# taz.de -- Niederländische Kolonial-Vergangenheit: Entschuldigung nach 75 Jahren
> Ein Denkmal für die molukkische Minderheit thematisiert das verdrängte
> Schicksal der einstigen niederländischen Kolonialsoldaten in Indonesien.
IMG Bild: Während der Gedenkfeierlichkeiten in Rotterdam zur Ankunft der molukkischen Gemeinde vor 75 Jahren
„Nicht nur höchste Zeit, sondern auch nötig“- so nannte [1][Rob Jetten],
der liberale Premierminister der Niederlande, seinen aufsehenerregenden
Schritt vom Sonntag. „Im Namen der Regierung“ entschuldigte er sich bei der
molukkischen Minderheit im Land für die Art, wie die ehemalige
Kolonialmacht deren Vorfahren behandelte. „Die herz- und ehrlose Entlassung
als Militärs, die mangelhafte Unterbringung, das Nicht-Gesehen- und
Im-Stich-Gelassen-Werden, den Kummer und Schmerz in so vielen molukkischen
Familien.“
Jettens Entschuldigung erfolgte bei der Einweihung eines Denkmals auf der
Rotterdamer Lloydkade. Es ist den ersten 12.500 Menschen der Inselgruppe im
Osten Indonesiens gewidmet, die hier vor 75 Jahren an Land gingen. Das
Denkmal der Künstler Jaïr Pattipeilohy und Maurice den Boer steht nahe dem
Monument, das an die niederländische Rolle bei der Sklaverei erinnert.
Anders als dieses Thema spielt die Geschichte der Molukker bei der
Aufarbeitung der Kolonialgeschichte der einstigen See- und Handelsweltmacht
bislang nur eine Nebenrolle.
Die erste Generation niederländischer Molukker waren Mitglieder der
kolonialen Armee in Niederländisch-Indien (KNIL) und ihre Familien. 1949
wurde Indonesien nach einem blutigen Befreiungskrieg gegen die Niederlande
unabhängig. Die Republik Maluku Selatan (RMS), Anfang 1950 auf den
südlichen Molukken-Inseln ausgerufen, wurde Ende des Jahres von Indonesien
besetzt und eingegliedert.
Dass die niederländische Regierung die molukkischen KNIL-Mitglieder und
ihre Familien ausschiffte, war als Zwischenlösung gedacht. Doch der
unabhängige Staat, von dem sie träumten, kam nicht. In den Niederlanden
wurden sie als Militärs entlassen, unter erbärmlichen Umständen
untergebracht, etwa im früheren Konzentrationslager Vught und dem
Durchgangslager Westerbork, und mit wenigen Gulden monatlich sich selbst
überlassen.
## „Entschuldigung hätte schon viel früher geschehen müssen“
Die Farben der einstigen südmolukkischen Republik waren am Sonntag schon am
Rotterdamer Hauptbahnhof auf vielen Fahnen oder Kleidungsstücken zu sehen.
Eigentlich tauchen sie in der Öffentlichkeit kaum auf, wie auch die über
300-jährige Kolonialgeschichte in Indonesien im Alltag meist auf
[2][Reistafeln in Spezialitäten-Restaurants] beschränkt ist.
Molukkische Familien mussten nach einigen Jahren aus den Lagern in
spezielle Siedlungen ziehen, was der Integration dienen sollte. Auch die
sind dem Gros der Bevölkerung vorwiegend nur vom Namen bekannt.
„Dass die Niederlande sich nun für das Leid, das unseren Eltern angetan
wurde, entschuldigt haben, ist ein historischer Moment“, sagt Noes Haumahu.
Der 70-Jährige ist einer von Dutzenden, die mit südmolukkischen Fahnen am
ehemaligen Anleger stehen. Gekommen ist er mit seinem Neffen Gerwin
Pattikawa (57). Haumahu trägt ein Foto seiner Eltern. Viele
Besucher:innen der Gedenkfeier haben Bilder verstorbener Angehörigen
mitgebracht.
„Lager Vught, Baracke 3, Zimmer 43“ – diese Koordinaten seiner Kindheit hat
Haumahu noch immer im Kopf. „Das Zimmer maß vier mal vier Meter, und wir
wohnten zu zehnt darin“, erinnert er sich. Später zog seine Familie in ein
molukkisches Viertel nach Tilburg.
„Der heutige Tag steht auch für Kummer, denn das hätte schon viel früher
geschehen müssen“, sagt Pattikawa. Sein Onkel begrüßt, dass nun „eine Zeit,
in der Regierungen mitfühlender sind und solche Entschuldigungen
aussprechen“, angebrochen sei. In den letzten Jahren haben sich der
niederländische Ex-Premier Rutte wie auch König Willem-Alexander für
koloniale Gräueltaten und die Sklaverei entschuldigt.
## „Es ist wichtig zu verstehen, wo wir herkommen“
Die Gedenkfeier in Rotterdam und Jettens Entschuldigung sei auch für die
jüngste Generation Molukker „sehr speziell“, sagt die 21-jährige Sefanja.
Aus Helmond ist sie mit Mutter und Bruder erstmals an den Ort gekommen, an
dem ihre Großeltern, „auf zwei unterschiedlichen Schiffen“ anlegten. „Beide
wurden im ehemaligen Lager Westerbork untergebracht“, erzählt sie. „Es ist
wichtig, dass wir verstehen, wo wir herkommen.“ Ihre Zukunft sieht sie in
den Niederlanden. „Aber wenn ich einmal Kinder habe, werde ich sie
mitnehmen auf die Molukken, damit sie wissen, wie es dort aussieht.“
Fraglich ist, ob die Niederlande auch für eine tiefere Diskussion über ihre
Kolonisierung Indonesiens bereit sind. Bislang sieht die Auseinandersetzung
mit diesem Teil der Geschichte so aus, dass in vielen Familien mit großer
Betroffenheit der eigenen Mitglieder gedacht wird, die dort lebten und zur
Zeit der japanischen Besetzung während des Zweiten Weltkriegs in Lagern
interniert wurden. Wieso sie nach Indonesien ausgewandert waren, fällt
dabei meist unter den Tisch.
Die Anerkennung des Schicksals der Molukker sollte daher „nicht zu einer
vereinfachten Erzählung werden, in der nur ein Teil der Geschichte
wiedergegeben wird“, schreibt Sam Pormes, erster molukkischer Senator des
Landes, in der Tageszeitung Volkskrant. „Respekt für individuelle Militärs
bedeutet nicht, dass wir das System, von dem sie ein Teil waren, kritiklos
in die Arme schließen.“ Dessen Ziel sei die Instandhaltung der gewaltsamen
Beherrschung Indonesiens durch die Niederlande gewesen.
22 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Wahlen-in-den-Niederlanden/!6125549
DIR [2] /Fusionskueche-in-Amsterdam/!5961346
## AUTOREN
DIR Tobias Müller
## TAGS
DIR Niederlande
DIR Rob Jetten
DIR Indonesien
DIR Kolonialismus
DIR Sklaverei
DIR Rotterdam
DIR Recherchefonds Ausland
DIR Niederlande
DIR Rotterdam
DIR Indonesien
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Neues Linksbündnis in den Niederlanden: Grün-roter Honeymoon
In den Niederlanden fusionieren Sozialdemokraten und GroenLinks zu einer
neuen Partei. Nicht alle haben bei Progressief Nederland ein gutes Gefühl.
DIR Besetztes Haus in Rotterdam: Diese Pommes sind politisch
Das Hausprojekt Frieda in Rotterdam serviert der Nachbarschaft jeden
Freitag kostenlos Pommes. Es ist ein Protest gegen eine verfehlte
Wohnungspolitik.
DIR Comicautor über Kolonialismus: „Wir lernten fast nichts über die Zeit“
Peter van Dongen über niederländischen Rassismus, japanischen Imperialismus
und den indonesischen Unabhängigkeitskrieg.