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       # taz.de -- Mundart-Punk von Ziller: Zum Glik muass i huit nina hi
       
       > Der Punkliedermacher Ziller prokrastiniert mit Mundart seine alte Heimat
       > im Allgäu. Versteht man die Musik jenseits des Weißwurst-Äquators?
       
   IMG Bild: Ziller kann Mundart, aber kann er auch Kässpatzn?
       
       Es gibt diesen Moment, wenn man langer Zeit in der Fremde ins alte Zuhause
       zurückkehrt und merkt, wie der Dialekt sich von selbst einschaltet.
       Matthias Ziller kennt diese Begebenheit gut. Dass man ihn in Rezensionen
       über seine Punk-Band Akne Kid Joe gelegentlich als Vertreter des „typisch
       fränkischen rollenden Rs“ beschreibt, findet er leicht amüsant. Sein R
       rollt zwar tatsächlich, aber es kommt nicht aus Franken. Es kommt aus dem
       Allgäu, ganz im Süden Bayerns, hunderte Kilometer entfernt von Nürnberg.
       
       Ziller ist seit Langem in Nürnberg verwurzelt, aber sein R sitzt anders
       tief. Wenn er mit seinen Eltern telefoniert, klingt er plötzlich wieder
       nach dem Dorf in den Allgäuer Alpen, in dem er aufgewachsen ist. [1][In
       Nürnberg, wo er seit dem Studium der sozialen Arbeit lebt,] das
       Kneipenkollektiv Arsch & Friedrich mitbegründet hat und jetzt im
       soziokulturellem Zentrum Z-Bau arbeitet, sofern er nicht auf Tour ist, käme
       ihm das Oberallgäuerische kaum über die Lippen.
       
       Mundartmusik hat ihn schon seit Kindertagen fasziniert. Zuerst der
       Singer-Songwriter Hubert von Goisern, als Teenager fand Ziller dann den
       rebellischen Liedermacher Hans Söllner gut, den er inzwischen wegen seines
       Wandels zum Rechten politisch mehr als fragwürdig findet. Schließlich hat
       Ziller [2][ein Faible für das österreichische HipHop-Duo Attwenger], das
       Dialekt als lebendiges, experimentelles Medium einsetzt und nicht als
       Heimatfilm-Kulisse. Den letzten Anstoß gab ein Konzert dieser Kultband in
       Nürnberg. Danach war klar: Musik mit Mundartgesang, das will er selbst auch
       mal ausprobieren.
       
       ## Überlieferter Namen des Bauernhofs
       
       Unter dem Projektnamen „Ziller“ – dem Hausnamen seiner Familie, einem alten
       Allgäuer Brauch, wonach Familien unabhängig vom offiziellen Nachnamen einen
       überlieferten Hausnamen tragen, veröffentlicht er vor Kurzem sein
       Solodebüt. Es heißt „Oh Büe“. Beim Komponieren für das neue
       Akne-Kid-Joe-Album blieben Ideen übrig, die zum brachialen Sound der Band
       nicht passten. Zu leise, zu persönlich, zu anders. Nun hat er vier Songs
       veröffentlicht. Das Label Kidnap Music, Heimstatt von Akne Kid Joe, sagte:
       Machen wir.
       
       Kein Bergpanorama, kein Heimweh im Kitschgewand. Der Sound klingt
       handgemacht und glaubwürdig: Bass, Schlagzeug, Gitarre als Basis, dazu
       Bläser, Orgel, ein Akkordeon. „Oh Büe“ ist, als würde Jack Kerouac mit
       Gitarre in der Hand unterwegs sein, nicht auf dem Highway, sondern einen
       Bergpfad hinunter, mit einem Akkordeon im Gepäck und keinem Plan außer dem
       nächsten Vers. Selbst Zillers Spezl Murphy, der Mundartpoesie eigentlich
       scheiße findet, ist davon vollends überzeugt.
       
       Der Titeltrack könnte ein Sommerhit werden: leicht, schwebend, gute Laune
       tätowiert, wie sein Schöpfer. „Weisch was, i hob scho viel zlang gnüa / I
       mecht kui Läscht, i mecht bloß a Rüeh“ – Weißt du was, ich hab schon viel
       zu lang genug. Ich möchte keine Last, ich möchte nur meine Ruhe. „Gschieder
       isch, i pack ming Zuig und gang furt vo doa“ – Besser ist, ich pack mein
       Zeug und geh.
       
       ## Griabig und Glik
       
       „Griabiga Dag“ ist eine Liebeserklärung an die absichtsvolle
       Prokrastination: „Zum Glik muass i huit nina hi / i blib uifach doa, doa wo
       i bi / dahuim üfm Kanepee / flak i n gonze Dag – des wird schi“ – Zum Glück
       muss ich heute nirgendwo hin, ich bleib einfach da, da wo ich bin. Daheim
       auf dem Sofa lieg ich den ganzen Tag, das wird schön. Wenn die Post kommt,
       macht er sie nicht auf. Wenn die Sonne rauskommt, geht er nicht raus. Wenn
       die Welt untergeht, kriegt er’s nicht mit. Zuhausebleiben als Haltung,
       nicht als Versagen.
       
       „Schad eigendle“ erzählt von einer guten Runde im Schwimmbad, die einer
       ruiniert, mit der lapidaren Weisheit, dass immer irgendwer dabei ist, den
       man lieber nicht dabeihätte. „Uin Depp hosch halt allat drbie“ – Einen Depp
       hast du halt immer dabei. Der Bademeister greift am Ende persönlich ein.
       Schade eigentlich.
       
       Und dann ist da „Du fälsch mir“. Trauer, die sich nicht in Lautstärke
       entlädt, sondern in Gesang voller Sehnsucht. „An minam Finschter hock i
       allat no / und wart umasis – du bisch numma doa“ – An meinem Fenster sitz
       ich immer noch und warte umsonst. Man kann beim Hören weinen. Man kann
       gegen die Wand schlagen. Der Sound trägt einen wie eine Hängematte, in der
       man das Gefühl hat, der geliebte Mensch liegt noch daneben. Unter Palmen.
       Das Meer rauscht. Die Eiswürfel klimpern im Cocktailglas. Und das Leben ist
       eine Zitronenscheibe auf dem Glasrand.
       
       Ob man jedes Wort versteht, spielt dabei eine kleinere Rolle, als man
       denken würde. Sprache, die aus der Kindheit kommt, aus dem Dorf, aus einem
       Dialekt, den die Lehrkräfte einst für hinderlich hielten, trägt sich hier
       selbst. Man hört, dass jemand in seiner ureigenen Stimme singt.
       
       26 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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