URI: 
       # taz.de -- Kita-Forscherin über Chancengleichheit: „Leistungsunterschiede wird es immer geben“
       
       > Kitas könnten ungleiche Startchancen abfedern. Susanne Kuger vom
       > Deutschen Jugendinstitut sagt, was es dazu bräuchte – und welche Rolle
       > die Eltern spielen.
       
   IMG Bild: Das Kernproblem des deutschen Bildungssystems: Soziale Ungleichheiten entstehen sehr früh
       
       taz: Frau Kuger, der [1][nationale Bildungsbericht] hat jüngst noch mal das
       Kernproblem des deutschen Bildungssystems aufgezeigt: Soziale
       Ungleichheiten entstehen sehr früh – und werden auch nach dem Schuleintritt
       nicht kleiner. Warum gelingt es nicht, die anhaltende Chancenungleichheit
       in den Griff zu kriegen? 
       
       Susanne Kuger: Die Unterstützung, die Kinder in ihren Familien erhalten,
       ist sehr unterschiedlich. Das zeigt sich schon sehr früh, je nachdem, wie
       Eltern ihr Kind anregen und fördern. Für das weitere Lernen ist das
       essenziell. Man darf aber nicht vergessen, dass die Unterschiede weiter
       bestehen bleiben, wenn die Kinder einmal zur Schule gehen. Dann hat das
       eine Grundschulkind vielleicht mehrere Hobbys, geht viel in Bibliotheken
       und liest gerne, ein anderes hingegen nicht. So gesehen kann man den
       nationalen Bildungsbericht auch anders deuten: nämlich, dass es Schulen
       gelingt, die Ungleichheiten nicht noch größer werden zu lassen.
       
       taz: Klingt jetzt nicht unbedingt nach einem Erfolg … 
       
       Kuger: Wir müssen realistisch sein: Leistungsunterschiede wird es immer
       geben und sie sind erst einmal nicht schlimm. Erst wenn daraus
       unverschuldete Nachteile entstehen, werden sie ungerecht. Ein Mindestmaß an
       Möglichkeiten mitzugeben, sollte daher unser klarer Auftrag an das
       Bildungssystem sein. Allein aus dem Grund, weil wir damit Menschen
       befähigen, in unserer Gesellschaft selbstbestimmt agieren zu können. Das
       ist für mich eine Frage der Chancengerechtigkeit.
       
       taz: Ein Grund für die anhaltende Chancenungleichheit ist auch der
       ungleiche Zugang zu früher Bildung. Belastete Familien erhalten deutlich
       seltener einen Kitaplatz. Die Kinder, die besonders stark von der Betreuung
       profitieren könnten, bleiben also außen vor. Was muss geschehen, um diese
       strukturelle Benachteiligung in den Griff zu kriegen? 
       
       Kuger: Wenn man gezielt die Ungleichheiten beseitigen möchte, dann müsste
       diesen Kindern möglichst schnell Unterstützung und eben auch ein Kitaplatz
       angeboten werden. Kommunen könnten beispielsweise die Eltern sehr früh
       anschreiben und mitteilen: Die Kita ist wichtig für die Entwicklung Ihres
       Kindes, hier sehen Sie, wie Sie an einen Platz kommen. Es gibt Studien, die
       zeigen, dass allein das Informieren von Eltern zu einer deutlich höheren
       Beteiligungsquote führt – und im Übrigen auch zu einer höheren
       Erwerbstätigkeit bei den Eltern. Das ist für die Kinder doppelt gut: Sie
       profitieren vom Kitabesuch und wachsen in einem Haushalt mit höherem
       Einkommen auf.
       
       taz: Manche Städte wie Bremen versuchen, belastete Familien von der
       Schwangerschaft bis zum Schuleintritt des Kindes systematisch zu fördern,
       [2][und erzielen damit beachtliche Erfolge]. So einen gezielten Ansatz
       verfolgen aber die wenigsten Kommunen. 
       
       Kuger: Ein Hauptproblem sind aus meiner Sicht hier die Zuständigkeiten. Um
       junge Eltern kümmert sich vorrangig das Gesundheitssystem; Soziales und die
       Kinder- und Jugendhilfe bieten ebenfalls Unterstützungen, aber sind noch zu
       selten gut verzahnt. Die frühen Hilfen sind als solches übergreifendes
       System gedacht. Sie unterstützen bestimmte Familien, agieren aber noch zu
       häufig aus der Logik des Gesundheitssystems. Da geht es in erster Linie um
       Kindeswohl und Prävention, also Fragen der richtigen Ernährung oder
       notwendiger Impfungen. Der Bildungsaspekt fehlt da derzeit. Idealerweise
       wäre das miteinander verknüpft. Dann könnte ein Auftrag der frühen Hilfen
       auch lauten, bei der Suche nach einem Kitaplatz zu helfen.
       
       taz: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat wiederholt auch die
       Eltern in die Pflicht genommen. Nach dem Motto: Wenn Mütter und Väter zu
       Hause nicht mit dem Kind lesen, wird es der Staat allein nicht richten
       können. Wie sehen Sie das? 
       
       Kuger: Einige Eltern versuchen sehr früh und sehr intensiv, ihrem Kind
       etwas mitzugeben. Sie haben das Wissen und die notwendigen Ressourcen dazu.
       Allerdings wird es nicht gelingen können, alle Eltern dazu zu bringen, ihre
       Kinder optimal zu fördern. Hier einen Mindestausgleich zu erreichen, sollte
       aber unser Anspruch sein. Wir wissen aus der Forschung, dass Familien sehr
       unterschiedliche Erwartungen an Bildungseinrichtungen haben. In manchen
       Elternhäusern ist verbreitet: Das mit Bildung kommt dann in der Schule. Das
       hängt zum Beispiel bei zugewanderten Familien mit dem Schulsystem und der
       Kultur aus dem Herkunftsland zusammen. Schule in Deutschland baut aber
       darauf, dass die Eltern vorher schon und auch währenddessen viel
       Bildungsarbeit selbst übernehmen. Da gibt es ein Missverständnis, das wir
       ansprechen müssen.
       
       taz: Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigt, dass in
       ärmeren Stadtteilen oft [3][deutlich weniger Kitaplätze] angeboten werden.
       Karin Prien hat hierzu nun vorgeschlagen, einen Teil der Bundesgelder für
       den Kitaausbau in solchen Vierteln zu reservieren und sozial benachteiligte
       Kitas mit zusätzlichen Ressourcen auszustatten. Wäre es damit getan? 
       
       Kuger: Die Grundvoraussetzung ist, dass es ausreichend Plätze gibt. Im
       zweiten Schritt müssen Eltern überzeugt sein, dass ein Kitabesuch über
       mehrere Jahre für ihr Kind gut ist. Wir beobachten auch, dass sich da in
       den letzten Jahren einiges bewegt hat. Familien mit Migrationshintergrund
       beispielsweise suchen heute viel häufiger nach einem frühen Kitaplatz als
       noch vor acht Jahren. Sie finden aber noch nicht ausreichend Plätze. Kitas
       mit mehr Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf besonders gut
       auszustatten, ist unabhängig davon sinnvoll.
       
       taz: Der nationale Bildungsbericht legt den Ländern nahe, sich endlich auf
       bundesweit einheitliche Qualitätsstandards an Kitas zu verständigen, etwa
       bei Sprachtests von Vierjährigen, [4][von denen sich die Ministerien so
       viel erhoffen]. Warum ist das wichtig? 
       
       Kuger: Bei der Sprachförderung sehen wir, dass es noch nicht überall gute
       diagnostische Verfahren gibt. Zusätzlich muss jede Fachkraft wissen, wie
       sie ein Kind mit diesem oder jenem Testergebnis bestmöglich fördern kann.
       Da fehlen tatsächlich einheitliche Regeln. Es gibt aber ein noch ganz
       anderes Problem bei der Frage nach Standards: Bis heute haben wir als
       Gesellschaft nicht definiert, womit ein Kind ausgestattet sein sollte, wenn
       es eingeschult wird. Sprachkenntnisse, okay. Aber welche genau? Und wie
       sieht es mit Selbstregulation oder Motorik aus? Mit künstlerischer Bildung
       oder Teamfähigkeit? An Kitas geht es den Fachkräften ja nicht darum, nur
       auf die Schule vorzubereiten.
       
       taz: Können Kitas ihrem Bildungsauftrag überhaupt gerecht werden? Viele
       Fachkräfte berichten von einem stressigen Arbeitsalltag, auch wegen
       fehlenden Personals und steigender Dokumentationspflichten. 
       
       Kuger: In der aktuellen Situation nicht mehr überall. Über all die Jahre,
       in denen Kitaplätze massiv aufgebaut wurden, ist das System an oder über
       seine Grenze gegangen. Wenn heute 40 Prozent der Eltern von wiederkehrenden
       Kita-Schließungen berichten, zeigt das, wie sehr die Kitas mit dem Rücken
       zur Wand stehen. Das System ist ja schon länger von Personalmangel und
       Springersystemen geprägt. Gute Bildung ist unter diesen Gegebenheiten nur
       schwer möglich.
       
       taz: Jetzt böte sich den Ländern eine einmalige Gelegenheit. Durch den
       drastischen Geburtenrückgang wäre mit dem gleichen Personal eine bessere
       Betreuung möglich, vor allem im Osten. Dort will aber [5][niemand in einen
       besseren Betreuungsschlüssel investieren]. So wird nun Personal abgebaut,
       teils schließen ganze Kitas. 
       
       Kuger: Natürlich wäre es ideal, das Personal im System zu belassen und so
       die Qualität der Kitas zu verbessern. Auf diese Strategie weisen wir schon
       seit einigen Jahren hin. Die Kommunen sind gut beraten, wenn sie das
       Personal jetzt nicht ganz abbauen, sondern an anderer Stelle nutzen –
       beispielsweise im Ganztag. Dann könnte man es gegebenenfalls zurückholen,
       wenn wieder Plätze gebraucht werden.
       
       taz: Ihr Kollege Kai Maaz hat Bund, Länder und Kommunen aufgefordert,
       Bildung endlich als zentrale Zukunftsinvestition zu begreifen. Aktuell
       entsteht jedoch ein ganz anderer Eindruck, wie die Debatten um Bafög und
       die Kürzungen im Sozialbereich zeigen. 
       
       Kuger: Die Belange von Kindern und Jugendlichen haben leider zu wenig Lobby
       in diesem Land, auch nicht nach den Erfahrungen der Coronapandemie. Dazu
       kommt, dass die Bildungspolitik vom gleichen Problem getrieben ist wie die
       Klimapolitik: Die Folgen sieht man erst in zehn bis 15 Jahren und nicht
       schon vor der nächsten Wahl. Natürlich haben wir heute andere Probleme in
       Deutschland als noch vor zehn Jahren. Das sollte uns aber nicht daran
       hindern, weiter nach kreativen Lösungen zu suchen, um damit an der
       Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft auch im Sozialen und in der Bildung
       zu arbeiten.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Nationaler-Bildungsbericht/!6187244
   DIR [2] /Bremen-als-Vorreiter/!6099489
   DIR [3] /Je-aermer-der-Kiez-desto-weniger-Kitaplaetze/!6085175/
   DIR [4] /Sprachfoerderung-im-Vorschulalter/!6093044
   DIR [5] /Sinkende-Geburtenraten/!6165483
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ralf Pauli
       
       ## TAGS
       
   DIR Kitas
   DIR Chancengleichheit
   DIR Bildung
   DIR Karin Prien
   DIR GNS
   DIR Reden wir darüber
   DIR Karin Prien
   DIR Chancengleichheit
   DIR Kitas
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Nationaler Bildungsbericht: Einmal benachteiligt, immer benachteiligt
       
       Trotz vieler Reformen kommt Deutschland bei der Chancengerechtigkeit nicht
       voran. Bund und Länder setzen auf mehr Investitionen in Kitas.
       
   DIR Ungleiche Bildungschancen: Leider wieder nur schlechte Noten
       
       Deutschland versagt weiter bei der Chancengleichheit, zeigt eine neue
       Studie. Jungs schaffen den sozialen Aufstieg besonders selten.
       
   DIR Sinkende Geburtenraten: Das Kitasterben hat begonnen
       
       Immer weniger Kinder werden geboren – das bringt auch viele Kommunen in
       Bedrängnis. Sie müssen wie die Stadt Dresden nun Kitas schließen.