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       # taz.de -- Historiker über NSDAP-Karteien: „Besser spät als gar nicht“
       
       > War Opa ein Nazi? Hunderttausende recherchieren das in Onlineangeboten
       > von Zeit und Spiegel. Historiker Johannes Spohr warnt vor rechter
       > Vereinnahmung.
       
   IMG Bild: Blick ins Berlin Document Center des Bundesarchivs
       
       taz: Herr Spohr, im März hat das Nationalarchiv der USA die
       NSDAP-Mitgliedskarteien ins Netz gestellt. [1][Zeit] und [2][Spiegel] haben
       sie mit KI leicht durchsuchbar gemacht. Sie selbst bieten
       Familienrecherchen an. Macht Sie das jetzt arbeitslos? 
       
       Johannes Spohr: Nein, erst mal ist es die Vergesellschaftung eines
       bestimmten Wissens über die Mehrzahl der Mitglieder der Partei. Das ist
       aber nur einer von diversen relevanten Beständen. Und es gibt viele
       Archive, in denen sich recherchieren lässt. Als Historiker mache ich zudem
       mehr, als nur Material zusammenzusuchen. Die Erwartungen an Historiker sind
       oft, eindeutige, klare Antworten zu geben. Sie geben aber nicht einfach nur
       Fakten wieder, sondern interpretieren und kontextualisieren sie. Und setzen
       sie in Bezug zur Gegenwart. Historiker schreckt die Komplexität nicht,
       sondern sie schöpfen aus ihr, und sie sammeln Erfahrungen mit der Recherche
       und dem Erzählen. Familiengeschichten sind in der Regel auch heute nicht
       mit wenigen Klicks klärbar.
       
       taz: Hat Sie das enorme Interesse an der Onlinesuche überrascht? 
       
       Spohr: Nein, das Interesse an Familiengeschichten im NS ist in den
       vergangenen Jahren – am Übergang vom sozialen zum kulturellen Gedächtnis –
       schon stark gestiegen, auch wenn es sich noch um eine Minderheit in der
       deutschen Gesellschaft handelt. Es gibt viele Publikationen dazu,
       künstlerische Beiträge, Wortmeldungen auf Social Media, Artikel und so
       weiter. In diesem Fall kommt jetzt noch dazu, dass man vermeintlich anonym
       recherchieren kann. Aber auch das ist anders als häufig suggeriert mit
       Aufwand, Datenspuren und teils Kosten verbunden. Aber für Menschen, die die
       Archive eher abschrecken, ist so eine Onlinesuche natürlich verlockend. Das
       große Interesse verweist aber auch auf Defizite in unserer so oft gerühmten
       Aufarbeitung – zumindest, wenn es konkret wird.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       Spohr: Wenn alle Bescheid wüssten über ihre Vorfahren und wer in der
       [3][NSDAP] oder der SS gewesen ist, wäre das Ganze überhaupt nicht
       interessant. Dann gäbe es diese Recherche-Tools der großen Medienhäuser
       auch nicht. Es ist ja alles nicht neu, was sich da herausfinden lässt.
       Diese Informationen konnte man auch bisher mit einer einfachen Abfrage per
       E-Mail in Archiven bekommen. Die Zeit hat getitelt: „Jetzt liegen alle
       Fakten offen.“ Der Spiegel hat getitelt: „Finden Sie heraus, was Ihre
       Vorfahren im Nationalsozialismus getan haben.“ Und dann stößt man vor allem
       auf die Karteikarten, und da steht das gar nicht drauf oder man bekommt nur
       eine vage Auskunft über die eventuelle SS-Mitgliedschaft.
       
       taz: Bei einem Treffer bekommt man eine Kopie des Karteieintrags angezeigt.
       Was erfährt man da?
       
       Spohr: Weil nicht alle Karteikarten erhalten sind und längst nicht alle in
       den Onlinetools auch auftauchen, erfährt man nur mit einer gewissen
       Wahrscheinlichkeit, ob jemand NSDAP-Mitglied war. Das heißt, die Person ist
       damals zur Ortsgruppe gegangen und hat einen Antrag ausgefüllt. Der
       Ortsgruppenleiter hat den befürwortet und die Person ist so zum Mitträger
       des Systems geworden. Auch Wohnort und Eintrittsdatum sind interessant. Ein
       Eintritt vor 1933 oder gar vor 1930, vor den ersten Wahlerfolgen, lässt
       eher eine ausgeprägte nationalsozialistische Gesinnung vermuten. Personen
       waren aber teils an schweren NS-Verbrechen beteiligt, ohne NSDAP-Mitglied
       gewesen zu sein. Man sollte die eigene Fragestellung deshalb nicht darauf
       beschränken, was sich jetzt online finden lässt.
       
       taz: Was würden Sie als zweiten Schritt empfehlen? 
       
       Spohr: Noch als Allererstes würde ich empfehlen, bei den National Archives
       selber zu suchen. In diesen Tools von Spiegel und Zeit wurden
       Einschränkungen gemacht: Da fehlen teilweise die Bilder. Die ganz späten
       Geburtsjahrgänge sind nicht dabei. Die Auswertung mit KI ist bisher
       unzuverlässig. Deshalb würde ich immer empfehlen, in den Archiven selber zu
       suchen. Die haben das mit hohem Aufwand bereitgestellt – das muss man auch
       anerkennen.
       
       taz: Was kann man noch tun? 
       
       Spohr: Man kann diese Dinge natürlich nach wie vor im Bundesarchiv
       herausfinden, wo man mit einer einfachen Abfrage auch weiterführende
       Informationen zu Diensten in der Wehrmacht, der SS oder SA finden kann.
       Auch die Entnazifierungsakten in den Landesarchiven können interessant
       sein, wobei die Akten sehr kritisch gelesen werden müssen. Die Menschen
       hatten ja das Ziel, sich zu entlasten.
       
       taz: Gibt es Hinweise darauf, dass von rechts auch mit Stolz die
       NS-Vergangenheit der Vorfahren recherchiert wird? 
       
       Spohr: Umfragen wie die [4][Memo-Studie] zeigen, dass viele Menschen ihre
       Vorfahren eher unter den Opfern verorten. Also dass sie den normativen
       Wunsch haben, sie zu dieser Gruppe zu zählen. Die Frage ist: Kippt auch das
       jetzt? Wird NS-Täterschaft im Zuge des grassierenden
       Geschichtsrevisionismus enttabuisiert? Und da gibt es einige Hinweise.
       Grundsätzlich ist der NS für Rechte bislang erst mal ein Problem, mit dem
       man auf die eine oder andere Weise umgehen muss.
       
       taz: Und zwar? 
       
       Spohr: Alice Weidel hat zu ihrem Großvater Hans Weidel, der Mitglied der SS
       sowie Militärrichter im besetzten Warschau gewesen war, gesagt, das habe
       sie nicht gewusst. Dann gibt es die Einlassungen von Alexander Gauland,
       Maximilian Krah und anderen, die „Stolz“ auf die eigenen Vorfahren oder
       einen „Schlussstrich“ einfordern. Und dann gibt es da zum Beispiel Rüdiger
       Lucassen, den jetzt ehemaligen verteidigungspolitischen Sprecher der
       AfD-Bundestagsfraktion, der immer wieder mit seinem Vater Hans Lucassen
       hausieren geht, der im Zweiten Weltkrieg als Fallschirmspringer auf Kreta
       eingesetzt war. Lucassen erzählt mit einem gewissen Stolz davon und sagt
       auch: „Ich empfehle jedem jungen Deutschen, sich mit seinen Vorfahren
       auseinanderzusetzen. Es gibt viel zu entdecken.“ Kommentare wie: „Ich habe
       meinen Opa in der Kartei gefunden, und das ist auch gut so“ lese ich in den
       sozialen Medien gerade viele.
       
       taz: Sehen Sie die Erinnerungskultur insgesamt unter Druck? 
       
       Spohr: Ich finde es ganz schwierig, von der Erinnerungskultur zu sprechen.
       Was ist damit gemeint? Sind das Regierungsreden? Oder sind das auch die
       kleinen Initiativen vor Ort mit ihren Gedenkstätten? Da leisten ja viele
       Aktive eine ganz wichtige Arbeit, und die ist momentan stark unter Druck.
       Da werden Mittel gestrichen, und immer wieder werden kleine Anfragen der
       AfD gestartet, um Gedenkorten zu schaden. Es wird sich zeigen, was uns da
       noch bevorsteht.
       
       taz: Dass viele Zeitgenossen nicht mehr leben, macht das Erinnern nicht
       leichter … 
       
       Spohr: Harald Welzer spricht deshalb von „[5][kalter Geschichte]“. Das
       entspricht aber nicht meiner Erfahrung. Viele beschäftigt das bis heute
       stark – selbst wenn die Vorfahren bereits verstorben sind. Dass man sich 80
       Jahre nicht kritisch mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt hat,
       ist kein Grund, es jetzt nicht zu tun – lieber spät als gar nicht. Der
       Blick auf „einfache“ Täter im eigenen sozialen Nahbereich fehlt bisher
       meist. Darin liegt jetzt vielleicht auch eine Chance, dass die
       Auseinandersetzung dazu führt, dass die einzelnen NS-Täter, Mittäter und
       Profiteure benannt und nicht mehr als anonyme Masse oder eben „die anderen“
       wahrgenommen werden.
       
       27 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.zeit.de/wissen/2026-04/nsdap-mitgliederkartei-karteikarten-familienmitglieder-suche
   DIR [2] https://www.spiegel.de/thema/nsdap-archiv/
   DIR [3] /NSDAP/!t5014055
   DIR [4] https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie/
   DIR [5] /Das-Ende-von-Gut-und-Boese/!348535/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jan Pfaff
       
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