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       # taz.de -- Rücktritt von Großbritanniens Premier: Starmer hat ein „Nein“ gehört
       
       > Der Druck wurde zu groß: Keir Starmer gibt den Vorsitz der Labour-Partei
       > und das Amt des Premierministers auf. Bis September soll die Nachfolge
       > stehen.
       
   IMG Bild: Von den Parteifreunden an die frische Luft gesetzt: Großbritanniens Premier Keir Starmer verkündet am Montag seinen Rücktritt
       
       Am Montagvormittag war es dann doch so weit: Der britische Premierminister
       Keir Starmer trat ans eigens aufgebaute Rednerpult vor seinem Amtssitz in
       der Londoner 10 Downing Street und verkündete seinen Rücktritt als Chef der
       Labour-Partei. Damit ist auch klar, dass er das Amt als Premierminister
       aufgeben wird. Bis Anfang September soll seine Nachfolge gefunden sein.
       
       Vor zahlreichen Kabinettsmitgliedern und seiner Frau Victoria sprach
       Starmer zunächst über seine Errungenschaften im Amt. Untermalt wurde seine
       Rede dabei am Vorabend des zehnjährigen Jahrestags des Brexit-Referendums
       ausgerechnet von dem letzten Satz aus Beethovens Neunter Sinfonie, „Ode an
       die Freude“, der offiziellen Europa-Hymne – abgespielt von
       Pro-EU-Aktivist*innen.
       
       Starmer versuchte derweil zu vermitteln, dass für ihn immer gegolten habe:
       „Britain first.“ „Bei jeder Entscheidung, die ich getroffen habe, ging es
       darum, das Land, das ich liebe, an die erste Stelle zu setzen“, sagte er
       vor der ikonischen schwarzen Holztür mit der Nummer 10. Der Beginn seiner
       Zeit als Premierminister im Juli 2024 – es war die erste Labour-Regierung
       nach 14 Jahren – sei der stolzeste Moment seines Lebens gewesen. Als er
       vier Jahre zuvor die Partei von seinem bei den Wahlen gescheiterten
       Vorgänger Jeremy Corbyn übernahm, habe er eine „Arbeiterpartei geerbt, die
       politisch, finanziell und moralisch bankrott war“.
       
       ## Lange Liste der Verdienste
       
       Er aber, so Starmer am Montag, habe hernach die Partei verändert, das
       [1][„Gift des Antisemitismus“] – eine Anspielung auf die Corbyn-Ära –
       beseitigt und Glaubwürdigkeit insbesondere in der Wirtschafts- und
       Verteidigungspolitik wieder hergestellt. Es folgte eine lange Liste der
       Verdienste, die er sich am Montag selbst ans Revers heftete: die Anhebung
       des Lohnniveaus, Investitionen in die Infrastruktur und das Militär, die
       Beendigung der harten Austeritätspolitik, eine Verringerung der Wartezeit
       auf einen Arzttermin im öffentlichen Gesundheitssystem, weniger
       Geflüchtete.
       
       Schließlich wandte sich Starmer dann doch der entscheidenden Zukunftsfrage
       zu: „Bin ich die beste Person, die uns in den nächsten Wahlkampf führen
       kann?“, fragte er, an seine Parteigenoss*innen gerichtet. Und dass er
       das „Nein“ seiner Fraktion gehört und akzeptiert habe, sagte Starmer dann
       auch. Nominierungen für seine Nachfolge würden am 9. Juli beginnen. Nach
       der Sommerpause im September soll dann der Wechsel in der Downing Street
       vollzogen werden.
       
       Nach einem [2][desaströsen Ergebnis für Labour bei den Regional- und
       Kommunalwahlen] und einem Durchmarsch der rechten Kräfte von Reform UK war
       zuletzt der Druck auf Starmer immer weiter gewachsen. Nach mehreren
       Kabinettsrücktritten, [3][zuletzt von Verteidigungsminister John Healey],
       zeichnete sich ab, dass etwa die Hälfte der Fraktion – bis zu 200
       Abgeordnete – Starmers Rücktritt wollte. Außenministerin Yvette Cooper
       forderte selbigen am Wochenende im Sender Sky.
       
       Nun ist die Frage, ob es bis September überhaupt zu einem Wettbewerb um den
       Labour-Vorsitz und damit den Posten des Premierministers kommen wird. Der
       nach den Kommunalwahlen ebenfalls zurückgetretene
       [4][Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting], der zunächst auch Aspirationen
       auf den Parteivorsitz hatte, sagte am Montag, er stelle sich jetzt hinter
       Andy Burnhams Kandidatur.
       
       ## Alle wollen Andy
       
       Burnham, ehemaliger Bürgermeister von Manchester, gilt als der
       aussichtsreichste Kandidat für Starmers Nachfolge. Er hatte am Donnerstag
       eine Nachwahl um einen Parlamentssitz gewonnen – Voraussetzung dafür, um
       nun für die Nachfolge als Parteichef kandidieren zu können. Das unerwartet
       starke Ergebnis bei der Nachwahl in Makerfield – [5][Burnham gewann mit
       rund 54 Prozent und deklassierte die Konkurrenz von Reform UK] – hatte
       vielen innerhalb der Labour-Partei jeglichen Zweifel genommen: Burnham ist
       der bessere Mann, soll Labour bei zukünftigen Wahlen noch mal eine Chance
       gegen nationalistische Parteien haben. Burnham bestätigte am Montag, dass
       er für diese Aufgabe bereitstehe.
       
       Die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch kritisierte die
       angekündigte Übergangsphase, weil sie die Führung des Landes hinauszögere.
       Sie erwarte von Burnham einen klaren Schwerpunkt auf die
       Verteidigungssicherheit des Landes und auf eine Kürzung bei den
       Sozialausgaben.
       
       Starmer vollzog derweil am Montag den Rückzug ins Private: Er freue sich,
       in Zukunft der beste Ehemann und der beste Vater für seine Familie sein zu
       können. Noch am Freitag hatte es aus 10 Downing Street tapfer geheißen,
       dass Starmer bleiben werde.
       
       Nicht zuletzt dürften unbeliebte Entscheidungen eine Mitschuld an Starmers
       Scheitern haben. Da war etwa die Beendigung der Heizkostenzuzahlung für
       Rentner*innen, die Starmer nach heftigem Druck wieder einführte. Auch die
       Begrenzung der Kinderzulage, entgegen den Versprechen Labours auf
       Veränderungen, erschien vielen als rückwärtsgewandt.
       
       ## Unglückliche politische Kehrtwenden
       
       Die Zahl solcher politischen Kehrtwenden war zahlreich. Auch die Ernennung
       des ehemaligen Labour-Ministers Peter Mandelson als US-Botschafter unter
       Starmer hatte folgenschwere Konsequenzen, als nach Veröffentlichung der
       Akten des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein im September 2025
       [6][Mandelsons Nähe zu Epstein offenbart wurde].
       
       Starmers trockene, wenig mitnehmende Art zu reden, half auch nicht dabei,
       das Land mitzureißen und den Menschen seine Ideen zu vermitteln. Die Zahl
       der Rücktritte, nicht nur von Ministern, sondern auch von engen
       Mitarbeiter*innen – darunter seiner Stabschefin Sue Gray – war
       beachtlich.
       
       EU-Ratspräsident Antonio Costa hat derweil das im Juli geplante
       Gipfeltreffen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien
       verschoben. Man prüfe nach Starmers Rücktritt nun „die Optionen ‌für diesen
       Gipfel erneut“, sagte Costa am Montag vor Journalist*innen in Brüssel.
       Bei dem für den 22. Juli geplanten Treffen sollte die Ausgestaltung der
       weiteren Beziehungen des Vereinigten Königreichs zur EU zehn Jahre nach dem
       Brexit beraten werden.
       
       Costa äußerte zugleich die Hoffnung, dass Starmers Nachfolger den Kurs
       einer Annäherung fortsetzen werde. „Mein Wunsch ist, dass sein Nachfolger
       die Kontinuität auf diesem Weg zur Neugestaltung unserer Beziehungen zum
       Vereinigten ‌Königreich wahrt“, erklärte er. EU-Kommissionspräsidentin
       Ursula von der Leyen würdigte die europäische und ukrainische Sicherheit,
       die Starmer gestärkt habe.
       
       22 Jun 2026
       
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