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       # taz.de -- Straßen, Leitungen, intakte Moore: Der Kampf um den Begriff der „kritischen Infrastruktur“
       
       > Ein Gutachten empfiehlt der Bundesregierung, den Naturschutz in die
       > Sicherheitsarchitektur aufzunehmen. Die beschleunigt den Bau von
       > Parkplätzen.
       
   IMG Bild: Kesselmoor auf der Halbinsel Jasmund
       
       Straßen, Raststätten und Telefonleitungen können seit Freitag schneller
       gebaut werden. Das hat der Bundestag mit dem „Infrastruktur-Zukunftsgesetz“
       beschlossen. Moore wiedervernässen oder Wälder erhalten bleibt hingegen ein
       zäher Prozess. Dabei empfiehlt ein just ebenso am Freitag veröffentlichtes
       Gutachten eines hochrangigen Beratungsgremiums der Bundesregierung, „grüne
       Infrastruktur“ künftig als „kritisch“ einzustufen.
       
       Dies sei notwendig, „um Bevölkerungsschutz zu betreiben“, sagte die
       Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann der taz. Sie ist Co-Autorin [1][des
       Teilgutachtens „Umwelt prägt Sicherheit“] des Wissenschaftlichen Beirats
       der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Die Natur- und
       Sozialwissenschaftler:innen des WBGU wurde noch von der
       Ampelregierung eingesetzt. Das Teilgutachten „Umwelt prägt Sicherheit“ ist
       das erste Kapitel des Hauptgutachtens „Sicherheit – nachhaltig und
       integriert“, in dem es um die Rolle des Umwelt- und Klimaschutzes für die
       Sicherheitspolitik geht.
       
       Kernaussage des Gutachtens: Globale Umweltveränderungen wie der
       Klimawandel, der Verlust der Biodiversität und die zunehmende Verschmutzung
       seien Sicherheitsrisiken. Sie gefährdeten Menschen, gesellschaftliche
       Stabilität, wirtschaftliche Leistungskraft und die Handlungsfähigkeit von
       Staaten. Es sei daher dringend geboten, sie in nationalen wie
       internationalen Sicherheitsstrategien vorrangig zu berücksichtigen.
       
       [2][Kritische Infrastruktur] wird vom Bundesinnenministerium definiert als
       „Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen“, bei
       deren Ausfall dramatische Folgen wie etwa Versorgungsengpässe drohen.
       Derzeit umfasse das vor allem die sogenannte graue Infrastruktur – Straßen,
       Schienen oder Energienetze –, so das Gutachten des wissenschaftlichen
       Beirats. Die Autor*innen fordern, die natürliche Infrastruktur nun
       ebenfalls gesetzlich als „kritisch“ zu verankern.
       
       ## Starke Argumente für den Umweltschutz
       
       „Damit man juristisch eben auch das Argument hat zu sagen: Nein, dieses
       Moor darf jetzt nicht der Autobahn weichen, weil das auch kritische
       Infrastruktur ist“, erklärt Traidl-Hoffmann. Ökosysteme seien die
       natürliche Lebensgrundlage und als Puffer gegen Hitzewellen, Pandemien und
       Extremereignisse Teil des Bevölkerungsschutzes, heißt es im Gutachten.
       
       Bundesweit sollen dem Gremium zufolge die relevanten Flächen dokumentiert
       und Frühwarnsysteme entwickelt werden, die vor einer langsameren
       Verschlechterung der Ökosysteme warnen. Zudem müsse das Wissen über
       Umweltrisiken Teil der Ausbildung der Bundeswehr sein. Auch solle sich der
       nationale Sicherheitsrat stärker mit dem Schutz der natürlichen
       Infrastruktur befassen.
       
       Zur Finanzierung der Maßnahmen fordern die Autor*innen, dass neben
       staatlichen auch private Mittel mobilisiert werden. Die Hoffnung ist, dass
       Unternehmen künftig Klimarisiken selber besser erkennen und deshalb
       freiwillig in den Schutz investieren.
       
       Außerdem solle die [3][Entwicklungspolitik] zum Schutz der Ökosysteme
       „unter Leitung lokaler Akteure“ ausgebaut werden, heißt es im Gutachten.
       Als gut funktionierendes Beispiel für regionale Zusammenarbeit mehrerer
       Staaten nennen die Autor*innen das „Coral Triangle Initiative on Coral
       Reefs, Fisheries and Food Security“ zum Schutz von Korallenriffen,
       Fischerei und Ernährungssicherheit. Wenn solche Klimaprojekte gekürzt
       würden, sei das sehr kritisch, „weil dadurch letztendlich auch vor Ort
       Projekte fehlen, die dort Biodiversität und Ökosysteme stärken und so
       Sicherheit bei uns stärken“, sagt Traidl-Hoffmann.
       
       ## Bundesregierung beschleunigt Straßenbau
       
       Den Status als „überragendes öffentliches Interesse“ besitzt die „graue
       Infrastruktur“ – Straßen, Leitungen, Parkplätze – seit dem
       Bundestagsbeschluss vom Freitag. Künftig erhalten sie bei Abwägungen vor
       Gericht oder in Behörden den Vorrang.
       
       Nun kann das Geld aus dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für
       Infrastruktur und Klimaneutralität schneller verbaut werden als bislang.
       Laut erster Analysen wurden die Gelder langsamer abgerufen, als geplant.
       „Wir investieren Milliarden in unsere Infrastruktur“, sagte
       Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU). „Aber Geld allein saniert
       keine Brücken, modernisiert keine Schienen und beseitigt keine Engpässe.“
       
       Die Industrie begrüßt die Neuerungen: „Mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz
       hat der Bundestag ein wichtiges Signal für schnellere Planungs- und
       Genehmigungsverfahren gesetzt“, sagt Holger Lösch, stellvertretender
       Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).
       
       Weniger überzeugt sind die Umweltverbände.„Wir erleben mit diesem Gesetz
       einen Generalangriff auf den Klimaschutz“, sagt der Bundesgeschäftsführer
       der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Jürgen Resch. Denn um die Projekte künftig
       schneller umsetzen zu können, wird die „Umsetzung von Vorgaben des Natur-
       und Umweltschutzes in der Praxisanwendung vereinfacht“, heißt es im
       [4][Gesetz].
       
       Das bedeutet: Wenn bei einem Bauprojekt in die Natur eingegriffen wird,
       kann der Schaden künftig mit Geld kompensiert werden. [5][Bisher musste die
       beschädigte Natur zum Ausgleich an anderer Stelle wiederhergestellt
       werden]. Wie das Geld aus den Ersatzzahlungen eingesetzt wird, ist noch
       nicht klar.
       
       26 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/umwelt-praegt-sicherheit
   DIR [2] /Schutz-kritischer-Infrastruktur/!6163097
   DIR [3] /Studie-zu-Entwicklungspolitik/!6167669
   DIR [4] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw26-de-infrastruktur-zukunftsgesetz-1184312
   DIR [5] /Abbau-von-Umweltschutz-fuer-Strassenbau/!6137460
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Charlotte Gabel
       
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