# taz.de -- Lettlands Ministerpräsident über Grenzen: „Wir müssen stark, geeint und widerstandsfähig sein“
> Lettlands neuer Ministerpräsident heißt Andris Kulbergs. Er erklärt,
> weshalb die baltischen Staaten besser kooperieren sollten.
IMG Bild: Ein Grenzpfeiler mit der Aufschrift „Republik Lettland“ an der lettischen Grenze zu Russland
taz: Nach einem heftigen Streit über Drohnenvorfälle trat Lettlands
Regierung [1][vor Kurzem zurück]. Sie, Herr Kulbergs, sollen jetzt das Land
bis zu den Wahlen im Herbst als Ministerpräsident steuern. Wie hoch ist das
Risiko für Sie?
Andris Kulbergs: Alle meine Parteikollegen sagten: „Andris, was machst du
da? Warum?“ Die Antwort ist ganz einfach: Die geopolitischen Umstände sind
unklar und wir können nicht zulassen, dass unser Land ohne Führung dasteht.
Wir haben einige „heiße Eisen“ und müssen die dringend angehen.
taz: Wie denn?
Kulbergs: Die Menschen haben es satt, Geschichten darüber zu hören, wie wir
uns etwas vornehmen, planen, vorantreiben oder beschließen werden. In der
Verwaltung und in der Politik ist es endlich an der Zeit, sich auf Ziele
und Ergebnisse zu konzentrieren. Deshalb möchte ich, dass wir in diesen
vier Monaten eine andere Kultur, eine andere politische Geschichte zeigen.
Das ist eine kurze Zeitspanne, und deshalb müssen wir uns besonders strenge
Ziele setzen.
taz: Ein solches „heißes Eisen“, das Sie geerbt haben, ist das Großprojekt
„Rail Baltica“, eine Zugverbindung, die alle baltischen Staaten verbinden
soll, zu einem Großteil finanziert von der EU. Es soll bis 2030 fertig
sein. Ist das noch zu schaffen?
Kulbergs: Es gibt Menschen, die an den Weihnachtsmann glauben, und ich
möchte ihnen diese Träume nicht zerstören.
taz: Auch Lettland werden erhebliche Verzögerungen vorgeworfen. Während in
Litauen und Estland bereits Gleise verlegt wurden, befanden sich diese in
Lettland erst in der Planungsphase. Woran hakt es?
Kulbergs: Von den insgesamt 1,45 Milliarden Euro für dieses Projekt haben
wir eine Milliarde Euro in zwei Betonbauten gesteckt und uns noch nicht um
die Hauptstrecken gekümmert. Und das ist das größte Problem Lettlands: Wir
haben uns zu sehr auf diese Bauvorhaben versteift – den Rigaer Flughafen
und den Hauptbahnhof. Aber auch die estnischen und litauischen Kollegen
haben Probleme. In keinem der drei Länder wird es möglich sein, das Ziel
bis 2030 vollständig umzusetzen.
taz: Und jetzt?
Kulbergs: Wir müssen uns so schnell wie möglich an einen Tisch setzen und
festlegen, was der beste Plan ist, mit dem wir die Strecke bauen können.
Und wir müssen mit der EU über die Finanzierung sprechen.
taz: Sie wollen also mehr Geld?
Kulbergs: Die baltischen Staaten sind derzeit diejenigen, die die
Außengrenze Europas gegen einen Aggressor verteidigen, zugleich sollen wir
ein solches Megaprojekt realisieren und dann gibt es noch den europäischen
„Green Deal“, der erreicht werden muss. Wir befinden uns in einer sehr
komplexen Situation. Mit unseren Volkswirtschaften können wir uns das alles
nicht leisten.
taz: Um bei der Infrastruktur zu bleiben: Auch die nationale
Fluggesellschaft „airBaltic“ befindet sich seit einiger Zeit in
finanziellen Schwierigkeiten und hat auch staatliche Unterstützung
erhalten. Wird es die Airline weiterhin geben?
Kulbergs: Leider musste ich eine Vertraulichkeitsvereinbarung
unterzeichnen, was bedeutet, dass ich bis zum Ende dieses Jahres nicht
darüber sprechen darf. Es wäre aber sinnvoll, „airBaltic“ langfristig als
baltische Fluggesellschaft zu erhalten, die den Interessen aller drei
baltischen Staaten dient. Dies darf jedoch nicht um jeden Preis geschehen
und nicht allein auf Kosten der Steuerzahler – insbesondere in Lettland –
gehen. Derzeit möchte ich mich mit dem Unternehmensplan vertraut machen, da
ich mir sicher sein muss, dass diese Pläne realistisch und tragfähig sind,
und ich muss darüber mit unseren estnischen und litauischen Kollegen
sprechen. Sie müssen mit einbezogen werden.
taz: In Estlands Hauptstadt Tallinn trafen sich im Juni die nordischen und
baltischen Staaten, der sogenannte NB8-Gipfel. Kann die Region die aktuelle
Bedrohungslage stemmen?
Kulbergs: Noch nie zuvor habe ich [2][eine so einheitliche Haltung]
gesehen. Alle Staaten vertreten klare Positionen gegenüber Russland als
Aggressor. Das Wichtigste ist, dass es mehr Unterstützung der EU für die
Ostflanke gibt. Es geht nicht nur um Lettland, sondern um alle
Anrainerstaaten. Wir geben aus unseren nationalen Haushalten das Maximum
aus. Doch diese Frage betrifft nicht nur unsere, sondern die Außengrenzen
der gesamten EU.
taz: Und für Lettland speziell?
Kulbergs: Durch die [3][Bedrohung durch Drohnen] bricht unser Tourismus
ein. Die Buchungen gehen um 48 Prozent zurück. Unsere Wirtschaft wird durch
diese geopolitischen Umstände geschwächt. Und je schwächer die Wirtschaft
ist, desto schwächer ist auch die Sicherheit. Wir als Region – also alle
baltischen Staaten – sollten im Idealfall nahezu wie ein einziger Staat
agieren. Das ist eine Utopie, ich weiß. Aber nur dann wären wir mit unseren
Ressourcen und unserer Einwohnerzahl in der Lage, sowohl wirtschaftlich
gegenüber Investoren als auch in der Verteidigung ein bedeutender Akteur zu
sein.
taz: Aber es gibt doch Länder, die deutlich kleiner sind und dennoch über
ausreichenden Einfluss verfügen.
Kulbergs: Diese Region wird immer ein Krisenherd bleiben. Wir müssen hier
stark, geeint und widerstandsfähig sein, um unsere Demokratie und unsere
Wirtschaft langfristig zu erhalten und zu sichern. Derzeit sind wir in
allen Bereichen Konkurrenten – auch bei der „Rail Baltica“. Bei der
Verteidigung haben wir ein gemeinsames Ziel. Das wäre ein sehr starkes
Signal sowohl für uns, die Gesellschaft, als auch nach außen.
taz: Lettland und die Ukraine haben beim NB8-Treffen eine Kooperation bei
der Luftsicherheit und in der Rüstungsindustrie beschlossen. Was heißt das
konkret?
Kulbergs: Es handelt sich nicht nur um ein Dokument auf Papier. Es gab
unmittelbare Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj über das
weitere Vorgehen. In Lettland halten sich bereits ukrainische
Militärexperten auf, insbesondere Spezialisten für die Abwehr von Drohnen,
die derzeit die Lage einschätzen und einen Plan ausarbeiten. Die Idee ist,
dass [4][wir in Lettland und in den baltischen Staaten eine ähnliche
Anti-Drohnen-Einheit aufbauen] wie in der Ukraine, ohne die sich das Land
nicht verteidigen könnte.
taz: Was bedeutet das?
Kulbergs: Wir müssen bei uns mindestens 20.000 Menschen ausbilden, die in
der Lage sind, Drohnen zu steuern. Das wichtigste ist unsere Kooperation.
Es ergibt für uns keinen Sinn, Technologien der Ukraine zu übernehmen, wie
sie heute sind. Diese ändern sich mittlerweile nicht mehr im
Monatsrhythmus, sondern im Wochenrhythmus. Auch der Feind passt sich an.
Wir müssen stets über die neuesten Lösungen verfügen. Und welche davon
wirklich effektiv sind – das wissen nur die Ukrainer.
taz: Diese „Lösungen“ werden in Lettland produziert?
Kulbergs: Genau. Wir bauen gemeinsam die Produktion auf. Das ist sowohl für
die Ukraine als auch für unsere Rüstungsindustrie interessant. Die 90
Milliarden Euro, die die Europäische Union – und damit auch wir – der
Ukraine als Darlehen zur Verfügung stellen, beinhaltet auch die Auflage,
dass es sich um in Europa hergestellte Produkte handeln muss, die für
militärische Zwecke gekauft werden. Das ist eine „Win-Win“-Situation. Diese
Produkte könnten nicht nur an die Ukraine, sondern auch an sehr viele
europäische Länder für deren Verteidigung verkauft werden. Ich sehe darin
eine einzigartige, auch wirtschaftliche Chance.
taz: Und ein neues Selbstbewusstsein für Lettland international?
Kulbergs: Lettland, Estland, Litauen und auch Polen haben ein sehr großes
Mitspracherecht. Man hört uns zu. Wir haben eine Stimme, die wir bisher
nicht hatten. Bisher hat man uns für Leute gehalten, die laut, aber ohne
Grund schreien. Jetzt verstehen alle, dass der Grund dafür schon immer
darin lag, dass wir unseren Nachbarn viel besser gekannt haben als der Rest
Europas.
taz: Wohin sollte sich die Allianz der baltischen Staaten entwickeln?
Kulbergs: Nach Polen. Das sind unsere Verbündeten der Zukunft, auch in
wirtschaftlicher Hinsicht. Wir als Region an der Grenze [Anm. d.R.: zu
Russland und Belarus] müssen geeint sein, darin liegt unsere Stärke –
sowohl Finnland als auch die baltischen Staaten und Polen, möglicherweise
auch noch Tschechien und Rumänien. Wir verstehen sehr gut, welchen
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Preis ein solcher Aggressor mit
sich bringt.
28 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Ieva Strazdina
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