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       # taz.de -- Starbucks in Südkorea: Nachhilfe in Demokratie
       
       > Mit einer makabren Werbekampagne diffamierte Starbucks Koreas
       > Demokratiebewegung. Dafür musste nun das ganze Personal zur
       > Geschichtsschulung.
       
   IMG Bild: Aushang an einer Starbucks-Filiale in Südkorea, der am Montag über die vorzeitige Schließung informiert
       
       Kurz vor 15 Uhr fordern die Mitarbeitenden des Starbucks im Zentrum von
       Seoul zum Verlassen des Cafés auf. Viele KundInnen, die zuvor noch bei
       eiskaltem Americano am Laptop gearbeitet haben, kommen der Aufforderung
       ohne Widerrede nach. Sie wussten schließlich längst aus den Medien, was
       hier gerade vor sich geht: Erstmals in der Unternehmensgeschichte schließt
       die Kaffeehauskette sämtliche ihrer über 2.100 Filialen im Land. Die
       Angestellten müssen an diesem Nachmittag virtuellen Geschichtsunterricht
       nehmen.
       
       Die Ursache ist ein handfester Skandal, der seit Wochen in Südkorea die
       Titelseiten dominiert. Bereits im vorigen Monat hatte sich der Konzern
       Shinsegae, der das Lizenzgeschäft von Starbucks für Südkorea betreibt, eine
       makabre PR-Kampagne ausgedacht: So warb man für einen Edelstahlthermobecher
       namens „SS Tank“ und erklärte den 18. Mai zum „Tank Day“ mit
       Sonderrabatten. Der Becher spielt auf die Doppelbedeutung des englischen
       Begriffs an, der sich mit „Panzer“ wie auch mit „Behälter“ übersetzen
       lässt.
       
       In den sozialen Medien brach ein Shitstorm aus. Zivilgesellschaftliche
       Gruppen riefen zum Starbucks-Boykott auf und Internetnutzer filmten sich
       dabei, wie sie den „SS Tank“ mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten. Auch
       Präsident Lee Jae-myung schaltete sich via X ein: „Ich bin wütend über das
       unmenschliche Verhalten solch niederträchtiger Geschäftsleute.“
       
       Was war geschehen? Aus europäischer Sicht würde man annehmen, dass der „SS
       Tank“ wegen der vermeintlichen Nazi-Anspielung an Hitlers Eliteeinheit für
       Entrüstung gesorgt hatte. Doch nur wenige Südkoreaner hatten die Abkürzung
       für „Stainless Steel“, also Edelstahl, hinterfragt. Sehr wohl jedoch
       erboste sie, dass das Unternehmen ausgerechnet den 18. Mai zum „Tank Day“
       erklärte. [1][Denn am 18. Mai 1980 schossen Panzer und Hubschrauber der
       südkoreanischen Armee in der Stadt Gwangju die örtliche Demokratiebewegung
       brutal zusammen.]
       
       ## Verhöhnung der Opfer des Massakers von Gwangju
       
       Hunderte Demonstrierende starben damals. Das Massaker brannte sich tief ins
       kollektive Gedächtnis ein und lässt sich von seiner historischen Bedeutung
       her durchaus mit dem neun Jahre später stattfindenden Tiananmen-Massaker in
       Peking vergleichen.
       
       Die Shinsegae-Konzern feuerte sofort den zuständigen Geschäftsführer und
       kündigte eine Untersuchung an. Diese kam zu dem Ergebnis, dass es sich beim
       „Tank Day“ angeblich um eine Verkettung unglücklicher Umstände gehandelt
       habe: Die Werbekampagne soll mithilfe künstlicher Intelligenz kreiert und
       ohne nähere Betrachtung durchgewunken worden sein. Dass man absichtlich die
       Opfer der Demokratiebewegung habe verunglimpfen wollen, dafür gebe es keine
       Beweise.
       
       Doch glaubwürdig ist das nicht. Denn die Werbeaktion wurde zusätzlich mit
       dem Slogan versehen, man solle seinen „SS Tank“ mit einem „Tack auf dem
       Tisch stellen!“. Auch dieser Begriff ruft dunkle Erinnerungen wach: Als der
       Studentenaktivist Park Jong-chul 1987 zu Tode gefoltert wurde, versuchten
       die zuständigen Beamten den Mord mit ebenjenem Idiom zu vertuschen: In
       einer Stellungnahme behaupteten sie, beim Verhör habe ein Ermittler mit
       einem „Tack“-Geräusch auf dem Tisch gehauen, woraufhin der 21-Jährige mit
       einem Herzinfarkt zusammengebrochen sei. Die offensichtliche Brutalität des
       Falls löste Demonstrationen aus, die noch im selben Jahr Südkoreas erste
       demokratischen Wahlen erzwangen.
       
       Dass es sich bei dem Skandal also nur um eine Mischung aus Zufällen,
       Ignoranz und Inkompetenz handelt, ist wenig glaubhaft. Kritiker vermuten:
       Shinsegaes rechtskonservative Leitung habe womöglich im ideologischen Kampf
       die Grenzen des Sagbaren austesten wollen. Auch die Polizei leitete eine
       Ermittlung ein.
       
       ## Wird die Verantwortung jetzt auf die Mitarbeitenden abgewälzt?
       
       Denkbar wäre auch dieses absichtliche Motiv: Koreas Mischkonzerne gingen
       während der Militärdiktatur eine symbiotische Beziehung mit den Autoritäten
       ein. Die Regierung verteilte großzügig staatliche Aufträge, schützte
       Industrien vor ausländischer Konkurrenz und unterdrückte die
       Gewerkschaften. Die Unternehmensdynastien, darunter auch die
       Shinsegae-Familie, diente im Austausch mit unbedingter Loyalität.
       
       Die Demokratiebewegungen wurden von der rechtskonservativen Geschäftselite
       misstrauisch betrachtet. Für nicht wenige waren die Demonstranten von
       Gwangju von Nordkorea unterwanderte Spione, die eine kommunistische
       Revolution anzetteln wollten.
       
       Südkoreas extreme ideologische Grabenkämpfe sind bis in die Gegenwart
       sichtbar. Im Dezember 2024 rief der [2][damalige konservative Präsident
       Yoon Suk-yeol] das Kriegsrecht aus, um gegen eine angeblich
       staatsfeindliche Opposition vorzugehen. Dem linken Lager warf er vor, es
       beheimate pro-nordkoreanische Kräfte. Beweisen konnte er es nicht.
       Mittlerweile wurde Yoon seines Amtes enthoben und zu lebenslanger Haft
       verurteilt.
       
       Um über die historischen Sensibilitäten aufgeklärt zu werden, müssen nun
       die Starbucks-Mitarbeiter zur Geschichtsnachhilfe. Das ist bloßer
       Aktionismus, um den Volkszorn zu besänftigen. „Finden Schulungen in
       Unternehmen nur einmal statt, können sie als Versuch der
       Unternehmensführung verstanden werden, die Verantwortung auf die
       Mitarbeiter abzuwälzen“, sagte Jeon Jin-seong, Sozialpädagogikprofessor der
       Busan National University of Education, der Tageszeitung Hankyoreh.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Jahrestag-des-Massakers-von-Gwangju/!5200427
   DIR [2] /Urteil-in-Suedkorea/!6156065
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fabian Kretschmer
       
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