, teilweise wahnsinnig wichtige Erlebnisse. Und die werden
       montiert zu einem neuen Ganzen. Nichts anderes passiert in der Kunst, wenn
       sie nicht nur unterhalten möchte, würde ich sagen.“
       
       „Wenn sie nicht nur unterhalten möchte“ – die Betonung hier liegt auf
       „nur“. Eniks Musik bleibt im Düsteren, unterhaltsam ist sie aber immer.
       Darin erinnert seine Soundsignatur ein bisschen an die Filme des
       schwedischen Regisseurs Roy Andersson („Songs From The Second Floor“),
       [3][aber auch an die musikalischen Welten von Radiohead].
       
       ## Eigenwilliger Klangkosmos
       
       Und schafft doch einen sehr eigenen Klangkosmos, ohne dabei zu großen
       Kunstwillen zu bemühen. Das liegt sicher daran, dass Enik inzwischen ein
       sehr erfahrener Komponist ist. Aber auch daran, dass er selbst nicht weiß,
       auf welche Reise er sich macht, wenn er seine Songs beginnt.
       
       „So ein Song will immer was von einem. Es kann sein, dass er nach einem Tag
       schon sagt: Fass mich nicht mehr an! Und es kann sein, dass er irgendwie
       neun Monate lang von dir irgendwas will und du verstehst nicht, was.
       Manchmal singe ich auch intuitiv etwas ein, und es dauert Monate, bis ich
       verstehe, was ich da gesungen habe. Ich hinke meiner Kunst auch immer
       hinterher, sie ist schlauer als ich selbst.“
       
       Auch Hörer*in dieser Musik sollten darauf vertrauen, dass die Kunst
       schlauer ist als sie selbst. Worum es in Eniks Musik geht, ist meist schwer
       zu sagen, aber ein Besuch dieser musikalischen Räume macht große Freude.
       Auch Videoclips gibt es dazu. Mit dem Performancekünstler Julian „Shreddy“
       Elbel hat Enik etwa den Song „My Billion Colors“ verfilmt, minimalistisch
       und ausufernd zugleich.
       
       Elbel steht mit nacktem Oberkörper auf einem überwucherten Gleisbett, es
       passiert fast nichts, außer dass vor ihm unzählige Gegenstände vom Himmel
       regnen: Spielzeug, Blumen, Fotos, Fische … Durch die Musik zieht sich eine
       tastende Klaviermelodie, dann ufert sie kurz aus, erweitert um nervöse
       Beats und Bläser, um wieder innezuhalten.
       
       Auch in anderen Songs schwingt die Musik hin und her zwischen äußerem Chaos
       und innerer Ruhe. Oder ist es das innere Chaos, das hier immer wieder
       querschießt? Vermutlich zieht Eniks Musik einen auch deshalb so in den
       Bann, weil sie funktioniert wie unser Gemüt in einer überfordernden Welt.
       Das Gemüt kann dabei seine Arbeit an die Sounds von Enik abgeben. So wie
       nachts, wenn wir träumen.
       
       27 Jun 2026
       
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   DIR Dirk Schneider
       
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