# taz.de -- Psychische Probleme nach Kriegseinsatz: Warum in Russland der Absatz von Antidepressiva steigt
> In Russland erreichen die Verkäufe von Medikamenten gegen Angststörungen
> und Antidepressiva neue Höchststände. Behörden relativieren, Betroffene
> werden alleingelassen.
IMG Bild: Immer mehr Menschen in Russland nehmen Antidepressiva, besonders seit dem russischen Militärüberfall auf die Ukraine
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Doxa öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen
Text [2][lesen Sie hier auf Russisch].
Die Zahlen sind alarmierend. In Russland erreichen die Verkäufe von
Antidepressiva und Medikamenten gegen Angststörungen neue Höchststände.
Innerhalb von drei Jahren hat sich das Marktvolumen dieser Medikamente
wertmäßig mehr als verdoppelt. Der Absatz von Anxiolytika, also
Medikamente, die zur Linderung von Angst- und Panikstörungen eingesetzt
werden, stieg dabei um rund ein Drittel, der von Psychostimulanzien um etwa
20 Prozent. Das geht aus Daten des Analyseunternehmens AlphaRM hervor.
Nicht nur in Russland sind die Medikamente stark gefragt. Laut Prognosen
des Beratungsunternehmens [3][Mordor Intelligence] wird der globale Markt
für Antidepressiva bis 2026 auf 23,56 Milliarden US-Dollar wachsen und bis
2031 ein Volumen von 32,25 Milliarden US-Dollar erreichen. Das entspricht
einem Zuwachs von fast 6,5 Prozent.
Die russischen Behörden relativieren und führen den Anstieg der
Antidepressiva-Verkäufe auf eine verbesserte Diagnostik zurück. Laut der
Psychiaterin Swetlana Schprot vom Gesundheitsministerium wachse das
Interesse an psychotherapeutischen Behandlungen, da Hilfsangebote leichter
zugänglich seien und sich die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert
hätten.
Tatsächlich schossen die Verkaufszahlen von Antidepressiva vor allem im
Jahr 2022 in die Höhe – [4][dem Beginn der großangelegten Invasion
Russlands in die Ukraine]. Viele Menschen suchten aufgrund der herrschenden
Unsicherheit und der belastenden Ereignisse häufiger professionelle Hilfe
auf. „Nicht allein aufgrund einer besseren Diagnostik psychischer
Erkrankungen“, sagt Michail Burmistrow, Generaldirektor von
INFOLine-Analytika.
## Nicht genug Ressourcen für psychisch Erkrankte
Laut offiziellen Angaben benötigt jede fünfte Person, die von der Front
zurückkehrt, die Unterstützung eines klinischen Psychologen oder
Psychiaters. Laut dem russischen Präsidenten Wladimir Putin befinden sich
derzeit rund 700.000 Menschen im Kampfeinsatz. Insgesamt sollen die
russischen Behörden seit 2022 etwa 1,5 Millionen Menschen für die Armee
rekrutiert haben. Sprich: Zehntausende Soldaten und ihre Angehörigen
benötigen nach der Rückkehr psychologische oder psychiatrische Hilfe.
Das weiß offenbar auch das russische Gesundheitsministerium. Mitte Mai
teilte die Behörde erstmals mit, dass mehr als 18.000 Menschen eine
Beratung beim staatlichen Fonds „Verteidiger des Vaterlandes“ in Anspruch
genommen haben. Die staatliche Organisation wurde 2023 vom Kreml gegründet
und soll Veteranen des Ukrainekriegs und den Familien gefallener Soldaten
unterstützen. Bei jedem vierten Hilfesuchenden wurde demnach eine
psychische Störung diagnostiziert. Diese Personen würden dann an einen
Psychologen oder Psychiater überwiesen werden.
Doch es fehlen die nötigen Ressourcen, um die Rückkehrer zu unterstützen,
sagt die russische Ombudsfrau Jana Lantratowa. In jeder Region des Landes
gebe es durchschnittlich nicht mehr als vier Fachkräfte, die sich um
Kriegsveteranen [5][und deren Angehörige kümmern könnten].
Erst im Juni 2026, im fünften Kriegsjahr, aktualisierte die Russische
Gesellschaft für Psychiatrie ihre Empfehlungen zur Behandlung von
posttraumatischen Belastungsstörungen. Demnach sollten Soldaten an der
Front häufiger ausgetauscht werden. Eine gesetzlich festgelegte Höchstdauer
für Fronteinsätze gibt es jedoch weiterhin nicht.
## Extremer Stress auch hinter der Front
Doch nicht nur an der Front, sondern auch im russischen Zivilleben sind
viele Menschen offenbar extremem Stress ausgesetzt. Laut einer Umfrage der
Jobplattform SuperJob aus dem Jahr 2025 litten 58 Prozent der Russinnen und
Russen bereits an einer Erschöpfungsdepression. Mehr als die Hälfte der
Befragten gab an, dass das allgemeine Stressniveau in ihrem Leben gestiegen
sei.
Als größte Belastung nannten die Befragten das Verhältnis zur
Führungsebene: 39 Prozent bezeichneten Konflikte oder Probleme mit
Vorgesetzten als häufigste Stressquelle. Auf Platz zwei folgten
Arbeitsumfang und Aufgabenlast, die für 32 Prozent der Befragten den
größten Druck verursachen. Kriege, ein unsicherer Arbeitsmarkt, belastende
Arbeitsbedingungen und eine Kultur des permanenten Erfolgsdrucks sind
strukturelle Faktoren, die das Leben vieler Menschen erschweren – und
maßgeblich zur Zunahme psychischer Erkrankungen beitragen.
„In Russland verläuft dieser Anstieg, wenn man den Statistiken glaubt,
besonders schnell, was große Besorgnis auslöst“, sagt Roman Suleimanow,
Dozent am Lehrstuhl für Psychiatrie und Medizinische Psychologie der
Russischen Universität der Völkerfreundschaft, [6][dem Magazin Forbes im
Mai 2026.]
„Offensichtlich spiegeln diese Krankheitszahlen die tatsächlichen
Lebensbedingungen der Bevölkerung wider“, so Suleimanow weiter. Der Anstieg
psychischer Erkrankungen erscheint somit nicht nur als medizinisches
Phänomen. Er ist vielmehr ein Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher
und wirtschaftlicher Krisen.
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24 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Unser-Fenster-nach-Russland/!t5916992
DIR [2] https://doxa.team/articles/ageaginsttherapy
DIR [3] /Die-Bundeswehr-bedient-sich-bei-Tolkien/!6119847
DIR [4] /Ukrainer-in-russischer-Armee/!6182145
DIR [5] /Wenn-einen-der-Krieg-nicht-mehr-loslaesst/!6159680
DIR [6] https://www.forbes.ru/healthcare/558231-pocemu-v-rossii-rastut-prodazi-preparatov-protiv-trevogi-no-trevoznost-ne-snizaetsa
DIR [7] https://secure.spendenbank.de/form/1705?langid=1--
## AUTOREN
DIR Tigran Petrosyan
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