# taz.de -- Buch über Heideggers Verhältnis zum NS: Adorno hätte es besser wissen müssen
> Oliver Jahraus zeichnet die Kontroverse um Heideggers Beziehung zum
> Nationalsozialismus nach. Leider ermüdet das Buch in seiner Detailfülle.
IMG Bild: Zeittypisches völkisches Vokabular sickerte in sein Werk ein: Martin Heidegger vor der Kulisse des Schwarzwalds
Das Reizthema „Heidegger und der Nationalsozialismus“ erschüttert die
philosophischen Debatten nicht erst seit Martin Heideggers Tod vor 50
Jahren. Der Münchner Literatur- und Medienwissenschaftler Oliver Jahraus
zitiert jetzt in seinem Buch „Verstrickte Philosophie“, das die alten Fäden
wieder und wieder aufrollt, eine Bemerkung von Heideggers verbissenem
Antipoden Theodor W. Adorno. Der Leiter des Frankfurter Instituts für
Sozialforschung, führender Kopf der marxistischen Neuorientierung und einer
der bekanntesten jüdischen Exilanten in den USA, bemerkte 1963 über den
badischen Kollegen, der sich „innere Emigration“ zugutehielt: „Heideggers
Philosophie ist bis in ihre innersten Zellen faschistisch.“
Das war damals eine bewusste Provokation und sollte wohl auch so verstanden
werden. Adornos Verdikt trifft den Tonfall der späteren Veröffentlichungen
des Chilenen Victor Farías und des Franzosen Emmanuel Faye zu Heideggers
vermeintlich nationalsozialistischer Philosophie. Im Gegensatz zu Farías
und Faye hätte es Adorno aber besser wissen müssen. Denn Heideggers
„Jahrhundertwendwerk“ „Sein und Zeit“ von 1927 ist keineswegs
nationalsozialistisch, worauf bereits sein Freiburger Schüler Emmanuel
Lévinas, den Oliver Jahraus kein einziges Mal erwähnt, mit Nachdruck
hingewiesen hat. Lévinas, Sohn einer jüdisch-orthodoxen Familie aus Kaunas,
der nach dem Krieg Philosophie an der Pariser Sorbonne und an der
Universität Fribourg lehrte, erinnerte sich daran, dass er bei Heideggers
Vorlesungen, einem akademischen Spektakel ohnegleichen, seinen Platz
mindestens sieben Stunden im Voraus belegen musste.
## Eingesickertes völkisches Vokabular
Adorno, der sich niemals intensiv mit Heidegger auseinandersetzte, hatte es
in der Tat besser gewusst – genauso wie 1953 der junge Student [1][Jürgen
Habermas] –, denn wer „Sein und Zeit“ seinerzeit aufmerksam las, dem wird
aufgefallen sein, dass zwar kein NS-, aber dafür zeittypisches völkisches
Vokabular in das Jahrhundertwerk eingesickert war. Heidegger wollte damit
seiner Kritik metaphysischer Subjektphilosophie ein neues Fundament
verschaffen. Die Ersetzung von jeglichem Individuellen durch das anonyme
„Dasein“, sein Kampf gegen „Bodenlosigkeit“ und „Entwurzelung“, die Polemik
gegen eine Kultur der „Äußerlichkeit“ verbrämt Heidegger in „Sein und Zeit“
noch als „Kampf gegen das pseudos, gegen Verdrehung, Verkehrung und
Schein“.
Dass die völkische Ideologie, die damals bis in die Reformbewegung
hineinragte, die in der Welt verstreut lebenden Juden mit derartigen
Attributen behaftete, dürfte Heidegger, der oft politischen
Allgemeinplätzen zuneigte, keineswegs verborgen geblieben sein. Und die
aufstrebende Ideologie des „National-Sozialistischen“, der „Revolution“
einer „Bewegung“, die sich für eine authentische und bodenständige Kultur
einsetzte, musste auf den schwäbischen Philosophen äußerst attraktiv
wirken.
Was in Zeiten des Kalten Kriegs für Heidegger ein metaphysischer Schrecken
war, bedeutete für seinen Ex-Studenten Emmanuel Lévinas eine Befreiung: die
erste Umkreisung der Erde durch den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin
im Jahre 1961. In dem wunderbaren kleinen Text „Heidegger, Gagarin und
wir“, der im selben Jahr in der Information Juive erschien, diagnostizierte
der jüdische Philosoph „ein Leichterwerden der menschlichen Substanz“ und
folgert: „Die Technik entreißt uns der Heideggerschen Welt und dem
Aberglauben des Ortes“ (taz vom 13. 4. 1991). Das war Lévinas fulminanter
Gegenentwurf zu Heidegger. Doch der blieb durch seine Argumente
unbeeindruckt und sagte fünf Jahre später im legendären Spiegel-Interview:
„Die Technik reißt den Menschen immer mehr von der Erde los und entwurzelt
ihn.“
Das ist die grundlegende Differenz zwischen der jüdischen Philosophie eines
Emmanuel Lévinas und einem Denken, das die größte Angst vor dem Verlust von
Heimat und Bodenhaftung hat. Leider fehlt dieser Hinweis vollends in Oliver
Jahraus’ Buch „Verstrickte Philosophie. Heidegger und der
Nationalsozialismus“. Überhaupt bemüht sich der Autor zu wenig, den
„Nationalsozialismus zu denken“, wie einmal [2][Jacques Derrida] anmahnte,
ein anderer jüdischer Philosoph, der sich an zahllosen Universitäten der
Erde zu Hause fühlte.
Oliver Jahraus’ wichtigster Gewährsmann ist Jürgen Habermas, der 1953
bestürzt auf die Veröffentlichung von Heideggers Vorlesung „Einführung in
die Metaphysik“ von 1935 reagierte, weil darin unverändert von der „inneren
Wahrheit und Größe des Nationalsozialismus“ zu lesen war. Habermas sagte
damals zu Recht, Heidegger habe durch den späteren Verweis auf den
neuzeitlichen Menschen und die planetarische Technik jede Verfehlung
seinsgeschichtlich begründet und sich selbst aus jeglicher „moralischen
Klärung“ entlassen. Ganz nebenbei löste Habermas mit seinem FAZ-Beitrag die
erste Heidegger-Debatte nach dem Krieg aus.
Jahraus versucht in seinem Buch, jede vermeintlich wichtige Stimme in
diesem Debattengewirr nachzuzeichnen, obgleich der Lektüregewinn einer
solchen Kompilation höchst zweifelhaft ist. Neue Erkenntnisse zum politisch
brisanten Thema sind in dem Buch nicht zu verzeichnen. Selbstverständlich
skizziert Jahraus ebenso akribisch die in den späten 1980er Jahren durch
Victor Farias’ „Heidegger und der Nationalsozialismus“ ausgelöste, höchst
kontroverse zweite Debatte. Ebenso die letzte größere Debatte 2014, die auf
die Publikation von Heideggers „Schwarzen Heften“ zurückgeht. Die einzelnen
Stimmen der Heidegger-Apologeten und -Verächter jetzt bei Jahraus
nachzulesen, ist – ehrlich gesagt – streckenweise reichlich ermüdend.
Wohltuend dagegen ist das ausgewogene Urteil des Philosophen Dieter Thomä,
der jetzt anlässlich von Heideggers 50. Todestag sagte, die wenigen
antisemitischen Stellen in den „Schwarzen Heften“ hätten zwar das
Heidegger-Bild vervollständigt, aber keineswegs verändert: „An seiner
Philosophie führt auch heute kein Weg vorbei.“ Angesichts der
epochemachenden Wirkung, die „Sein und Zeit“ oder auch die „Einführung in
die Metaphysik“ in Philosophie, Literatur und den Künsten weltweit
ausübten, sei es vermessen, Heideggers Philosophie in einen guten, lesbaren
und einen schlechten, unlesbaren Teil zu trennen. Und „es verbiete sich der
Versuch, Heideggers Philosophie dem Nationalsozialismus unterzuordnen“.
Jürgen Habermas hatte völlig recht, als er 1953 die Empfehlung ausgab: „Es
scheint an der Zeit, mit Heidegger gegen Heidegger zu denken.“ Zwischen
Apologie und Verdammen gibt es in der Tat keinen klügeren Weg.
27 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Klaus Englert
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