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       # taz.de -- Bauvorhaben von Ivanka Trump: Albanien sieht rosa
       
       > Der Bau einer Ferienanlage in einem albanischen Naturschutzgebiet bedroht
       > Flamingos und andere Tiere – auch die Amtszeit von Ministerpräsident
       > Rama?
       
   IMG Bild: Umriss eines Skandals: Protestierende in der Lagune von Narta
       
       Die Löcher sind ausgehoben, die Schalbretter eingesetzt, der Beton ist
       eingefüllt, die Schalungsrahmen sind wieder entfernt. Die Punktfundamente
       für die Zaunpfosten sind erstellt. Befestigte Wege aus Kies oder Beton sind
       angelegt, Lichtmasten ragen in den Himmel. Damit Fahrmischer den
       Frischbeton zur Baustelle bringen können. Tag und Nacht.
       
       Denisa Kasa zückt ihr Smartphone. Sie fotografiert ein von Baggern
       freigeräumtes und planiertes Gelände, auf dem erst kürzlich noch Pinien
       standen. „Das ging alles sehr schnell. Sie wollen Fakten schaffen“, sagt
       Denisa Kasa. Mit „sie“ meint die Albanerin Jared Kushner, Ehemann von
       Ivanka Trump, Tochter des US-Präsidenten Donald Trump, ferner den
       albanischen Premier Edi Rama sowie einheimische Oligarchen.
       
       Kasa, 27, prüfender Blick, ist Projektmanagerin bei PPNEA, einer
       Umweltorganisation mit Sitz in Albaniens Hauptstadt Tirana. Derzeit kämpft
       sie gegen ein gigantisches Tourismus- und Immobilienprojekt im
       Naturschutzgebiet Vjosë-Narta und auf der vorgelagerten Insel Sazan vor der
       albanischen Adriaküste. Das Schutzgebiet nördlich der Küstenstadt Vlorë
       umfasst das Mündungsdelta der Vjosë, eines der letzten ungezähmten
       Flusssysteme Europas, sowie Lagunen, Dünen, Kiefernwälder und Strände – und
       zählt zu den ökologisch wertvollsten Küstenlandschaften des
       Mittelmeerraums.
       
       Das Schutzgebiet beherbergt mehr als 200 teils [1][seltene Arten] und ist
       ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel zwischen Europa und Afrika. Rund
       11.000 Flamingos und 1,5 Prozent der weltweiten Pelikanpopulation leben
       hier. Im vergangenen Frühjahr brüteten Flamingos erstmals erfolgreich in
       dem weitgehend unberührten Naturparadies.
       
       ## Ökologischer Super-GAU
       
       Damit könnte es bald vorbei sein. Dem Naturschutzgebiet Vjosë-Narta droht
       nach Ansicht von Umweltschützern ein ökologischer Super-GAU. Zwar stellte
       die albanische Regierung die Region bereits 2004 unter Schutz und
       verankerte diesen Status später gesetzlich. Doch 2024 lockerte sie die
       Bauauflagen per Gesetzesänderung – offenbar, um private Großinvestoren
       anzulocken.
       
       Nicht lange danach trat eine US-Investmentfirma auf den Plan. Wie die
       staatliche Nachrichtenagentur ATA im Januar 2025 berichtete, erhielt
       [2][ein Unternehmen von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident
       Donald Trump, den Status eines strategischen Investors für den Bau eines
       Luxusresorts auf der Insel Sazan.]
       
       Nach Angaben der ATA nahm der von Premier Edi Rama geleitete Ausschuss für
       strategische Investitionen das Angebot von Atlantic Incubation Partners an,
       das mit Kushners Investmentfonds Affinity Partners verbunden ist, und
       gewährte dem Anbieter ein beschleunigtes Sonderverfahren. Der Beschluss
       sieht Investitionen von rund 1,4 Milliarden Euro für das Projekt „Tourist
       Resort – Sazan Island“ vor. Die Bauarbeiten sollen etwa 45 Hektar und damit
       8 Prozent der Inselfläche beanspruchen.
       
       Ivanka Trump schwärmt derweil von der „unglaublich schönen“ Insel Sazan.
       Mit ihrem Mann hätten sie auf der Jacht eines Freundes vor Sazan
       angehalten, um im kristallklaren Meer zu schwimmen. „So haben wir die Insel
       entdeckt. Wir sind hingeschwommen, dort barfuß gewandert – und waren total
       begeistert“, frohlockt sie freimütig in einem Podcast.
       
       Fest steht: Die Insel Sazan ist Eigentum des albanischen Staates und keine
       „Privatinsel“, wie von Ivanka Trump falsch behauptet. Im Kalten Krieg –
       während der eisernen Herrschaft des kommunistischen Diktators Enver Hoxha –
       diente Sazan als Militärstützpunkt. Sie untersteht der Verwaltung von
       Albaniens Verteidigungsministerium.
       
       Doch Sazan ist nur ein Teil der Pläne. Gegenüber auf dem Festland im
       Naturschutzgebiet Vjosë-Narta soll ein noch größeres Tourismus- und
       Immobilienprojekt entstehen. Entlang der Küste sind auf rund 6 Kilometern
       Hotels, Ferienanlagen und weitere Neubauten vorgesehen. Das
       Investitionsvolumen wird mit umgerechnet rund 4 Milliarden Euro angegeben.
       
       Hinter dem Vorhaben steht eine eigene Projektgesellschaft namens Zvërnec
       South Adriatic Development. An ihr soll nach Erkenntnissen investigativer
       Journalisten auch der einflussreiche albanische Unternehmer Shefqet
       Kastrati beteiligt sein. Die Gesellschaft sei über eine Treuhandstruktur in
       den Niederlanden registriert.
       
       Für Denisa Kasa, die Umweltaktivistin, sind die Pläne der Trump-Familie der
       ultimative Albtraum. Schon der kleinste Eingriff in das sensible Ökosystem
       richte maximalen Schaden ein, hebt Kasa hervor. Alleine die Gegenwart von
       Menschen, geschweige denn der Lärm schon durch erste Erdarbeiten, sei für
       Wildtiere ein totales No-Go, sagt sie.
       
       Das bestätigt ein spontaner Blitztest am noch nicht fertiggestellten
       internationalen Flughafen von Vlorë, der nördlich des Naturschutzgebiets
       Vjosë-Narta liegt. Schon das Geräusch beim Öffnen einer Autotür vertreibt
       eine auf dem Stacheldrahtzaun sitzende Eule.
       
       Denisa Kasa erreicht auf ihrer Beobachtungstour das Meer am breiten
       Sandstrand im nördlichsten Abschnitt des geplanten Megaprojekts im
       Naturschutzgebiet Vjosë-Narta. Die Unechte Karettschildkröte legt hier ihre
       Eier zwischen Mai und August in tiefe Sandgruben. Nach 50 bis 60 Tagen
       schlüpfen die Jungtiere, um ins Meer zu finden. Kasa zeigt auf den Boden.
       „Treten Menschen darauf oder fahren Fahrzeuge darüber, werden die Eier
       zerstört oder Jungtiere getötet.“
       
       Die vom Aussterben bedrohte Mittelmeer-Mönchsrobbe nutzt die abgeschiedenen
       Unterwasserhöhlen und Klippen der Insel Sazan als Rückzugsort. Und die
       Flamingos? Notgedrungen müssten sie andere Gebiete im benachbarten Italien
       aufsuchen, sobald die Bauarbeiten losgehen. Denisa Kasa erklärt: „Wildtiere
       sind sehr empfindlich. Wittern sie Gefahr, fliehen sie.“ Doch woanders
       erwarten sie Kämpfe mit anderen Flamingopopulationen. In Europa gibt es
       nämlich nicht genügend geeignete Orte für Flamingos.
       
       Schon längst hat das kolossale Tourismusprojekt der Trump-Familie im
       Südwesten Albaniens nicht nur leidenschaftliche Öko-Aktivisten auf den Plan
       gerufen. Seit dem 31. Mai versammeln sich auf dem zentralen Skanderbegplatz
       in Tirana allabendlich Tausende Gegner des Luxusprojekts.
       
       Sie schwenken die albanische Nationalflagge und halten Pappmodelle von
       Flamingos hoch. Auf Transparenten und Plakaten stehen Slogans wie „Albanien
       ist nicht zu verkaufen“. Abschätzige Parolen richten sich unverblümt gegen
       Ivanka Trump und Jared Kushner. Dabei lieben die Albaner eigentlich die
       USA.
       
       ## Angriffe auf Protestierende
       
       Unmittelbarer Auslöser der [3][Massenproteste] sind Angriffe auf
       Protestierende. In dem Naturschutzgebiet Vjosë-Narta versammeln sich am 30.
       Mai nahe dem Ort Zvërnec zum zweiten Mal binnen sieben Tagen Dutzende, um
       gegen die plötzliche Einzäunung des Strandes von Dalan zu protestieren. Sie
       werfen den Akteuren Landraub vor.
       
       Einer der Protestierenden wird von privaten Sicherheitskräften, mutmaßlich
       des besagten Oligarchen Kastrati, geschlagen, zu Boden geworfen und über
       die Erde geschleift. Die albanische Polizei schaut tatenlos zu. Rasant
       verbreiten sich Bilder von der Gewalttat. Der Aufschrei in Albanien ist
       groß. Das bringt die „Flamingorevolution“ ins Rollen. Die Demos breiten
       sich rasch auf verschiedene albanische Küstenorte aus.
       
       Das allabendliche Demoritual in Tirana ist stets das Gleiche: Die
       Menschenmenge zieht vom zentralen Skanderbegplatz bis vor den einige
       Hundert Meter entfernten Sitz von Premier Rama. Hier darf sich jeder in
       eine Liste eintragen, um eine kurze Rede zu halten. Einfache Bürger,
       Umweltaktivisten, Künstler, Hochschullehrer, Studenten und sogar Schüler
       melden sich zu Wort. Parteienvertreter sind unerwünscht.
       
       Während glückliche Kleinkinder im eingerichteten Kidscorner Flamingos auf
       Papier malen, wird die Stimmung unter den Protestierenden von Rede zu Rede
       immer aufgeheizter. Die Wut richtet sich nicht nur gegen Premier Rama, den
       die Menge aus voller Kehle mit „Ju erdhi fundi!“-Rufen („Deine Zeit ist
       abgelaufen!“) schmäht und ihn lautstark zum Rücktritt auffordert. Im
       Stakkato skandieren aufgebrachte Redner „Rama në burg, Berisha në burg!“
       („Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis!“). Sie tun das genauso
       frenetisch wie die Versammelten.
       
       Neben Rama soll also auch Sali Berisha hinter Gittern schmoren. Der
       konservative Ex-Staatspräsident, Ex-Premier und Chef der größten
       Oppositionspartei, der Demokratischen Partei Albaniens (PD), ist der
       Widersacher des Sozialisten Rama, der mit seiner Sozialistischen Partei
       (PS) schon seit dem September 2013 in Albanien regiert.
       
       Kein gutes Haar lassen die Protestierenden zudem an der übrigen Polit- und
       Wirtschaftselite des Landes. Sie sei völlig korrupt, so der Tenor. Die
       eindeutige Forderung der zusehends zahlreicher werdenden
       Flamingorevolutionäre lautet: Das Alte muss weg, das Neue muss kommen. Sie
       wollen ein neues Albanien. Basta!
       
       Seinen Höhepunkt erreicht der Protestzug am Abend in der Innenstadt
       Tiranas. Während die Demonstranten die Nationalflagge schwenken, hallt ein
       Ruf durch die Straßen: „Revolucion! Revolucion! Revolucion!“ Eine
       Übersetzung erübrigt sich.
       
       Amarildo Hasi trägt vor dem Sitz von Premier Rama die traditionelle
       albanische Schafwollkappe Qeleshe, die Nationalflagge trägt er als Cape auf
       dem Rücken. Mit 14 habe er Albanien verlassen, lebe in Augsburg, sei im
       Einkauf tätig, erzählt der 27-Jährige. Er sei extra hierhergeflogen, um an
       den Protesten teilzunehmen. „Ich sehe nicht ein, dass die Natur für die
       Interessen der Reichen zerstört wird.“
       
       ## Dubiose Oligarchen
       
       Seinen Entschluss, spontan aus Deutschland nach Tirana zu reisen, habe er
       gefasst, als er die Bilder von den Angriffen der Kastrati-Schläger am
       Sperrzaun im Naturschutzgebiet Vjosë-Narta sah. „Ich sagte mir: Hey, da
       läuft etwas gewaltig schief! Die Polizei sieht eine Gewalttat und tut
       nichts?“ So denken viele Albaner. Stinkreiche US-Amerikaner, die eigene
       Regierung, dubiose Oligarchen: Alle stecken unter einer Decke. In einem
       rechtsfreien Raum.
       
       Naso Subashi, 64, Sommerhut, gegerbtes Gesicht, die nur noch halb gefüllte
       Zigarettenschachtel der griechischen Marke Karelia in der linken Hand, hat
       auf der Fahrt im südlichsten Abschnitt des Naturschutzgebiets Vjosë-Narta
       auf dem Beifahrersitz des weißen SUV Platz genommen.
       
       Los geht es nahe der orthodoxen Kirche im Ort Zvërnec, der nur noch 40
       meist ältere statt wie einst 600 Einwohner zähle, wie Naso Subahsi sagt. In
       Zvërnec tragen fast alle denselben Familiennamen wie Naso Subashi. Er
       gehört wie die anderen Dorfbewohner zur anerkannten griechischen Minderheit
       in Albanien.
       
       Auf einer Schotterstraße geht es an der Stelle vorbei, an der Kastratis
       Schläger am 30. Mai einen Protestierenden angriffen. Der Bauzaun, der
       damals quer über die umstrittenen Grundstücke gezogen worden war, ist nun
       verschwunden. Der SUV hält. Naso Subashi zeigt auf die Stelle. „Das war
       mein Cousin Eddie Subashi, den sie angegriffen haben.“
       
       Erst als der Zaun errichtet worden sei, habe er begriffen, dass man ihnen
       das Land wegnehmen wolle. „Kein Mensch ist auf mich zugekommen und hat mir
       etwas gesagt. Jetzt soll hier gebaut werden. Sie haben mein Grundstück
       gestohlen!“
       
       Sein Cousin Eddie habe lediglich verlangt, zu seinem Grundstück
       durchgelassen zu werden. Die Antwort sei ein Faustschlag gegen den Hals
       gewesen. Anschließend sei er in eine Klinik eingeliefert worden. Naso
       Subashi deutet in die Ferne. „Auch ich habe hier ein Grundstück“, sagt er.
       „Ich zeige es dir.“
       
       Ein neu angelegter Weg führt mitten über den langen Sandstrand. „Den gab es
       früher nicht“, sagt Subashi. Wenig später öffnet sich der Blick: rechts die
       Lagune Narta, links die Adria. Immer wieder zeigt er aus dem Fenster. „Das
       dort gehört Vangelis Subashi. Und das Panagiotis Subashi.“ Jeder im Dorf
       Zvërnec wisse, wem welches Grundstück im südlichen Teil des Schutzgebiets
       gehöre.
       
       Schließlich hält der Wagen. Subashi steigt aus und zeigt auf ein Stück
       Land. „Wir sind da. Das ist mein Grundstück. Von hier bis zu der großen
       Pinie auf der Anhöhe.“ Er zieht an seiner Zigarette. Zuvor habe das
       Grundstück seinem Urgroßvater Stavros, dann seinem Großvater Naso und
       schließlich seinem Vater Filippos gehört. Die alten Eigentumstitel aus der
       Zeit vor dem Kommunismus habe er bis heute aufbewahrt. Mit dem albanischen
       Staat streiten sich die Grundstücksbesitzer schon seit Jahren um
       Eigentumsrechte und Nutzung.
       
       In seiner vierten Amtszeit steht Premier Rama vor seiner bisher größten
       Bewährungsprobe. Bei der jüngsten Wahl im Mai vorigen Jahres hat der so
       wortgewandte wie eigenwillige 61-jährige Hüne, früher Basketballer, bis
       heute Maler, fulminante 52 Prozent der gültigen Stimmen mit einem großen
       Versprechen und einer Vision gewonnen: Die einheimische Wirtschaft werde
       weiter stark wachsen und er werde das Balkanland bis 2030 in die EU führen.
       
       Rama kann durchaus Erfolge vorweisen: Unter seiner Ägide hat sich die
       Wirtschaftsleistung des nicht einmal 3 Millionen Einwohner zählenden Landes
       nominal von etwa 10 Milliarden Euro (2013) auf 27 Milliarden Euro (2025)
       fast verdreifacht. Wichtigster Wachstumstreiber ist der boomende Tourismus.
       Der Reisesektor erwirtschaftet bereits rund ein Viertel der albanischen
       Wirtschaftsleistung – Tendenz steigend. Kamen 2021 noch rund 5 Millionen
       Urlauber ins Land, waren es 2025 schon über 12 Millionen.
       
       Rama ist fest dazu entschlossen, Albanien vom einstigen Geheimtipp zum
       globalen Tourismusziel zu entwickeln. Das Problem: Zwar empfängt Albanien
       etwa dreimal weniger Touristen als der Nachbar Griechenland. Doch die Küste
       Albaniens, wohin in der Hauptsaison im Sommer die Urlauber strömen, ist
       dreißigmal kürzer als jene von Hellas. Je nach Messmethode ist die
       albanische Küste bloß etwa 360 bis 476 Kilometer lang.
       
       Ob Saranda oder Dhërmi: Im Sommer platzen die albanischen Top-Reiseziele
       inzwischen aus allen Nähten. Was ein beginnender Übertourismus anrichten
       kann, ist in Dhërmi zu sehen: War die Perle der albanischen Riviera mit
       ihren Traumstränden bis vor wenigen Jahren wegen ihrer dichten Wälder noch
       eine grüne Oase, ist sie zu einer wahren Betonwüste verkommen.
       
       Rama steckt in der Bredouille. Will er seine ehrgeizigen Wachstumsziele
       (sein großes Wahlversprechen) erreichen, ohne dass das Land mit dem
       Wachstumsmotor Tourismus an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt, muss
       sich Albanien von einem günstigen Reiseland mit bald drohendem
       Übertourismus zur Premiumdestination für betuchte Gäste entwickeln. Ist
       kein Platz mehr dafür vorhanden oder sollen besonders schöne Orte dafür
       dienen, dann will man eben ausgerechnet die größte Insel des Landes, also
       Sazan, und das bisher nahezu unberührte Naturschutzgebiet Vjosë-Narta
       nutzen.
       
       Der Megadeal mit der Trump-Familie passt genau in Ramas Konzept. „Solange
       ich hier bin, wird diese Investition auf keinen Fall zum Stillstand
       kommen“, versichert der Langzeitpremier. Seine Regierung verhandele noch
       über ein Gemeinschaftsunternehmen, um auf der Insel Sazan das Luxusresort
       zu bauen, bestätigte er erst kürzlich. Dass die ersten Erdarbeiten in
       Vjosë-Narta derweil aufgegeben und die jüngst errichteten Stacheldrahtzäune
       wieder abgeräumt wurden, liege an den Protesten. Zähnekirschend sagt Rama:
       „Es gibt einen Moment Pause.“
       
       Keine Pause gönnen sich die Demonstranten. Die Proteste befeuert auch, dass
       viele Albaner nicht verstehen können, wieso eine moderne öffentliche
       Infrastruktur ausgerechnet auf Sazan und in Vjosë-Narta für künftige
       Luxusurlauber entstehen soll, während im Rest des Landes diesbezüglich ein
       enormer Nachholbedarf besteht.
       
       In den südlichen Stadtteilen der Küstenstadt Vlorë, von deren Uferpromenade
       die Insel Sazan zu sehen ist, sei im vorigen Sommer die Wasserversorgung
       tagelang ausgefallen, klagen heute noch Hotelbetreiber und Gastronomen im
       Gespräch. Im Herzen der Hauptstadt Tirana läuft ungefiltertes Abwasser von
       Privathaushalten und Geschäften gut sichtbar durch Rohre in das Flüsschen
       Lanë, das Tirana quert. Ein übler Geruch liegt in der Luft. Abfalleimer und
       Mülltonnen in den Straßen Tiranas sind rar, in den Dörfern sowieso. Die
       unweigerliche Folge sind wilde Müllkippen allenthalben.
       
       Das Schulsystem, die Gesundheitsversorgung, niedrige Löhne, die Teuerung,
       die blühende Korruption: Noch vieles mehr liege im real existierenden
       Albanien im Argen, erzählen einem die Menschen in diesen turbulenten Tagen
       in Tirana, Vlorë und anderswo. Wasser auf die Mühlen der Verdrossenen ist
       obendrein, dass die albanische Sonderstaatsanwaltschaft zur
       Korruptionsbekämpfung am 12. Juni die Festnahme von 20 albanischen
       Staatsangehörigen wegen des Verdachts auf Drogenhandel und Geldwäsche
       bekannt gab. Einige der Verdächtigen sollen mit dem Tourismusprojekt der
       Trump-Familie in Verbindung stehen.
       
       Die aufgestaute Wut der Albaner über die Verwerfungen in ihrem Land bricht
       sich nun Bahn. Unkontrolliert. Heftig. Unaufhaltsam. Die Proteste sind
       wegen ihrer Dauer einmalig. Ferner werden sie nicht wie bisher üblich von
       der jeweiligen Opposition angeführt. Diesmal steht diese genau wie die
       Regierung Rama im Fadenkreuz der Wutbürger.
       
       Was wird die Flamingorevolution bringen? Der Knackpunkt ist, dass der
       Protestbewegung ein konkreter Plan für den Tag danach fehlt. Die
       Flamingorevolution hat ferner keine Führungsfigur, kein Gesicht. Die
       albanische „Revolucion“ anno 2026 droht daher im Sand zu verlaufen.
       
       ## EU-Beitritt gefährdet?
       
       Nach dem Abreißen der Sperrzäune und dem Stopp der ersten Erdarbeiten hat
       der albanische Widerstand immerhin einen zweiten greifbaren Erfolg erzielt.
       Das Europäische Parlament stimmte am 17. Juni mit breiter Mehrheit für
       einen Änderungsantrag zu Vjosë-Narta, der in den alljährlichen
       Fortschrittsbericht der EU über Albanien integriert wurde.
       
       Darin werden die albanischen Behörden aufgefordert, „alle neuen
       Genehmigungsverfahren, Bauvorhaben und Entwicklungsprojekte in albanischen
       Schutzgebieten unverzüglich zu beenden“. Die Einhaltung aller
       EU-Umweltvorschriften sei ein „nicht verhandelbarer Maßstab für den
       EU-Beitritt Albaniens“. Will heißen: falls die Regierung Rama dagegen
       verstoßen würde, dürfte Ramas Vision eines EU-Beitritts Albaniens bis 2030,
       für die er von den Albanern gewählt wurde, platzen. Das ist die zweite
       Bredouille, in der Rama steckt.
       
       Derweil dauert die Flamingorevolution an – sich häufender Strafverfahren
       gegen Demonstranten ob angeblicher Verstöße gegen die öffentliche Ordnung
       und Sicherheit zum Trotz. Emma Bisholla, Generation Z, lässt sich nicht
       einschüchtern. Wie viele in ihrer Altersgruppe nimmt sie weiterhin an den
       Protesten teil. Und dies, obgleich die 18-Jährige in diesen Tagen ihre
       Abschlussprüfungen in der Schule absolviert.
       
       Heute sei Mathe drangewesen. „Na ja, das lief nicht so gut. Mathe ist ja
       schwer“, offenbart sie lächelnd im schattigen Kafe Flora nahe dem
       Skanderbegplatz in Tirana. Dass Premier Rama nicht zurücktritt, könne sie
       „wirklich nicht verstehen“. „Wenn so viele Menschen gegen einen sind, hast
       du das zu tun.“. Albanien sei ein so schönes Land. „Die Hoffnung ist der
       Sauerstoff, der unsere Proteste am Leben hält“, gibt sie sich kämpferisch.
       
       24 Jun 2026
       
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