# taz.de -- Revision vergessener DDR-Kunst: Tiefenbohrung im Zwischenraum
> In der Ausstellung „Produktive Unruhe“ in der robotron-Kantine Dresden
> wird mit zeitlichem und künstlerischem Abstand auf die
> Kunstleistungsschauen der DDR geblickt.
IMG Bild: Lieber nicht heroisch: Partygäste in Werner Liebknechts Fotoserie „Fasching“, Kunsthochschule Dresden 1985
In der Dresdner robotron-Kantine pfeift es durch die mit Plastikplanen
abgedichteten Fenster. In den 1970er Jahren errichtet, erging es dem
Gebäude nach der Wende wie vielen ikonischen DDR-Bauten: Zwischennutzungen,
uneingelöste Investorenversprechen und politischer Phlegmatismus führten
dazu, dass die Kantine heute stark sanierungsbedürftig ist. Im vorigen Jahr
wurden unter anderem auf Druck einer Initiative zum Erhalt des Gebäudes die
nötigen Gelder zur Revitalisierung freigegeben und der komplette Umzug des
Kunsthauses Dresden in die Kantine beschlossen. Das nutzt die
Räumlichkeiten seit 2021 zusammen mit der Ostrale provisorisch als
Ausstellungsort – wie jetzt für die Schau „Produktive Unruhe“.
Damit eröffnete das Haus nach einer langen Winterpause. Historische und
zeitgenössische Kunst werden in „Produktive Unruhe“ mit umfangreichem
Infomaterial verbunden. Schwerpunktthema: die Kunstausstellungen der DDR.
Diese fanden seit 1946 (mit einer Ausnahme im Jahr 1949) alle fünf Jahre in
den Wintermonaten in Dresden statt und erreichten ein Millionenpublikum.
Die zehnte und letzte „Leistungsschau“ wurde 1987/88 ausgerichtet.
Beständig hätte man damals zwischen Interessenvertreter*innen der
Kunst und den staatlichen Kontrollorganen um politische Doktrinen und
Freiheitsgrade gerungen, wie es in einem Wandtext heißt.
Die Ausstellung macht sich daran, Positionen zu zeigen, die diesen
Zwischenzustand abbilden, weil sie auf formaler Ebene aus dem
sozialistischen Realismus scherten (wie Hermann Glöckner mit seiner
abstrakten Malerei), sich kritisch äußerten (wie Jürgen Schieferdecker in
seinen subtil-ironischen Collagen) oder lieber das Nicht-Heroische
einfingen (wie [1][Sibylle Bergemann in ihrer Dokumentation der Entstehung
des Marx-Engels-Denkmal] oder Werner Lieberknecht in seiner Serie
„Fasching“, in der er derangierte Partygäste an der Hochschule für Bildende
Künste porträtierte).
Verantwortlich für die Organisation des Auswahlverfahrens und die
Realisierung der Ausstellung war zu DDR-Zeiten das Zentrum für
Kunstausstellungen. Vergleichbar dem ifa – Institut für Auslandsbeziehungen
in der BRD, war dieses zusätzlich für den internationalen Kunstaustausch
zuständig, weshalb der Sammlungsbestand des ZfK 1991 dem ifa übertragen
wurde. Das führte in einigen Fällen fatalerweise dazu, dass die Kunstwerke
für Jahrzehnte in der Versenkung verschwanden.
## Wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken
Die Kuratorin Susanne Weiß, zusammen mit Christine Mennicke-Schwarz vom
Kunsthaus Dresden verantwortlich für die Ausstellung, arbeitet seit
mehreren Jahren für das ifa daran, diesen Bestand wieder ins öffentliche
Bewusstsein zu rücken und ihn zusammen mit zeitgenössischen
Künstler*innen zu beforschen und auszustellen. In einer Videoarbeit
schildert Wilhelm Klotzek (geboren 1980 in Ostberlin) eindringlich seine
ernüchternden Erfahrungen beim ersten Besuch des ifa-Depots bei Stuttgart –
Grafikmappen, die nicht erfasst sind, Kleinplastiken von renommierten
DDR-Künstler*innen, von denen keine Fotos existieren.
Julianne Csapo, Mitarbeiterin des Kunsthauses, bestätigt, wie schwierig es
mitunter war, Informationen zu den Künstler*innen zu sammeln, weil sie
in verschiedenen Archiven verstreut und oft nicht zugänglich oder
digitalisiert sind. Ein Gemälde von Sabine Slatosch, eine Auftragsarbeit,
war sogar für 30 Jahre verschollen, bis sie im Vorfeld der Ausstellung im
Lindenau Museum Altenburg wieder auftauchte.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass die Ausstellung so
überbordend ist und lieber zu viel als zu wenig zeigt: Neben den zum Teil
pointierten wie persönlichen Kommentaren der zeitgenössischen
Künstler*innen werden Interviewfilme der Regisseurin Sylvie Kürsten mit
historischen Protagonist*innen gezeigt und auch die Fragebögen oder
Bewegungsprotokolle des Kultursoziologen Bernd Lindner. Dieser hatte im
Auftrag des Verbandes Bildender Künstler Besucherbefragungen auf der IX.
[2][Kunstausstellung der DDR] durchgeführt. Heute geben sie Einblicke in
ein Kunstereignis, das beachtliche Besucher*innenzahlen zu
verzeichnen hatte und neben Malerei und Skulptur auch Grafik, Fotografie
und Formgestaltung zeigte.
In Berlin wird die Auseinandersetzung mit der Arbeit und dem Wirken des
Zentrums für Kunstausstellungen der DDR mit der Ausstellungsreihe „Publik
Machen“ fortgesetzt.
24 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Anna-Lena Wenzel
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