# taz.de -- WM und Religion: Glaube, Siege, Kulturkampf
> Jetzt schon ist klar: Ein WM-Phänomen, an das man sich erinnern wird, ist
> die zur Schau gestellte Religiosität nicht nur deutscher Kicker.
IMG Bild: Jetzt noch eine Kerze in die Mitte: Gebetskreis von Nmecha und Tah mit Spielern der Mannschaft von Curacao
Felix Nmecha und Cody Gakpo sind zwei Akteure, die aus der Frühphase dieser
Weltmeisterschaft herausragen. Ihre Nationalteams zählen vom Namen her
immer zu den Favoriten, sind aber durchaus mit vielen Fragezeichen umgeben.
Für sie waren die beiden Kicker beim Hereinkommen ins Turnier von großer
Bedeutung: Der Dortmunder Nmecha erzielte das erste deutsche Tor der WM,
Gakpo, seit inzwischen drei Jahren im Angriff des FC Liverpool, ragte beim
Spiel der vom Auftakt-Remis gegen Japan verunsicherten niederländischen
Elftal gegen Schweden durch seinen Doppelschlag heraus.
Ihre Rolle beschränkt sich offenbar nicht aufs Tore schießen. Die Bilder
von Nmecha, seinem Mitspieler Jonathan Tah und fünf Kollegen aus dem Team
Curaçaos, die Arm in Arm nach dem Match noch [1][auf dem Feld zusammen
beten], gingen um die Welt. Wer wollte, erfuhr, dass Nmecha wie auch
Curaçaos Ersatzspieler Kenji Gorré dem weltweiten
[2][Kicker-Missions-Netzwerk „Ballers in God“] angehört, deren Motto
lautet: „Impacting the beautiful game for Jesus“. Nmecha sprach hinterher
von „Brüdern in Christus“.
Cody Gakpo ist einer der Protagonisten, der das zögerliche Team Ronald
Koemans mit einem Mal wieder in den Favoritenkreis gebracht hat. Er
firmiert in niederländischen Medien als „pastoor van Oranje“. Den
Spitznamen habe er, „weil ich oft derjenige bin, der das Gebet spricht“,
bekannte er in einer Pressekonferenz. „Die Gruppe Jungs“, die diesem Kreis
angehören, werde „immer größer“, der Effekt sei „eine bestimmte
Zusammengehörigkeit“. Natürlich aber sei die Teilnahme freiwillig. „Wer
kein Bedürfnis daran hat, macht einfach sein Ding.“
In Deutschland wurde das Phänomen zuletzt nicht nur lebhaft, sondern sehr
kontrovers diskutiert. Kritik aus säkularen Kreisen wurde nicht nur von
[3][Ulf Poschardt in der Welt] („Kirchentage haben aus dem Glauben einen
Streichelzoo für linke Identitätspolitik gemacht“) scharf zurückgewiesen,
sondern auch von FAZ-Kommentator Jasper von Altenbockum. Nmechas Gebet
errege „nur die Gemüter, die an nichts mehr glauben als an ihre linke
Religion“. Die Worte machen deutlich: Der Fußball und die WM sind im
Kulturkampf nicht nur angekommen, sondern dort auch wichtige
Multiplikatoren und Klangräume.
## Neue Häufung von Gläubigen?
Dabei sind Fußballer, die sich in der Öffentlichkeit mit ihrem Glauben
geradezu produzieren, alles andere als eine Neuigkeit und auch nicht rar.
Antonio Rüdiger etwa ist in zahlreichen Social Media-Beiträgen wegen seiner
Zeigefinger-Geste als vermeintlicher „Islamist“ verrufen.
Die Fraktion stets missionsgesinnter Evangelikaler in der brasilianischen
Seleção – von Jorginho über Kaka bis zu Neymar mit seinem „100%
Jesus“-Stirnband – wird verhältnismäßig weniger kritisiert. Die grün-gelben
Kicker nimmt man vor allem als Botschafter des global bewunderten schönes
Spiel wahr, weshalb sie offenbar einen großen Sympathie-Bonus haben. Dabei
stehen die entsprechenden Freikirchen und nicht selten die dort engagierten
Kicker finsteren Figuren wie dem rechtsextremen Ex-Präsidenten Bolsonaro
nahe.
Vom Oranje-Team ist bekannt, dass manche Spieler schon vor vier Jahren in
Katar gemeinsam beteten. Wie auf dem Feld spielte Memphis Depay, damals
noch beim FC Barcelona, dabei eine tragende Rolle. Heute kickt Depay bei
Corinthians in São Paulo, bei der Elftal sitzt er auf der Bank.
## Religiöser Fundamentalismus
Doch während das Personal kommt und geht, hat sich der Gebetskreis längst
etabliert. Bezeichnend ist, dass der ehemalige Nationalspieler René van der
Gijp unlängst in der populären Talkshow „Vandaag inside“ kommentierte:
„Dieser Gott muss ganz schön beschäftigt sein“ und sich anschließend
darüber scheckig lachte – ohne zu merken, dass kaum jemand einstimmte.
Aber van der Gijp ist ein fußballerischer Vertreter einer Gesellschaft, die
sich im 20. Jahrhundert in Rekordzeit „entkirchlicht“ hat. Als solcher ist
ihm offenbar entgangen, dass in der Generation Z eine deutliche Rückkehr
zur Religiosität stattfindet. Dass sich diese Entwicklung im Fußball
niederschlägt, ist insofern wenig überraschend. Dass damit auch verbale
Entgleisungen einhergehen, wie sie sich der erwähnte Nmecha in mehreren
anti-queeren Posts leistete, liegt leider ebenfalls nah.
Bedenkt man, dass vermeintlich christliche Familienwerte und
[4][LGBTQ-feindliche Inhalte bei rechtspopulistischen Bewegungen] weltweit
zentral stehen, erklärt sich auch, weshalb gerade Beatrix von Storch
Nmechas Gebetskreis auf sozialen Medien feierte. Man muss Nmecha dadurch
nicht in die Nähe der AfD rücken.
Wohl aber erinnert die Konstellation an [5][Orkun Kökçü], den ehemaligen
Kapitän von Feyenoord Rotterdam. Dieser distanzierte sich kurz vor der WM
in Katar vor einer Regenbogen-Armbinden-Aktion des KNVB bei allen
Profi-Clubs. Aufgrund seines muslimischen-Glaubens sei er nicht geeignet,
diese Botschaft zu vermitteln, so der Sohn türkischer Eltern. Von Seiten
niederländischer Fans bekam er dafür online zahlreiche Unterstützung:
„Endlich jemand, der für seine Kultur einsteht.“
22 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Tobias Müller
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