# taz.de -- Roman von Lídia Jorge: Die Mythen der Revolution
> Lídia Jorge setzt in ihrem neuen Roman den Protagonisten der
> Nelkenrevolution in Portugal ein Denkmal. 1974 hatten sie die Diktatur zu
> Fall gebracht.
IMG Bild: Freude nach dem Umsturz: Jugendliche mit Nelken am Rossio-Platz in Lissabon am 1. Mai 1974
Als Ana Maria das Foto im Büro ihres Vaters entdeckt, erkennt sie die
Gesichter der um den Tisch Sitzenden sofort: Es sind Männer und Frauen, die
alle am 25. April 1974 mit dabei waren – dem Tag, an dem die
Nelkenrevolution in Portugal die brutale Salazar-Diktatur friedlich
beendete und das Land zur Demokratie führte.
Auf der Rückseite des Fotos steht eine Legende. Doch statt der echten Namen
finden sich dort Spitznamen: der Bronzeoffizier, El Campeador oder Charlie
8. Darunter steht: „Ein Geschenk zur Erinnerung an ein memorables
Abendessen. Wo alle sehr glücklich waren.“ Ein Rätsel: Je länger Ana Maria,
die Protagonistin in Lídia Jorges Roman „Die Stunde der Nelken“, das Foto
betrachtet, umso unklarer werden die Rollen der abgebildeten Menschen, der
Anlass, die gesamte Situation.
„Die Stunde der Nelken“ ist ein Roman über die Unmöglichkeit, historischen
Ereignissen gerecht zu werden. Jorge entzaubert [1][die Mythen der
Nelkenrevolution] und zeigt zugleich, warum Menschen ohne sie nicht
auskommen: weil die Geschichte, die einen selbst betrifft, widersprüchlich
und schmerzhaft ist.
In Portugal erschien der Roman bereits 2014, nun hat der Berliner Secession
Verlag die von Marianne Gareis elegant übersetzte deutsche Fassung
herausgebracht. Jorge zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen
Portugals. Ihre Werke, Seismografen des gesellschaftlichen Wandels, wurden
in über 20 Sprachen übersetzt. Erst kürzlich wurde sie mit dem renommierten
Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. In
Deutschland wartet sie dennoch auf breitere Anerkennung. Dabei erzählt sie
Geschichten, die weit über Portugal hinausreichen.
Ana Maria Machado, Jorges Protagonistin, hat die Ereignisse der
Nelkenrevolution weit hinter sich gelassen. Sie lebt in den USA, arbeitet
als Kriegsreporterin. Portugal ist für sie ein fernes Land, so fern, dass
sie „zuletzt sogar die reale Existenz seiner Gegenwart und erst recht
seiner Vergangenheit angezweifelt hatte“.
Ein Auftrag des US-Senders CBS zwingt sie, sich mit dieser Vergangenheit
auseinanderzusetzen. Sie soll eine Dokumentation über die Nelkenrevolution
drehen, Teil einer Reihe über die „entfesselte Geschichte“ – jene seltenen
Momente, in denen Utopien Wirklichkeit wurden.
## Geschichte verklären
Die Idee dazu stammt vom damaligen US-Botschafter in Portugal, der einst
die Macht hatte, die Revolution aus geopolitischen Gründen scheitern zu
lassen. „Gehen Sie dorthin und bringen Sie uns was Feines, eine saubere
Sache, einen strahlenden Bericht, in dem man sich wiedererkennt“, fordert
er Ana Maria auf. Die Verklärung – und seine eigene Entlastung – sind im
Auftrag bereits angelegt.
Ana Maria reist nach Lissabon, um die noch lebenden Helden der Revolution
für die Dokumentation zu treffen. Das Foto aus dem Arbeitszimmer ihres
Vaters dient ihr als Ausgangspunkt. Ihre Eltern gehörten zum inneren Kreis
der Aufständischen. Besagtes Foto dokumentiert dabei nicht irgendeinen
Abend, sondern ist auch das „Hochzeitsfoto“ ihrer Eltern. Festgehalten ist
jener Moment, der ihre Mutter damals in Lissabon bleiben ließ und trotzdem
nicht reichte, um die Familie zusammenzuhalten.
Ihr Vater, António Machado, war Kolumnist, „jener Mann, der auf der letzten
Seite seiner Zeitung die Zukunft vorhersagte“, wie der ehemalige
Botschafter ironisch bemerkt. Nun soll die Tochter die Vergangenheit
rekonstruieren, [2][wo der Vater einst die Zukunft deutete]. Ein
Unterfangen, das von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist.
Ana Maria ist Kriegsreporterin, gewohnt, Distanz herzustellen zwischen sich
und dem, worüber sie berichtet. Aber hier gelingt ihr das nicht. Die
neutrale Beobachterin und die Beteiligte fallen immer wieder ineinander. So
wie sich im Roman Mythos und Wahrheit nie sauber trennen lassen.
## Den Anschein von Wahrhaftigkeit
Jorge macht die Erzählform selbst zum Argument. Ana Maria spricht in der
Ich-Form, tritt aber immer wieder zurück, nennt sich plötzlich „ihre
Tochter“, betrachtet sich wie von außen. Gleich zu Beginn des Romans
beschreibt sie sich als „die Portugiesin“, als wäre sie eine Fremde in der
eigenen Geschichte. Es ist der vergebliche Versuch, sich aus der eigenen
Geschichte herauszuschreiben.
Für ihre Recherchen holt sie zwei ehemalige Kommilitonen als Verstärkung
dazu. Beide sind nicht im Kontext der Revolution aufgewachsen, für sie sind
die Personen auf dem Foto keine vertrauten Gesichter. Eine Unkenntnis, die
den „Anschein von Wahrhaftigkeit“ schaffen sollte oder vielleicht „sogar
Wahrhaftigkeit selbst“. Doch auch diese Hoffnung trügt. Am Ende geraten
auch die vermeintlich Unbeteiligten in den Sog der Geschichte.
In Lissabon trifft Ana Maria die Menschen hinter den Spitznamen – und
erlebt eine Entzauberung nach der anderen: Ein Brigademajor erzählt vor der
Kamera von Heldenmut, gesteht aber später, wie Seilschaften ihn nach der
Revolution um seine Pension brachten. Ein ehemaliger Offizier galoppiert am
Strand von Lissabon auf und ab, um sich auf ein BBC-Interview
vorzubereiten, das nie stattfinden wird. Jeder schützt seinen persönlichen
Mythos. Oder demontiert ihn selbst, bevor Ana Maria es tun kann.
Keinem von ihnen ist es gelungen, danach ein normales Leben weiterzuführen.
Zu prägend, zu einzigartig waren die damaligen Ereignisse. Da ist der
Journalist, der mit dem Codelied „Grândola, Vila Morena“ den Putsch
einleitete und bis heute das perfekte Lied für die nächste Revolution
sucht. Oder der Fotograf Tião Dolores, der in einer leeren Wohnung haust
und sich von einem „kreativen Schöpfer“ in eine „traurige, ungewöhnlich
sture Persönlichkeit“ verwandelt hat.
## Kastrierte Männer ohne Träume
Dass Geschichte nicht vergeht, zeigt sich auch an denen, die sie nicht
erlebt haben. Ana-Marias Drang, sich dem Leid anderer auszusetzen, verdankt
sich ebenfalls diesem Erbe: „In mir zurückgeblieben war das Streben nach
grenzenloser Größe, die mich an Orte der Gewalt und des Streits brachte.“
Ihre Kommilitonin beginnt eine Affäre mit einem der interviewten Helden.
Seit sie ihm begegnet ist, sind die Männer aus ihrer Generation nur noch
„eine Horde Kastrierter ohne Träume“.
Am Ende liefert Ana Maria genau die verklärende Dokumentation ab, die CBS
bei ihr bestellt hat. All die Widersprüche, Verstrickungen und düsteren
Wahrheiten schneidet sie heraus. Sie hat ihren Job erledigt, doch
„zurückgeblieben war eine Aufgabe für zwanzig, dreißig, vierzig, hundert
oder sogar noch mehr Jahre: zu entschlüsseln, was damals wirklich passiert
ist“.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass, wer sich mit der Vergangenheit
auseinandersetzt, immer auch sich selbst mitnimmt. Auch in Deutschland
zeigt sich das gerade neu – bei einer Generation, die beginnt, die
Verstrickungen ihrer Familien im Nationalsozialismus offenzulegen, oft
gegen erhebliche Widerstände. Lídia Jorge zeigt, warum das so schwer ist.
30 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Verena Harzer
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