# taz.de -- Im Glaskasten nach oben: Vorsicht an den Türen
> Einer ist schon drin. Im Aufzug an einem U-Bahnhof in Berlin-Kreuzberg
> kommt es zu einer Begegnung zwischen zwei Menschen.
Nächster Halt: Mehringdamm. Ich mache mich bereit. Die U6 steht, mein Blick
fixiert den Türknopf, wartet aufs grüne Licht … und los. Der Bahnsteig ist
voll, aus zwei U-Bahnen ergießen sich sintflutartig Fahrgäste, laufen wirr
durcheinander, aber ich hüpfe galant zwischen ihnen hindurch wie ein
Rehkitz im Märchenwald. Dann links an den Stehern vorbei die Rolltreppe
hoch, weiter zum Aufgang, aber Moment! Der Fahrstuhl steht völlig frei.
Kein Mensch weit und breit. Er ist sogar auf meiner Ebene, also los, los,
los! Ich erreiche ihn, drücke blitzschnell die große 0 neben der —1 und
atme aus. Erst als hinter mir die Tür schließt, sehe ich – da liegt jemand
in der Ecke.
Vor ihm sind Spritze, Löffel, Feuerzeug und Co ausgebreitet. Er ist
erstarrt, genau wie ich, und unsere Blicke liegen unsicher aufeinander.
Stadt- und Menschengeräusche sind hinter der Tür komplett verschwunden und
so fahren wir in absoluter Stille aufwärts durch den dunklen Schacht.
Die Sekunden dehnen sich bis in die Unendlichkeit. Zwei Menschen in ganz
verschiedenen Lagen fahren im Glaskasten Richtung Nullebene – und schweigen
betreten. Plötzlich strömt helles Licht durch die Glaswände und ich muss
kurz die Augen schließen. Die Tür öffnet, jedoch auf der anderen Seite,
seiner Seite, und sofort kehren die Stadtgeräusche in unsere Begegnung
zurück.
Der einzige Ausweg führt dicht an ihm vorbei und beinhaltet einen etwas
größeren Schritt über seine Utensilien. Hoffentlich hab ich gleich nichts
im Bein stecken, bete ich paranoid, mache meinen Doppelschritt und sage
„Sorry“. Mehr fällt mir nicht ein.
Meine Sohlen berühren das sichere Trottoir im blühenden Berliner Leben.
Autolärm, Touristen vorm Curry 36, eine Taube wirbelt Fritten durch die
Luft. Statt direkt weiterzurennen, schaue ich jetzt zurück und sehe nur
noch, wie die Tür sich schließt und der Glaskasten samt dem armen Kerl
darin ganz leise wieder im Boden versinkt.
25 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Maik Gerecke
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