# taz.de -- Unangemeldeter Verkehrsversuch: Ein Brand sorgt für Verkehrsberuhigung
> Die Bremer Martinistraße ist temporär stillgelegt. Aber weil die Maßnahme
> aus der Not geboren ist, regt sie anders als vor fünf Jahren niemanden
> auf.
IMG Bild: Platanen sorgen für schattiges Südfrankreichflair, Baumaschinen für Verkehrsberuhigung: Die Martinistraße zeigt Flanierpotenzial
Ja, ist denn schon wieder Verkehrsversuch? Aber nein, es hat gebrannt. Und
deshalb ruht seit Montag und auf unbestimmte Zeit die Bremer Martinistraße
[1][still wie ein Waldsee, zumindest morgens]. Später, wenn es wärmer wird,
kommen auch die Bauarbeiter auf Touren und schmeißen den Generator an sowie
die Baustellenmonstertrucks mit Gigakran.
Also der Fahrzeugname ist bestimmt falsch. Für die genaue Bezeichnung
fragen Sie besser einen Vierjährigen Ihres Vertrauens, die kennen sich da
aus, vergessen aber erfahrungsgemäß dieses nützliche Wissen kurz nach der
Einschulung, außer sie sind Frühnerds. Hier ist aber gerade keiner zur
Hand. Auf der Straße bleiben aber immer wieder welche stehen und erklären
ihren Eltern die Welt der Maschinenparks.
Das aus Bremer taz-Perspektive Interessante ist hingegen weniger das
aufgebotene baustellenfahrzeugkundliche Anschauungsmaterial als [2][die
Reaktion aus dem verkehrs- und handelspolitischen Stadtraum auf die
Martinistraßensperrung] von Interesse, und zwar hier: ihre Abwesenheit.
Denn vor fünf Jahren war hier im Rahmen eines Verkehrsversuchs schon einmal
auf einem viel kleineren Abschnitt Autos die Durchfahrt untersagt worden.
Damals, [3][als die grüne Senatorin Maike Schaefer diese Maßnahme verfügt
hatte], um zum Wohle aller den Einstieg in einen klimaverträglichen
Stadtumbau zu finden, war der archivierten veröffentlichten Meinung zufolge
das Abendland untergegangen, Bremen am Verkehrsinfarkt erstickt und zudem
die Rettung von Menschen in Not verunmöglicht gewesen.
Den Geschäften hatte die temporäre Ad-hoc-Fußgängerzone so sehr geschadet,
dass Vertreter*innen der Handelsjammerkammer erwägt haben sollen, mit
Selbstverbrennung zu drohen, wenn es auch nur eine Woche länger dauern
würde. Es war ein einziges Leid. Die Fasttoten und anderen Opfer dieser
ärgerlichen Freiheitsbeschränkung blieben ungezählt.
Aber für die Anrainer war es ganz schön, und für die Passant*innen auch:
etwas wenig begrünt, und die Sitzmöbel hätte man sich sparen können,
[4][aber das Flanierpotenzial der Durchfahrtsstraße hatte sich zu erkennen
gegeben, die Rußluftwerte und der Geräuschpegel waren krass gesunken].
Der jetzige Dachstuhlbrand war bestimmt schlimm für unseren Nachbarn, den
Hausbesitzer, und die Luftwerte waren Montag wohl auch eher bescheiden. Es
schwadete ganz schön dolle, das kann nicht gesund gewesen sein. Es fehlt
der Rollrasen, und dass die Bauarbeiter lieber tags bei Sonnenschein ihre
Apparate röhren lassen, ist nicht so erfrischend unterhaltsam wie zu Zeiten
des Verkehrsversuchs die auch recht dezibelstarke temporäre Surfwelle: Hier
wohnt doch keiner. Wäre Nachtarbeit bei der Sommerhitze nicht die viel
bessere Lösung?
Aber egal. Das Schöne dieses unfreiwilligen Verkehrsversuchs ist: Er ruft
in Erinnerung, dass, dank Platanenschatten und befreit von motorisiertem
Verkehr die Martinistraße Flanierpotenzial hat, als läge sie in Spanien
oder Südfrankreich, wo Städte wie Toulouse die Autos rausgeschmissen haben
– und seither aufblühen. Und trotzdem halten die Halbprofinörgelpinne die
Klappe, die sonst an chronischer Unzufriedenheit leiden, weil es ja
gebrannt hat. Und dann muss das halt.
Vielleicht sollte sich also, wer künftig einen Verkehrsversuch startet,
überlegen, wie eine Notsituation herbeizuführen ist, am besten ohne Qualm
und Lärm, auf die dieser die Reaktion sein könnte. Das klingt zwar erst mal
unethisch. Aber es lässt sich rechtfertigen. Denn es würde die Akzeptanz
der Maßnahme deutlich erhöhen. Die muss man dann nur noch auf Dauer
stellen. Und schon hätten alle gewonnen.
24 Jun 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Benno Schirrmeister
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