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       # taz.de -- Modezwang für Fußballexpert*innen: Weiß, weiß, weiß sind alle meine Schuhe
       
       > Das Schuhwerk ist nicht nur auf dem Rasen von Bedeutung. Unter
       > Reporter*innen scheint man ohne weiße Sneaker schon verloren zu
       > haben. Warum eigentlich?
       
   IMG Bild: Ostentative Lässigkeit: die Fußballexpert*innen laufen alle auf Wölkchen
       
       Früher hieß es immer, wer im Fernsehen auftrete, sehe auf dem Bildschirm
       dann automatisch zehn Jahre älter aus. Es ist also durchaus
       nachvollziehbar, wenn die ganzen Fußballexpert*innen dem
       entgegenwirken wollen. Es gibt freilich jene, die bar jeder Eitelkeit auch
       in Lodenhosen und Bergsteigerstiefeln ins Studio gekraxelt kämen, um dort
       ihre Expertise zum Besten zu geben, aber es werden doch immer weniger.
       
       Stattdessen kleiden sich die [1][Fußballexpert*inne]n möglichst
       casual; eine gewisse Tom-Taylor-hafte Lässigkeit soll den
       Zuschauer*innen ein entspanntes Gefühl von Gardasee vermitteln, die
       gedeckten, hellen Farben beschwören ein Kreuzfahrtfeeling herauf, das
       direkt Lust auf einen Appletini machen könnte. Das ist gerade auch deswegen
       notwendig, weil bei dieser WM symbolisch ja doch einiges im Argen liegt.
       Über den Kleidungsstil eine gewisse unbekümmerte Unbeteiligtheit
       auszudrücken, ist für das zu verkaufende Produkt da von entscheidender
       Bedeutung.
       
       Höhepunkt dieser Einheitskleidung sind die überall ins Bild leuchtenden
       weißen Sneakers, die offenbar zu tragen neuerdings verpflichtend ist. Sie
       transportieren eine indifferente Distanz, die die Uneigentlichkeit des
       Sportexpert*innendaseins spiegelt: Formal handelt es sich ja
       tatsächlich um Sportschuhe, allerdings hat nur die leere Form überlebt.
       
       Man könnte also sagen, sie laufen auf Wölkchen, die Expert*innen, und
       tatsächlich zeigen diese Schuhe eine Differenz gegenüber den
       Sportler*innen an, die die Lässigkeit und Ungezwungenheit ihrer
       Auftritte aufs trefflichste untermalt: Kein Mensch würde weiße Sneakers auf
       einem Fußballplatz tragen. Sie wären bereits nach Minuten völlig
       unbrauchbar. Weiße Sneakers tragen zu dürfen, muss man sich als
       Fußballer*in also erst mal leisten können. Sie sind sozusagen eine
       Variante der Krawatte, mit der sich ab den 1920ern die Büroknechte von der
       Arbeiter*innenschaft abgrenzten.
       
       ## Das Infantino-Weiß
       
       Sogar Gianni Infantino wurde inzwischen regelmäßig in weißen Sneakers
       gesehen. Ironischerweise ist gerade bei ihm dabei eben jenes Weiß, das so
       unbefleckt erscheinen soll, gar nicht so unschuldig, wie es auf den ersten
       Blick wirkt: farbsymbolisch spiegelt sich hier sehr schön die Palette der
       französischen Revolutionszeit. Während der Adel – also das Establishment –
       weiße Seidenkrawatten trug, band sich das Volk bunt leuchtende
       Baumwolltücher um den Hals – da bekommt die Regenbogenvielfalt des
       Beinwerks der aktiv Spielenden eine zum Träumen einladende neue Bedeutung.
       
       Jenes Weiß ist auch deshalb nicht so unschuldig, weil gerade die
       ostentative Lässigkeit an die Eingangsszene von American Psycho gemahnt,
       der sich derart furchtbar über den gelungenen Farbton der Visitenkarte
       eines Kollegen aufregt, dass er ihn anschließend grausam zerstückeln muss
       oder, je nach Interpretation, sich das vielleicht auch nur vorstellt. Die
       Vorstellung, wie Bastian Schweinsteiger abends am Kamin sitzt, ein Glas
       Cognac in der Hand, und darüber nachdenkt, wie er Mats Hummels zerlegen
       könnte, gibt der ganzen Veranstaltung eine zweite Ebene, die sie endlich
       über das Niveau einer Kinderquizsendung hinaushebt.
       
       Nichtsdestotrotz ist es freilich bedauerlich, dass sich diese Art der
       Einheitskleidung durchgesetzt hat. Würden denn nicht ein paar leicht
       angesaute Cowboystiefel [2][Bastian Schweinsteiger] auch optisch vom Rest
       der Bagage abheben? Per Mertesackers Worte hätten in Adiletten sicher noch
       mehr Gewicht. Und angesichts all der chirurgischen Verbesserungen, die
       Jürgen Klopp so hat durchführen lassen, wäre niemand geeigneter, den Trend
       zu Buffalos wieder aufleben zu lassen.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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