# taz.de -- Leben ohne Social Media: „Nach zwei Wochen verbessert sich die psychische Gesundheit“
> Wie wirkt Social Media auf die Psyche? Die Psychologieprofessorin Julia
> Brailovskaia über die Mechanismen von Plattformen und was Abstinenz
> bringt.
IMG Bild: Schon 20 Minuten weniger Social Media am Tag können die psychische Gesundheit verbessern
taz: Frau Brailovskaia, was passiert bei Nutzer:innen, die regelmäßig viel
Zeit auf Social Media verbringen?
Julia Brailovskaia: Das hängt davon ab, wie sie Social Media nutzen. Denn
die Art der Nutzung ist viel entscheidender als der Faktor Zeit. Wir
unterscheiden zwischen passiver und aktiver Nutzung. Bei passiver Nutzung
werden Inhalte vor allem konsumiert. Da bekommen die Nutzenden das Gefühl,
die anderen führen ein richtig schönes Leben, sind ständig im Urlaub, auf
Partys und immer gut gelaunt. Probleme und Sorgen, die zu jedem Leben ja
dazugehören, sind nicht sichtbar. Das kann Neid hervorrufen,
Minderwertigkeitsgefühle und der [1][psychischen Gesundheit] schaden.
taz: Eine aktive Nutzung wäre also besser?
Brailovskaia: Leider nicht unbedingt. Wer viel selbst postet, hat zwar
schnell das Gefühl, beliebt zu sein, fühlt sich unterstützt und sozial
eingebunden. Kurzfristig kann das der psychischen Gesundheit guttun. Doch
auf Dauer entwickeln wir genau über diese positiven Gefühle eine starke
emotionale Bindung an soziale Medien. Und diese Bindung ist eng verknüpft
mit dem Drang, online zu sein, weiter zu posten, auf Kommentare zu
reagieren. Und das kann der psychischen Gesundheit ebenfalls schaden, hier
geht es dann in [2][Richtung Sucht].
taz: Wie solide ist der Forschungsstand?
Brailovskaia: Es gibt mittlerweile viele Studien. Nicht nur
Querschnittsstudien, also solche, bei denen Daten zu einem Zeitpunkt
erhoben werden. Sondern auch Längsschnittstudien, bei denen die
Teilnehmenden zu mehreren Zeitpunkten befragt werden. Und mittlerweile
haben wir auch experimentelle Studien. Wir wissen natürlich längst noch
nicht alles, haben aber schon eine solide Basis, um Aussagen über die
psychische Gesundheit treffen zu können.
taz: Wie gehen Sie bei einer experimentellen Studie vor?
Brailovskaia: Wir können natürlich keine Welt schaffen, in der Social Media
nicht existiert. Aber wir können die Nutzungszeit der Teilnehmenden
reduzieren. Gleichzeitig fördern wir bei ihnen Offlineaktivitäten, die zu
positiven Emotionen führen. Und wir sehen schon nach zwei Wochen, wie sich
die psychische Gesundheit verbessert und die emotionale Bindung an Social
Media zurückgeht. Positive Indikatoren wie Glück und Lebenszufriedenheit
gehen derweil hoch. Das gibt uns Hinweise darauf, dass tatsächlich kausale
Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung und psychischer Gesundheit
bestehen.
taz: Was sind das zum Beispiel für Offlineaktivitäten?
Brailovskaia: Wir haben es mit Sport ausprobiert, das funktioniert
wunderbar und mit Achtsamkeitsübungen. Aber das kann individuell
unterschiedlich sein. Wichtig ist: Es muss eine Aktivität sein, die einem
persönlich die Möglichkeit gibt, die eigenen Emotionen offline zu
regulieren.
taz: Hilft Reduktion ohne alternative Offlineangebote auch etwas?
Brailovskaia: Das haben wir auch untersucht. Es gibt ebenfalls einen
positiven Effekt, der ist aber geringer.
taz: Ist die Wirkung von Social Media auf Kinder, Heranwachsende und
Erwachsene unterschiedlich?
Brailovskaia: Jein. Die Wirkung ist bei allen relativ ähnlich, auch wenn
die individuelle Anfälligkeit für das Entwickeln einer Sucht oder
Cybermobbing natürlich unterschiedlich sein kann. Aber Kinder und
Jugendliche sind noch in der emotionalen, kognitiven, sozialen und
körperlichen Entwicklung. Wenn also bei ihnen die psychische Gesundheit
leidet, dann leiden alle anderen Entwicklungsaspekte ebenfalls. Negative
Folgen der Social-Media-Nutzung haben also bei ihnen besonders große
Auswirkungen.
taz: Ab welchem Alter sind denn Persönlichkeit und Impulskontrolle
weitgehend gefestigt?
Brailovskaia: Das ist schwierig zu sagen, weil jeder Mensch sehr
unterschiedlich in seiner Entwicklung ist. Manche 15-Jährige sind noch
nicht so weit wie andere 12-Jährige. Aber im Durchschnitt sollte man Kinder
und Jugendliche die ersten 13 bis 14 Jahre in jedem Fall besonders
schützen.
taz: Wann sprechen wir eigentlich von Social-Media-Sucht?
Brailovskaia: Es gibt sechs Merkmale. Dazu gehört unter anderem, dass man
nach und nach immer mehr Zeit online verbringen muss, um die gleichen
positiven Emotionen zu erzeugen. Dass man bei schlechter Stimmung direkt
auf Social Media geht, statt sich zu überlegen, wie man seine Emotionen
offline regulieren kann. Außerdem soziale Konflikte durch die starke
Nutzung sowie Entzugssymptome bei Nichtnutzung.
taz: Sie sagen aus Ihrer Forschung, dass schon etwas weniger Nutzung – etwa
20 Minuten weniger täglich – sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene
einen positiven Effekt hat. Was passiert da?
Brailovskaia: Es findet eine Umstrukturierung im Gehirn statt. Die Nutzung
wird bewusster. Der Automatismus, zum Smartphone zu greifen, geht zurück
und man schafft es, die Dienste dann zu verwenden, wenn man sie wirklich
braucht.
taz: Braucht es für diese Veränderung eine Einsicht? Oder hilft es auch,
wenn dem Betroffenen etwa durch die Eltern das Smartphone einfach
weggenommen wird?
Brailovskaia: Das kommt drauf an. Bei einigen Menschen funktioniert es ohne
Intervention von außen. Gerade wenn die Suchtmerkmale sehr stark ausgeprägt
sind, ist die äußere Kontrolle oft notwendig.
taz: Ein Problem für Sie als Wissenschaftlerin ist es, an die Daten für die
Nutzung heranzukommen. Sie führen natürlich selbst Studien durch, aber
eigentlich sind die Plattformen dazu verpflichtet, der Wissenschaft Daten
zur Verfügung zu stellen. Was passiert, wenn Sie einen Antrag stellen?
Brailovskaia: Nichts. Ich bekomme keine Daten.
taz: Sie müssten also klagen?
Brailovskaia: Vermutlich. Aber das kann keine Forschungsinstitution
bezahlen.
taz: Die Frage [3][Mindestalter ja oder nein] ist umstritten, auch in der
Wissenschaft. So gibt es etwa von der Leopoldina ein Votum dafür, vom
Ethikrat dagegen. Ist es letztlich eine Frage, wie man die einzelnen
Faktoren abwägt?
Brailovskaia: Ich habe ja an der Leopoldina-Stellungnahme mitgewirkt und
bin für ein Verbot. Aber, und das ist ganz wichtig: Ein Verbot allein
reicht nicht aus. Es braucht weitere Maßnahmen: Die Plattformen müssten
mindestens für Menschen unter 18, am besten aber für alle, die
suchtfördernden Mechanismen – die Algorithmen – abschaffen.
taz: Also zum Beispiel Autoplay und endloses Scrollen.
Brailovskaia: Genau, und Push-Nachrichten, personalisierte Werbung – alle
Designs, die darauf abzielen, die Nutzenden möglichst lange auf der
Plattform zu halten. Außerdem müssen Eltern und Lehrkräfte viel mehr
geschult werden zum Umgang mit Social Media. Und, was gerne vergessen wird:
Wir brauchen Investitionen in Angebote für Offlineaktivitäten. Wir brauchen
mehr Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, Sport zu machen, draußen zu
sein, sich positive Emotionen und Erfahrungen zu holen, außerhalb der
digitalen Welt.
25 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Svenja Bergt
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