# taz.de -- 100 Tage Rechtsregierung in Chile: Die Rückkehr des Generals
> Der rechte Präsident José Antonio Kast betreibt in Chile die neoliberale
> Restauration. Nach drei Monaten sind seine Zustimmungswerte eingebrochen.
IMG Bild: Nationaler Protesttag in Santiago de Chile am 3. Juni 2026. Protest gegen Steuersenkungen für Reiche
Auf der Plaza Baquedano im Zentrum von Santiago, die während der Proteste
2019 und 2020 als Plaza Dignidad (Platz der Würde) bekannt wurde, ist die
Reiterstatue des Militärgenerals Manuel Baquedano auf ihren Sockel
zurückgekehrt. Demonstrant:innen hatten immer wieder erfolglos
versucht, sie zu stürzen, sie angestrichen oder sich auf sie gesetzt. Das
Militär hatte sie deshalb 2021 entfernen lassen, um sie zu restaurieren.
Im Juni 2026 thront Baquedano nun wieder auf der Plaza, umringt von einer
Mauer und einer Gruppe Carabineros, und blickt auf die Menschen herab, die
sich hier versammelt haben.
General Baquedano war nicht die einzige Statue, die die Protestierenden
angriffen: Christoph Kolumbus wurde in Arica zerschlagen, Dagoberto Godoy
in Temuco geköpft, Pedro de Valdivia in Concepción gestürzt – Symbole von
Kolonialismus, Militärherrschaft und Unterdrückung. Manche sprachen von
einer Dekolonialisierung des öffentlichen Raums – für die herrschende Elite
war es ein Angriff auf die „Ordnung“.
In seiner ersten Cuenta Pública, einer Art Rede zur Lage der Nation,
kündigte Chiles im März ins Amt gekommener Rechtsaußen-Präsident José
Antonio Kast am 1. Juni einen Plan zur Wiederherstellung, Reinigung und
Aufwertung von Denkmälern im öffentlichen Raum an. Die Initiative solle die
Schäden der Proteste beheben und der Bevölkerung „würdige, sichere und
identitätsstiftende Räume“ zurückgeben. Die Wiederherstellung der Monumente
steht sinnbildlich für die Wiederherstellung der neoliberalen Ordnung, die
die soziale Revolte einst infrage stellte.
## „Gerechtigkeit, Wahrheit, keine Straflosigkeit!“
Jeglichen Widerstand gegen seine Restauration will Kast verfolgen und
sanktionieren. In seiner Rede kündigte er ein Register für Personen an, die
die öffentliche Ordnung stören. Wer die darin als „unzivilisierte
Verhaltensweisen“ definierten Taten begeht – Graffitis, Beschädigung von
Denkmälern, Angriffe auf die Polizei –, soll nicht nur strafrechtlich
verfolgt werden, sondern den Anspruch auf Sozialleistungen verlieren. Dazu
gehören Stipendien für die Hochschulbildung, Wohnhilfen und sogar die
Grundrente. Betroffen wären von diesen Sanktionen vor allem arme Menschen.
„Diese Regierung will die Reichen reicher und die Armen noch ärmer machen“,
sagt Fabiola Campillai an einem Samstag im Juni bei einer Demonstration in
Santiago. Die Fabrikarbeiterin wurde im November 2019 auf dem Weg zur
Arbeit von einer Tränengasgranate der Carabineros am Kopf getroffen. Sie
verlor ihr Augenlicht sowie ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Ihr Fall
wurde zu einem Symbol für die Menschenrechtsverletzungen während der
Proteste. 2021 wurde Campillai als unabhängige Kandidatin mit einer
Rekordzahl an Stimmen in den Senat gewählt.
Der Protestmarsch unter dem Motto „Nein zu den Begnadigungen – keine
Rückschritte bei den Menschenrechten“ zieht an diesem bewölkten Junitag
über die Hauptstraße Alameda. Manche tragen Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer
während der Pinochet-Diktatur getöteten oder verschwundenen Angehörigen vor
der Brust. „Gerechtigkeit, Wahrheit, keine Straflosigkeit!“, rufen sie.
Der Protest richtet sich gegen die Pläne von Kast, verurteilte
Menschenrechtsverbrecher zu begnadigen oder ihnen Hafterleichterungen zu
gewähren. Außerdem hat er Leitungspersonen des von der Vorgängerregierung
geschaffenen Plan Nacional de Búsqueda entlassen, ein Programm, um die
während der Diktatur Verschwundenen aufzuspüren, und Budgets im Bereich der
Erinnerungsarbeit gekürzt. „Wir brauchen Wahrheit, wir brauchen
Gerechtigkeit und wir brauchen Wiedergutmachung. Und diese Regierung
verweigert uns genau das“, sagt Campillai.
## Zentrale Wahlversprechen nicht erfüllt
Kast hatte die [1][Präsidentschaftswahl im Dezember mit 58 Prozent der
Stimmen gewonnen]. In den ersten drei Monaten seiner Regierung [2][sank
seine Zustimmung] in Rekordzeit um 20 Prozentpunkte auf 38 Prozent. Denn
genau die Versprechen, mit denen er die Wahl gewann, hat er bisher nicht
eingehalten: Er wollte die Kriminalität eindämmen, die Migration
kontrollieren und die Wirtschaft ankurbeln.
Besonders spürbar für viele Chileninnen und Chilenen waren die gestiegenen
Benzinpreise. Ende März schaffte Kast einen staatlichen
Stabilisierungsmechanismus der Kraftstoffpreise ab. Zusammen mit den
Auswirkungen des Irankriegs führte das zu einem schlagartigen Preisanstieg
von Benzin um rund 30 Prozent, Diesel verteuerte sich sogar um bis zu 60
Prozent.
Im Bereich Migration hat die Regierung zwar [3][symbolische Maßnahmen]
umgesetzt, darunter den Bau eines Grabens an der Nordgrenze zur
Abschreckung irregulärer Migration. Die Ankündigung, am ersten Tag seiner
Amtszeit 300.000 Migrant:innen abzuschieben, bezeichnete Kast nun selbst
als „Metapher“. Gleichzeitig räumte die inzwischen entlassene
Sicherheitsministerin öffentlich ein, keinen konkreten Plan zur Bekämpfung
der Kriminalität zu haben.
„Diese Regierung ist an die Macht gekommen, indem sie in den Bereichen
Sicherheit und Migration große Ängste in der Bevölkerung geschürt hat“,
sagt Rodrigo Bustos, Direktor von Amnesty International Chile. „Gerade in
diesen beiden Bereichen wird sie von der Bevölkerung in den ersten drei
Monaten jedoch überwiegend negativ bewertet.“ Die schwarze Liste für
Ordnungswidrigkeiten bezeichnet Bustos als „klassistisch und
stigmatisierend“ ohne reale Auswirkung auf die Sicherheitslage.
## Steuergeschenke an Investoren und Vermögende
„Kast hat immer gesagt, er werde keine Sozialleistungen oder soziale Rechte
kürzen. Genau das tut er nun aber“, sagt Bustos weiter. Die Regierung
selbst spricht vom „Plan der nationalen Rekonstruktion“, einem
Gesetzespaket mit rund 40 Einzelmaßnahmen, das bereits vom Kongress
angenommen wurde und nun im Senat debattiert wird.
Im Zentrum der Reform stehen die Senkung der Unternehmensteuer,
Steuervergünstigungen für Investoren und der Abbau von Umweltregulierungen.
Die Opposition bezeichnet die Reform deshalb als „versteckte Steuerreform“
zugunsten großer Unternehmen und vermögender Bevölkerungsgruppen.
Gleichzeitig verfolgt Kast einen strikten Sparkurs. In zahlreichen
Ministerien hat er die Budgets gekürzt, unter anderem in den Bereichen
Bildung, Gesundheit, Kultur und Wissenschaft. Besonders umstritten sind die
Einsparungen bei der Junaeb, dem staatlichen Programm für Schulspeisung.
Kast sagte dazu, die Kinder würden „ja auch manchmal ein Sandwich mit in
die Schule nehmen“.
Hinzu kommt das harte Vorgehen gegenüber ehemaligen Studierenden mit
staatlich garantierten Bildungskrediten (CAE): Tausenden Schuldner:innen
wurden offene Forderungen direkt vom Bankkonto abgebucht.
## Angst vor der Kriminalisierung des Protests
Wie so oft in Chile sind es die Schüler:innen und die Studierenden, die
[4][die sozialen Proteste gegen die Regierung anführen]. Die größten
landesweiten Proteste seit Kasts Amtsantritt organisierte am 3. Juni die
Confech (Confederación de Estudiantes de Chile), der wichtigste Dachverband
der Studierendenbewegung. Unterstützt wurde sie vom Verband des
Lehrpersonals und feministischen Organisationen.
Gemeinsam protestierten sie gegen die Kürzungen im Bildungsbereich, gegen
das Reformpaket der Regierung und gegen das Gesetz Escuelas Protegidas
(„Geschützte Schulen“). Es erlaubt unter anderem die Kontrolle von
Rucksäcken an Schulen und verschärft Sanktionen bei Gewaltvorfällen. Die
Regierung rechtfertigt das Gesetz als Reaktion auf einen tödlichen
Messerangriff auf eine Lehrerin. Kritiker:innen befürchten jedoch, dass
Kast das Gesetz zur Kriminalisierung der Schüler:innenbewegung
instrumentalisieren könnte.
Der 15-jährige Emilio zeigt sich bei der Demonstration besorgt: „Ich bin
dagegen, dass wir kriminalisiert werden und gleichzeitig das Schulessen
gekürzt wird.“ Er besucht eine öffentliche Schule, und für viele seiner
Klassenkamerad:innen ist das staatlich finanzierte Schulessen die
einzige Mahlzeit am Tag. Emilio würde gerne an der Universität studieren,
aber er könnte sich ein Studium nur mit einem Stipendium leisten. „Die
Regierung schränkt unsere Rechte ein – das betrifft meine Gegenwart und
meine Zukunft“, sagt er.
Auch die 24-jährige Florinda García befürchtet Rückschritte – etwa bei dem
seit Jahren erkämpften, ohnehin nur in drei Fallgestaltungen geltenden
Abtreibungsrecht. Die neue Frauenministerin Judith Marin ist evangelikale
Aktivistin und offen gegen das Recht auf Abtreibung. „Diese Regierung ist
homophob LGTBI-feindlich, sie verteidigt die Idee der traditionellen
Familie“, sagt García. „Das bedeutet allein auf diskursiver und
symbolischer Ebene einen enormen Rückschritt für unsere Gesellschaft.“
Die Schüler:innen und Studierenden versammeln sich zum Protest um die
Reiterstatue von General Baquedano. Er sitzt fest in seinem Sattel.
26 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Sophia Boddenberg
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