# taz.de -- Arbeitskampf in Berlin: Betriebsfrieden statt Pazifismus
> Ein IT-Unternehmen kündigt einem Berliner Mitarbeiter und Betriebsrat –
> weil er sich gegen die Zusammenarbeit mit dem US-Militär einsetzt.
IMG Bild: Zu politisch? Mohamed Abbas kämpft gegen seine Kündigung bei einem IT-Unternehmen
An einem Mittwochnachmittag Mitte Juni sitzt Mohamed Abbas in einem kleinen
Sitzungssaal des Berliner Arbeitsgerichts. [1][Abbas streitet sich mit
seinem Arbeitgeber, der US-amerikanischen IT-Beratungsfirma Thoughtworks.]
Die hat ihm gekündigt.
Der von der Firma vorgetragene Grund für die Kündigung: Abbas ist zu
politisch. Mit seiner Kritik an der Zusammenarbeit mit dem US-Militär habe
er den Betriebsfrieden gestört, seit seinen Aufrufen zur Solidarität mit
Palästina fühlten sich jüdische Kolleg:innen nicht mehr sicher im
Unternehmen. So sehen es zumindest die Anwälte seines Arbeitgebers.
Für Abbas Anwältin hingegen ist es ein klassischer Fall von Union-Busting,
der Verhinderung von gewerkschaftlicher Organisierung. Thoughtworks ist ein
global agierendes Unternehmen mit über 10.000 Mitarbeitenden, das Software
für andere Unternehmen und Organisationen entwickelt und implementiert. Das
sich mit sozialer Verantwortung und moralischem Bewusstsein rühmt. Doch die
Geschäfte laufen schlecht. Die Wirtschaft schwächelt, Kundenaufträge
brechen weg und die IT-Beratungsbranche steht durch die KI-Revolution unter
Druck, sich selbst neu zu erfinden. Druck, den das Management an die
Beschäftigten weiterreicht.
„Im Prinzip ist Abbas eines der aktivsten Betriebsratsmitglieder. Das mag
auch ein Grund dafür sein, dass er auch jetzt so behandelt wird“, sagt
seine Anwältin während der Verhandlung. Gleich drei laufende Verfahren
befassen sich mit seiner Kündigung. Heute verhandelt das Gericht einen
Eilantrag, mit dem Abbas erreichen will, dass sein Arbeitgeber ihn weiter
bezahlt, bis über die Kündigung entschieden ist. Beim Gerichtstermin wirkt
Abbas gelassen. Der Mittdreißiger trägt eine Lederjacke und eine rot-weiße
Kufiya. Darunter ein Shirt mit der Aufschrift „Tech Workers Unite“.
## Im Firmenchat Liste mit US-Kriegsverbrechen geteilt
Die Besucher:innenplätze sind fast vollständig gefüllt mit
Unterstützer:innen und Kolleg:innen von Abbas. Die Fenster im
Sitzungsaal sind geschlossen, die Luft wird schnell stickig. „Das ist kein
Betriebsrats-Busting, wie es von der Presse kolportiert wird“, sagt der
Anwalt von Thoughtworks. Die außerordentliche Kündigung sei das Ergebnis
eines lang andauernden Fehlverhaltens Abbas’, führen die Anwälte aus, das
Vertrauen sei unwiderruflich erschüttert, eine weitere Zusammenarbeit
undenkbar.
Die Anwälte erläutern die konkreten Vorwürfe, die sie dem Richter bereits
in einem 32-seitigen Schriftsatz zugeschickt haben, noch einmal im
Schnelldurchlauf. Abbas soll Anfang April zwei Wikipedia-Links in den
globalen Firmenchat gepostet haben: Eine unvollständige Auflistung der
Kriegsverbrechen des US-Militärs und einen Artikel über den Folterskandal
im irakischen US-Gefängnis Abu Ghraib 2004. Kommentiert hat Abbas die Links
mit „The Veterans“ – die Veteranen.
Anlass für seinen Kommentar war eine Kooperation seines Arbeitgebers mit
dem Verteidigungsministerium der USA. Thoughtworks entwickelte eine
Online-Plattform, die die Medikamentenversorgung von Kriegsveteranen
verbessern soll. Abbas hingegen lehnt die Zusammenarbeit mit dem US-Militär
grundsätzlich ab.
Die Thoughtworks-Anwälte werfen Abbas vor, Kolleg:innen mit
„Veteranenhintergrund“ pauschal in „die Nähe von Kriegsverbrechen“ zu
rücken und somit ein „einschüchterndes und feindseliges Arbeitsumfeld“ zu
schaffen. Auch in der Vergangenheit sei Abbas immer wieder durch
propalästinensische und antiamerikanische politische Äußerungen negativ
aufgefallen. „Ich bin nicht überrascht von diesem Müllhaufen eines Landes
und seiner herrschenden Klasse“, postete Abbas demnach im Januar 2025 in
den globalen Firmenchat als Reaktion auf den Amtsantritt von US-Präsident
Donald Trump.
Liest man den Schriftsatz, bekommt man den Eindruck, als wäre Abbas ein
Querulant und Aktivist, der zu polemisch und zu laut ist und an falscher
Stelle seine Meinung kundtut. Der den Betriebsfrieden stört und den das
Unternehmen deshalb loswerden will.
Bei den Ausführungen des Anwalts müssen sich Abbas’ Kolleg:innen
sichtlich zurückhalten, um nicht zu widersprechen. Für sie ist es ein
klarer Angriff auf den Betriebsrat. [2][Dafür spricht, dass neben Abbas
auch drei weitere Betriebsratsmitglieder in den vergangenen Monaten
außerordentliche Kündigungen erhalten haben.] Wegen vermeintlicher Verstöße
gegen die Datenschutzverordnung. Einem Vorwurf, auf dem auch Abbas’ zweite
außerordentliche Kündigung basiert.
„Es ist eine Vergeltungskampagne“, sagt eine Kollegin. In den vergangenen
Monaten hätte sich die Kultur im Unternehmen stark verändert. Früher sei es
im Unternehmen diskussionsfreudig zugegangen, politische Debatten seien
erwünscht gewesen. Bei der Einstellung hätte es sogar ein „Social Change
Interview“ gegeben, in dem die Bewerber:innen erklären sollen, wie sie
sich positivem gesellschaftlichen Wandel verpflichtet fühlten.
Der US-Amerikaner Neville Roy Singham gründete das Unternehmen 1993 und
machte die IT-Beratung zu einem global agierenden Unternehmen. Singham ist
überzeugter Sozialist, der heute noch zahlreiche aktivistische Gruppen in
den USA finanziert. Seine politischen Vorstellungen prägten die
Unternehmenskultur. 2017 verkaufte er die Firma. Thoughtworks rühmt sich in
seinem Selbstverständnis immer noch mit einer „Verpflichtung zu sozialer
Gerechtigkeit“: Die Firma würde ständig den Einfluss der Technologie
hinterfragen, besonders ihrem Einfluss auf „marginalisierte und
unterdrückte“ Bevölkerungsgruppen.
In der Vergangenheit lehnte das Unternehmen grundsätzlich eine
Zusammenarbeit mit Militär- und Polizei ab, berichtet eine Mitarbeiterin
der taz. „Wenn wir einen Auftrag oder die Zusammenarbeit mit einem Kunden
moralisch nicht vertreten konnten, konnten wir einfach ablehnen“, erzählt
die Mitarbeiterin. Auch habe das Management die Beschäftigten ermutigt,
schwierige politische Debatten zu führen.
Doch das Unternehmen steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Der
allgemeine wirtschaftliche Rückgang macht sich besonders bei
Beratungsfirmen wie Thoughtworks bemerkbar. In Deutschland zählen viele
Automobilhersteller und -zulieferer zu den Kunden. Für BMW entwickelte das
Unternehmen eine Plattform für KI-Produkte, Porsche half es bei der
Migration seiner IT-Infrastruktur.
## Unter Druck von KI
Doch die Verkaufszahlen der großen deutschen Automobilunternehmen brechen
von Quartal zu Quartal immer weiter ein. In den Sanierungsprogrammen sind
Budgets für externe Berater:innen einer der ersten Punkte, die gekürzt
werden.
Eine weitere Ursache für die Krise der Beratungsunternehmen ist der
Aufstieg generativer KI. Unternehmensberatung basiert zu einem großen Teil
auf dem Auswerten von Daten, zum anderen im Entwickeln von
Softwarelösungen. Beides kann nun viel schneller mithilfe von KI-Modellen
erledigt werden. „Wir schreiben nur noch Prompts und testen den Code“,
erzählt ein Thoughtworks-Mitarbeiter. Mithilfe der KI könne er viel
schneller als per Hand entwickeln, müsse aber jetzt auch viel mehr Projekte
in kürzerer Zeit erledigen.
Aufwendige Marktanalysen, für die sich früher ein Dutzend Berater tagelang
durch Excel-Tabellen gewühlt haben, können nun per Knopfdruck erledigt
werden. Das wissen auch die Kunden, die erwarten, dass die Zeitersparnis in
den Preisen an sie weitergegeben wird.
Bereits 2022 brach der Aktienkurs von Thoughtworks nachhaltig ein. Der
Hauptinvestor Apax nahm das Unternehmen 2024 wieder von der Börse.
Radikaler Stellenabbau und eine grundlegende Neuausrichtung auf die
Implementierung von KI-Tools sollen Thoughtworks wieder auf Kurs bringen.
Dass die von Abbas geposteten Wikipedia-Links seine Kündigung zur Folge
hatten, ist womöglich ebenfalls die Konsequenz aus wachsendem
wirtschaftlichem Druck. Anfang des Jahres veröffentlichte Thoughworks-CEO
Michael Sutcliff ein Manifest, in dem er seinen Mitarbeiter:innen
ankündigte, Thoughtworks für die Zusammenarbeit mit Militär,
Rüstungsunternehmen und Polizei zu öffnen. „Sie wollen jetzt auch ein Stück
von der boomenden Kriegswirtschaft“, sagt Abbas.
Als Betriebsrat habe er versucht, die Folgen der Umstrukturierung
abzumildern. So stoppte der Betriebsrat die Implementierung eines KI-Tools
im Unternehmen aufgrund von datenschutzrechtlicher Bedenken vor Gericht –
und hatte damit Erfolg. „Meine Kollegen und ich sind sehr kämpferisch
gegenüber dem Management“, sagt Abbas. Im Mai wechselte Thoughworks für die
Betreuung seiner rechtlichen Angelegenheiten zu einer Anwaltskanzlei, die
berüchtigt dafür ist, besonders aktiv gegen Betriebsräte vorzugehen. Wenig
später hagelte es die außerordentlichen Kündigungen.
Abbas trifft es besonders hart. Das Unternehmen zahlt ihm nur noch die
Betriebsratstätigkeit. Im vergangenen Monat habe er nur 500 Euro bekommen.
Der Programmierer musste Sozialhilfe beantragen, um über die Runden zu
kommen.
Mit der Taktik, Abbas unbezahlt freizustellen, hat Thoughtworks zumindest
vor Gericht Erfolg. Der Eilantrag scheitert. Die Begründung: Der Anspruch
sei keine eilige Sache und könne in einem weiteren Verfahren eingeklagt
werden. Doch die Wartezeiten an den Arbeitsgerichten sind extrem lang, über
Abbas’ Kündigungsverfahren wird erst im nächsten Jahr verhandelt.
Doch aufgeben will der Betriebsrat trotzdem nicht. Sein Fall beweise, dass
es auch für Tech-Worker notwendig sei, sich gewerkschaftlich zu
organisieren. „Lange hat man uns gesagt, dass Tech-Worker keine
Gewerkschaften brauchen. Das ist ein Mythos. Unsere Rechte sind nur so
stark wie unser Willen, sie zu verteidigen.“ Thoughtworks wollte sich der
taz gegenüber auf Anfrage nicht zu laufenden Rechtsverfahren äußern.
30 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Jonas Wahmkow
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