# taz.de -- Sündenbock im DFB-Team: Schuld ist immer Sané
> Leroy Sané steht nach den ersten beiden Gruppenspielen mal wieder in der
> Kritik. Wer denn auch sonst? Rational ist die Debatte eh nicht zu
> erklären.
IMG Bild: Sané setzt sich durch, aber irgendetwas hätte er bestimmt besser machen können
„Die schlechteste Frage von allen“, findet Jamie Leweling. Gerade wurde der
deutsche Flügelspieler auf der Pressekonferenz vor dem letzten Gruppenspiel
gegen Ecuador von einem Reporter darauf angesprochen, wie er denn Leroy
Sané sehe. Per se ist die Frage keineswegs schlecht.
Angesichts der Tatsache, dass Sané in den ersten beiden Gruppenspielen
nicht gerade mit starken Leistungen überzeugen konnte, ist sie sogar
durchaus berechtigt. Aber was soll der direkte Konkurrent im Kader schon
dazu sagen? Soll er sich selbst ins Spiel bringen? Man hat fast das Gefühl,
die Sehnsucht danach ist rießengroß. Sané-Kritik [1][scheint mittlerweile
ein Volkssport zu sein.]
Schon seit der Nominierung, ja seit Sané den FC Bayern im vergangenen Jahr
[2][Richtung Galatasaray Istanbul] verließ, diskutiert das Land über ihn
mit besonderer Vehemenz. Mit dem Wechsel in die schwächere türkische Liga,
so hieß es, verbaue sich der 30-Jährige die Tür zur Nationalmannschaft.
„Das Geld vor die Weltmeisterschaft gestellt“, lautete der Vorwurf, noch
bevor Sané je für Galatasaray auflief.
Seine erste Saison in Istanbul verlief dann obendrein enttäuschend – Sané
zählte nicht zum Stammpersonal, erzielte nur sieben Tore in 43 Spielen. Das
lieferte den Kritikern weiteres Futter. Sie behaupten, Sané sei nicht mehr
gut genug für die Nationalelf und erst recht kein Kandidat für die
Weltmeisterschaft.
## Aufgefrischte schlechte Erinnerungen
Dass Sané mit zwei Toren und einer Vorlage im entscheidenden
Qualifikationsspiel gegen die Slowakei im November maßgeblich zur deutschen
WM-Teilnahme beitrug, ist in der öffentlichen Wahrnehmung schon wieder in
Vergessenheit geraten. Immer wieder aufgefrischt werden dagegen die
Erinnerungen an seine schlechten Auftritte. Im letzten Testspiel vor der
Nominierung pfiff das Stuttgarter Publikum Sané bei seiner Einwechslung
aus. Als Bundestrainer Nagelsmann im Mai den WM-Kader inklusive Sané
bekanntgab, war der Aufschrei groß. Selbst die viel diskutierte
Torwartfrage rückte die Personalie Sané nicht aus dem Fokus.
Nagelsmann erklärte, er traue sich zu, „den Spieler so zu kitzeln, dass am
Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen über ihn fallen als negative“.
Wie schwer das werden würde, zeigte schon das letzte Testspiel gegen die
USA. Sané rückte für den verletzten Lennard Karl in die Startelf, tat sich
wie die gesamte deutsche Mannschaft schwer, erzielte das 2:1 – und
kassierte dennoch Kritik.
Nun sind zwei Gruppenspiele vorbei, doch Sané nimmt weiter eine
herausgehobene Stellung bei den Beobachtern der Nationalmannschaft ein –
wie die Frage auf der Pressekonferenz zeigt. Selbst beim 7:1-Auftaktsieg
gegen Curaçao, an dem es eigentlich nichts herumzumäkeln gab, hatte mancher
dann doch an Sané etwas auszusetzen. Auch nach dem schwächeren zweiten
Spiel gegen Elfenbeinküste wurde sein Name bei der Generalkritik am
häufigsten genannt.
Kapitän Joshua Kimmich, der mit Sané auf der rechten Seite spielte, und der
Bundestrainer stellten sich demonstrativ hinter den 30-Jährigen. Sie lobten
seine Laufbereitschaft und Defensivarbeit. Ex-DFB-Kapitän [3][Ilkay
Gündoğan,] der mit Sané schon bei Manchester City spielte und jetzt bei
Galatasaray Istanbul unter Vertrag steht, schrieb in seiner
Spiegel-Kolumne: „Oft hat Leroy das Gefühl, dass die Leute nur darauf
warten, dass er etwas falsch macht.“ Diese Erwartungshaltung könne einen
kreativen Spieler lähmen. „Wenn ständig die Angst mitspielt, dass nach dem
ersten Fehler sofort wieder Kritik aufkommt: Wie soll Leroy da dauerhaft
funktionieren?“
Ist die Frage an Leweling, der kein schlechtes Wort über seinen
Teamkollegen verlor, also unberechtigt? Nein. Es wäre falsch zu behaupten,
Sané habe sich eine weitere Startelfnominierung unbedingt verdient. Doch es
wirkt seltsam, wenn nur über den Einsatz von Sané diskutiert wird.
Einen Tag zuvor stellte sich Nadiem Amiri den Fragen der Journalisten. Der
Mainzer hatte mit seiner starken Vorlage zum 1:1 auf sich aufmerksam
gemacht. Trotzdem wollte niemand von ihm wissen, wie er den nach seiner
Verletzung noch nicht wieder in Topform befindlichen Jamal Musiala
einschätzt – obwohl Musiala sein direkter Konkurrent auf der Zehnerposition
ist. Diese Fixierung auf Leroy Sané als Störfaktor des deutschen Spiels ist
schon bemerkenswert.
25 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Rico Setz
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