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       # taz.de -- Totalausfall bei der Deutschen Bahn: Eine krisensichere Bahn bräuchte eine bessere Finanzierung
       
       > Ein einziges fehlerhaftes IT-Update hat den gesamten Schienenverkehr der
       > Bundesrepublik zum Erliegen gebracht. Solche Ausfälle ließen sich
       > verhindern.
       
   IMG Bild: Alle Züge stehen still: Deutschland hat sein Schienennetz über Jahrzehnte systematisch geschrumpft und unterfinanziert
       
       Dienstagnacht [1][stand Deutschland still]. Nicht wegen Schnee oder Streik
       und auch nicht wegen Sabotage, wie viele vermuteten – sondern wegen einer
       Störung im Zugfunksystem GSM-R. Ein einziges fehlerhaftes IT-Update
       reichte, um den gesamten Schienenverkehr der Bundesrepublik zum Erliegen zu
       bringen. Wie konnte das passieren? Und warum wurde nicht alles getan, um so
       ein flächendeckendes Versagen zu verhindern?
       
       GSM-R ist das digitale Funksystem, über das Lokführer*innen und
       Fahrdienstleiter*innen kommunizieren. Ohne diese Verbindung darf kein
       Zug planmäßig fahren – denn nur über GSM-R können im Notfall alle Züge in
       einem Bereich gleichzeitig gestoppt werden. Als das System in der Nacht zum
       24. Juni bundesweit ausfiel, blieben Hunderte von Zügen auf freier Strecke
       oder in Bahnhöfen stehen.
       
       Als Backup soll eigentlich eine Variante des Telekom-Mobilfunknetzes
       einspringen. Doch auch sie versagte: Die SIM-Karten in den Bordcomputern
       der Züge konnten vom System nicht zuverlässig identifiziert werden. Wo
       trotzdem gefahren wurde, galt Sichtfahrt: Tempo 30 statt dreistellig. Nach
       etwa 90 Minuten war das akuteste Problem behoben.
       
       Das ist eine großartige Leistung jener Beschäftigten, die tagtäglich in
       diesem maroden System Übermenschliches leisten. Doch der Schaden für
       Hunderttausende Reisende und für das Vertrauen in die Bahn bleibt. Mal
       wieder. Dabei zeigen Umfragen und Studien, dass die Menschen umsteigen
       wollen, raus aus der Abhängigkeit vom Auto.
       
       GSM-R wurde in den 90ern entwickelt und ist technisch seit Jahren am Ende
       seiner Lebenszeit. Der Nachfolger FRMCS (Future Railway Mobile
       Communication System) ist seit Jahren bekannt – aber die Umrüstung kostet
       Milliarden und wurde immer wieder verschoben. Dass auch die Rückfallebene
       (Telekom-Netz) nicht zuverlässig funktionierte, ist kein Zufall, sondern
       das Ergebnis einer Infrastruktur, die nicht ausreichend getestet, gewartet
       und finanziert wurde.
       
       Ein Vergleich mit der Luftfahrt macht das Versagen deutlich: Im Flugverkehr
       sind redundante Systeme für jede sicherheitskritische Komponente
       international verpflichtend. Als Eurocontrol 2018 einen Computerausfall
       erlebte, kam es zu Verspätungen – aber kein Flugzeug musste landen, weil
       das System robust genug gebaut war, um solche Fehler aufzufangen. Bei der
       Bahn kollabierte nicht nur das Hauptsystem, sondern auch die Rückfallebene.
       Das Ergebnis jahrzehntelang aufgeschobener Investitionen in
       Sicherheitsarchitektur.
       
       Der Blick auf unsere Nachbarn 
       
       Deutschland hat sein Schienennetz über Jahrzehnte systematisch geschrumpft
       und unterfinanziert – es galt „Fokus Straße“. Zwischen 1995 und 2018
       flossen 278 Milliarden Euro in Straßen – aber nur [2][132 Milliarden Euro
       in die Schiene].
       
       Wer wissen will, wie Bahn geht, muss nicht weit schauen. Schweiz und
       Österreich zeigen seit Jahrzehnten, dass ein verlässliches Schienennetz
       kein Wunschdenken ist – sondern eine Frage politischen Willens und
       konsequenter Investition. Die Schweizer Bundesbahnen (SBB) erreichten 2025
       eine Pünktlichkeitsquote von [3][94,1 Prozent] – und das, obwohl ein Zug
       dort bereits als verspätet gilt, wenn er mehr als drei Minuten zu spät ist.
       Die Deutsche Bahn kämpft im Fernverkehr mit Quoten [4][von über 50
       Prozent].
       
       Die Schweiz investiert [5][480 Euro pro Kopf und Jahr] in ihre
       Schieneninfrastruktur (2024), finanziert durch einen langfristigen
       Bahninfrastrukturfonds aus Mehrwertsteuer und Straßennutzungsgebühren.
       99,98 Prozent des Streckennetzes sind elektrifiziert. Das gesamte Netz ist
       vollständig mit dem europäischen Zugsicherungssystem ERTMS ausgestattet –
       als einziges Land Europas. Die Schweiz denkt in Jahrzehnten, nicht in
       Legislaturperioden.
       
       Österreich investiert 352 Euro pro Kopf in seine Bahn (2024) – fast doppelt
       so viel wie Deutschland. Die ÖBB gilt europaweit als Musterbeispiel für gut
       verwalteten Bahnbetrieb: pünktlich, bezahlbar, dicht getaktet. Österreich
       hat verstanden: Die Bahn ist kein Luxus, sondern essenzieller Teil von
       Daseinsvorsorge.
       
       Deutschland erreichte 2024 mit 198 Euro pro Kopf zwar ein neues
       Rekordniveau – ein Sprung von 70 Prozent gegenüber [6][den 115 Euro des
       Vorjahres]. Doch erst seit 2022 wird etwas mehr in die Schiene als in die
       Straße investiert. Nach Jahrzehnten der Unterfinanzierung.
       
       Weniger Netz, mehr Fahrgäste 
       
       Das vielleicht deutlichste Symptom des Systemversagens: Während die
       Nachfrage nach Bahnreisen dramatisch gestiegen ist, wurde das Netz
       kontinuierlich kleiner. In den vergangenen 70 Jahren wurden in Deutschland
       über 15.000 Kilometer Bahnstrecken abgebaut. Das Netz schrumpfte von
       ehemals 40.800 auf heute rund 33.470 Kilometer.
       
       Gleichzeitig stieg die Verkehrsleistung auf der Schiene von 1992 bis 2022
       um 75 Prozent – auf fast [7][110 Milliarden Personenkilometer] im Jahr
       2024. Viele der noch verbliebenen Strecken fahren dauerhaft über ihrer
       Kapazitätsgrenze. Jede Störung pflanzt sich wie in einem verstopften Rohr
       durch das gesamte Netz fort. Der Ausfall dieser Nacht war kein Zufall – er
       war Zeichen eines Systems, das schon lange kollabiert.
       
       Selbst der Auto Club Europa (ACE) – ja, ein Autoclub – hat gemeinsam mit
       dem BUND und der Klima-Allianz Deutschland Bundesverkehrsminister Schnieder
       aufgefordert, [8][den Neubau von Autobahnen und Bundesstraßen sofort zu
       stoppen.] Eine Untersuchung des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft
       belegt: Der Verzicht auf neue Autobahnen und Bundesstraßen würde 20
       Milliarden Euro freisetzen – Geld, das dringend für den Erhalt maroder
       Brücken, Straßen und des Schienennetzes gebraucht wird.
       
       Echte Alternativen 
       
       Die Menschen wollen umsteigen. Das Potenzial ist riesig. Aber es kann sich
       nicht entfalten, wenn das System nicht funktioniert. Echte Verkehrswende
       bedeutet: Die Bahn muss so verlässlich sein, dass das Auto zur zweiten Wahl
       wird – nicht umgekehrt. Dafür braucht es neben dem massiven Ausbau der
       Schieneninfrastruktur auch eine Modernisierung der Sicherheitstechnik: Das
       aktuelle GSM-R muss durch das modernere FRMCS abgelöst werden, schnell und
       vollständig.
       
       Für solche Investitionen braucht es langfristige Finanzierungsgarantien,
       wie in der Schweiz. Die Nacht zum 24. Juni 2026 war ein Weckruf. Er könnte
       der erste sein, der nicht verschlafen wird.
       
       24 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.morgenpost.de/politik/article412373431/deutsche-bahn-stoerung-aktuell-verspaetung-ausfall-funk-grund-ursache.html
   DIR [2] https://www.greenpeace.de/publikationen/20230919Lost_Tracks_0.pdf
   DIR [3] https://reporting.sbb.ch/puenktlichkeit
   DIR [4] https://de.statista.com/infografik/15656/puenktlichkeit-der-deutschen-bahn/
   DIR [5] https://www.allianz-pro-schiene.de/themen/infrastruktur/investitionen/
   DIR [6] https://eisenbahn.blog/pro-kopf-investitionen-ins-bahnnetz-schweiz-und-oesterreich-im-spitzenfeld-deutschland-hinkt-weiter-hinterher
   DIR [7] https://www.iwd.de/artikel/bahnstrecken-ueber-der-kapazitaetsgrenze-617162/
   DIR [8] https://presse.ace.de/pressemitteilungen/presse-detail/news/autobahnen-und-bundesstrassen-priorisieren-statt-neu-verschulden/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katja Diehl
       
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