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       # taz.de -- Mikrokredite in der Kritik: Risiko von Überschuldung unterschätzt
       
       > Bestehende freiwillige Standards bei der Finanzierung von Mikrokrediten
       > reichen nicht aus, um Verschuldung zu verhindern, kritisiert Facing
       > Finance.
       
   IMG Bild: Mikrokredite können negative Folgen haben: Proteste gegen den Inkassobeauftragten in Bangalore im Februar 2025
       
       Mikrokredite gelten als Mittel der Armutsbekämpfung: Sie sollen Personen
       Zugang zu Kapital zu ermöglichen, die keine Chance bei konventionellen
       Banken haben. Häufig verstärken sie aber Armut: Zuletzt wurde die extreme
       Überschuldung vieler Mikrokreditnehmer in Indien bekannt. Über [1][200
       verschuldete Frauen sollen in Sri Lanka] sogar Suizid begangen gaben,
       [2][in Kambodscha verloren Hunderttausende ihr Land] und damit ihre
       Lebensgrundlage, um Mikrokredite zurückzuzahlen.
       
       Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sagt Sophia Cramer, die seit
       Jahren wissenschaftlich zu Mikrokrediten arbeitet. „Es ist ein
       strukturelles Problem: Die Branche unterschätzt Überschuldungsrisiken.“
       Deswegen hat Cramer [3][Mindeststandards] entwickelt, die die NGO Facing
       Finance am Dienstag veröffentlichte.
       
       Ein Warnzeichen für Überschuldung ist der Markt. In Indien oder auch
       Kambodscha war dieser bereits deutlich übersättigt, das heißt, es gab
       unzählige Anbieter von Mikrokrediten. Cramer fordert, dass Investoren die
       Lage besser analysieren, bevor sie diese anbieten. Sie sollten zudem
       darlegen können, dass ihre Investitionen bestehende Überschuldung nicht
       weiter verstärken.
       
       Zweites Warnzeichen sind die Zinsen. Der effektive Jahreszins von
       Mikrokrediten liegt laut Bericht weltweit bei durchschnittlich 38 bis 45
       Prozent, in Mexiko sogar bei über 100 Prozent. Der effektive Jahreszins
       gibt die Kosten eines Kredits an und enthält neben den Zinsen auch
       Gebühren. Die Zinsen sind hoch, weil der Arbeitsaufwand hoch ist, weil
       viele kleine Beträge vergeben werden, die über einen kurzen Zeitraum
       zurückgezahlt werden müssen.
       
       ## Freiwillige Standards reichen nicht
       
       Außerdem ist die Wertschöpfungskette oft lang: Investoren wollen Rendite
       von Mikrofinanzinvestmentanbietern, die Rendite von
       Mikrofinanzorganisationen fordern, die die Kredite an die Kund*innen
       vergeben. Bezahlen die Kund*innen dann von den Krediten ihre
       Nahrungsmittel, wird die Situation besonders volatil, die hohen Zinsen sind
       für sie häufig kaum aufzubringen. Gleichzeitig lässt das System wenig
       Spielraum für flexible Anpassung der Rückzahlungsbedingungen.
       
       Cramer fordert daher, dass Mikrofinanzinstitute Grenzwerte von effektiven
       Jahreszinsen aufweisen, die die zu erwartenden Gewinne der Kreditnehmenden
       durch unabhängige Studien realistisch einschätzen. Besonders bei Krediten,
       die für Konsum ausgegeben werden, müssten die Zinsen niedrig sein. Zudem
       müsse es Bestimmungen geben, die Kund*innen vor dem Ruin schützen, etwa
       für Schuldenerlasse.
       
       Die vorgeschlagenen Mindeststandards sind auch eine Antwort auf Standards,
       zu denen sich viele Investoren [4][vor fünf Jahren freiwillig verpflichtet
       haben], darunter die staatliche Förderbank KfW oder [5][die private
       ethische Bank Oikocredit].
       
       Cramer hält diese Standards für unzureichend, weil sie sich zu sehr auf
       Prozesse fokussieren, also etwa ob Schulungen bei den Mitarbeitenden
       stattgefunden haben und zu wenig an den Ergebnissen, also der Lage der
       Kreditnehmenden. Ein Beispiel: Banken nehmen häufig Rückzahlungsraten als
       Indikator dafür, wie stabil der Sektor ist. Cramer sagt hingegen, die
       Zahlen geben nur einen minimalen Einblick: „Sie verraten nichts darüber, ob
       die Kreditnehmenden für die Rückzahlung an Nahrung oder Schulgeld gespart
       haben oder weitere Kredite aufgenommen haben.“ Im Gegenteil, der Indikator
       erzeuge Druck, den die Kreditfinanzinstitute an ihre Kunden weitergeben.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.bloomberg.com/graphics/2022-microfinance-banks-profit-off-developing-world/
   DIR [2] /Entwicklungsgelder-fuer-Mikrokredite/!6009126
   DIR [3] https://www.facing-finance.org/files/2026/06/260615_FF_Mikrofinanzfonds_DE_einzelseiten.pdf
   DIR [4] https://cerise-sptf.org/sign-the-joint-statement/
   DIR [5] /Verschuldung-durch-Mikrokredite/!5902510
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Leila van Rinsum
       
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