URI: 
       # taz.de -- NS-Wachmann im Visier: Späte Verfolgung von Nazi-Verbrechen in Ostwestfalen
       
       > Bis zu 70.000 Todesopfer: Die Staatsanwaltschaft Dortmund bestätigt
       > Ermittlungen im Zusammenhang mit Verbrechen im NS-Kriegsgefangenenlager
       > Senne.
       
   IMG Bild: Gedenktafel auf dem Ehrenfriedhof nahe dem Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock
       
       Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt gegen einen Wachmann, der zur
       Nazizeit in einem der größten Kriegsgefangenenlager auf deutschem Boden
       eingesetzt war. Oberstaatsanwalt Andreas Brendel von der Zentralstelle für
       die Verfolgung von NS-Massenverbrechen in Nordrhein-Westfalen in Dortmund
       bestätigte der taz das Ermittlungsverfahren. Beschuldigt wird ein Mann, der
       im ostwestfälischen Stalag Senne eingesetzt war. Stalag ist die Abkürzung
       für Stammlager, in dem vor allem Kriegsgefangene unterer Dienstgrade
       inhaftiert waren.
       
       Ursprünglich hatte Brendel zwei Verfahren im Sennekomplex von der
       [1][Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen im
       baden-württembergischen Ludwigsburg] übernommen. Doch einer der
       Beschuldigten ist inzwischen verstorben, so Brendel zur taz. Gegen Tote
       darf in Deutschland nicht ermittelt werden. Weitere Angaben möchte die
       Staatsanwaltschaft zum jetzigen Zeitpunkt nicht machen.
       
       Das Stalag Senne [2][befand sich zwischen 1941 und 1945 in der Nähe von
       Stukenbrock im Landkreis Gütersloh]. Dort wurden vor allem sowjetische
       Kriegsgefangene registriert, aber auch Polen, Franzosen, Serben und
       Italiener. Die Lebensbedingungen werden als grauenhaft beschrieben. Die
       Gefangenen mussten anfangs nach Angaben der Dokumentationsstätte Stalag
       Senne in selbst gegrabenen Erdhöhlen und in Laubhütten hausen.
       Essensrationen, Hygiene und die medizinische Versorgung waren völlig
       unzureichend.
       
       Insgesamt durchliefen mehr als 300.000 Kriegsgefangene das Lager, die
       meisten wurden zur Zwangsarbeit unter anderem im Ruhrgebiet eingesetzt. Die
       Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander und reichen
       von 15.000 bis zu 70.000 Opfern.
       
       ## Ermittlungen wegen Verdachts auf Beihilfe zum Mord
       
       Als Wachmänner in den Stalags dienten häufig ältere oder infolge von
       Verletzungen nicht mehr fronttaugliche Wehrmachtsoldaten. Sie hatten die
       Aufgabe, den Ausbruch von Gefangenen auch durch den Einsatz von
       Schusswaffen zu verhindern. Details über den nun Beschuldigten sind nicht
       bekannt. Die Ermittlungen werden wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord
       oder wegen Mordes geführt. Die Zentrale Stelle verdächtigt das Wachpersonal
       in den Stalags, dass diesen die Tötung der sowjetischen Gefangenen durch
       die furchtbaren Lebensbedingungen bewusst war.
       
       Brendel führt derzeit bereits ein weiteres Verfahren gegen einen Wachmann
       durch. Der 100 Jahre alte Beschuldigte soll 1943/44 [3][im Stalag VI A im
       sauerländischen Hemer Dienst getan haben]. Beide Stalags waren eng
       miteinander verflochten. Erst seit rund fünf Jahren werden Ermittlungen
       wegen Massentötungen in deutschen Kriegsgefangenenlagern durchgeführt. Zu
       einem Prozess ist es bisher nicht gekommen.
       
       23 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Nationalsozialistische-Verbrechen/!5373559
   DIR [2] /NS-Gedenkstaette-macht-dicht/!5961023
   DIR [3] /Mordvorwurf-gegen-Wachmann/!6159351
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaus Hillenbrand
       
       ## TAGS
       
   DIR Ermittlungen
   DIR NS-Verbrechen
   DIR Nordrhein-Westfalen
   DIR Kriegsgefangene
   DIR Kriegsverbrechen
   DIR Nazideutschland
   DIR Social-Auswahl
   DIR Historiker
   DIR NS-Verbrechen
   DIR NS-Straftäter
   DIR Gütersloh
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Forscher über NS-Zeit in Osnabrück: „Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden“
       
       Historiker Željko Dragić sucht weltweit nach Nachkommen der Inhaftierten
       eines Osnabrücker Kriegsgefangenenlagers. Heute öffnen ihm viele ihre
       Türen.
       
   DIR Mordvorwurf gegen Wachmann: Der letzte Beschuldigte
       
       Mehr als 20.000 Kriegsgefangene kamen im NS-Lager Hemer einst zu Tode.
       Gegen den ehemaligen Wachmann E. wird nun ermittelt. Doch die Zeit ist
       knapp.
       
   DIR Historiker über NS-Täter nach der Tat: „Sie hatten klare Exit-Strategien“
       
       Sich noch schnell reinwaschen: Der Historiker David Reinicke untersucht,
       wie sich NS-Täter für die Nachkriegsprozesse vorbereiteten.
       
   DIR NS-Gedenkstätte macht dicht: Kein Erinnern am Stalag 326
       
       In Gütersloh verhindern CDU, Freie Wähler und AfD die Finanzierung einer
       NS-Gedenkstätte. Die muss nun schließen.