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       # taz.de -- Landwirtschaft: Die Gemeinsame Europäische Agrarpolitik gehört abgeschafft
       
       > Die EU stellt zunehmend kurzfristige Wettbewerbsfähigkeit über
       > langfristige Ernährungssicherung und den Erhalt des Planeten. Ein
       > Plädoyer für einen Neuanfang.
       
   IMG Bild: Ausgetrocknetes Maisfeld in Brandenburg: Hitze und Trockenheit setzen der Landwirtschaft immer stärker zu
       
       [1][Hitzeperioden, Trockenheit, plötzliche Wassermassen], die die
       Humusschicht, also die oberste fruchtbare Bodenschicht, wegschwemmen. All
       das bedeutet nicht nur einen enormen wirtschaftlichen Druck für die
       landwirtschaftlichen Betriebe. Der Klimawandel stellt uns auch vor die
       Frage: Wie viele unserer Lebensmittel können wir in Zukunft noch in
       Deutschland oder der EU selbst produzieren? Und inwieweit können wir uns
       [2][auf Importe verlassen], wenn die Klimakrise überall und geopolitisch
       vieles unwägbar ist?
       
       Agrarbetriebe und unsere Ernährungssicherung brauchen dringend Antworten
       auf die Klimakrise. Der große Topf der EU-Agrarpolitik wäre dafür der
       wichtigste Hebel. Doch die in Brüssel diskutierten Vorschläge für eine
       Reform der gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) verfehlen diese Aufgabe
       komplett. Mehr Umwelt-, Tier- und Klimaschutz, mehr Schutz von Böden und
       Wasser – all diese Ziele verlieren gegen den Vorrang des Bürokratieabbaus.
       
       ## Eine Reform, die nicht in die Zukunft denkt
       
       Wie sehen die aktuellen Vorschläge aus? Brüssel gibt die Idee gemeinsamer
       Kriterien für die Landwirtschaft in der EU auf. Die Idee der EU war, einen
       gemeinsamen Markt mit gemeinsamen Standards zu schaffen. Jetzt droht ein
       Unterbietungswettbewerb bei Standards und Produktionsanforderungen. Zum
       Schaden von Verbraucher*innen, Umwelt und letztlich einer jeglichen
       anspruchsvollen Qualitätsproduktion.
       
       Außerdem leisten die Vorschläge zur Reform keinen Beitrag, um
       Zukunftsherausforderungen zu bewältigen und die Ernährung langfristig zu
       sichern. Es muss aber darum gehen, unabhängiger von fossiler Energie und
       von Importen zu werden, Wasser in der Landschaft zu halten und eine
       resiliente Ernährungsinfrastruktur aufzubauen. Wir brauchen gesunde Böden,
       ausreichend hohe Grundwasserspiegel und sauberes Trinkwasser.
       
       Bereits 2020 wurden über 290 Milliarden Euro für landwirtschaftlich
       bedingte Umwelt- und Klimakosten in der EU veranschlagt – Geld, das die
       Steuerzahler noch zusätzlich zu den Fördermilliarden aufbringen. Die
       [3][mächtige Lobby der Bauernverbände und des Agrobusiness] – Chemie- und
       Saatgutkonzerne – plädiert vehement für Hunderte Milliarden Agrarzahlungen,
       möglichst ohne jegliche politisch formulierte Anforderungen. Das gefährdet
       die europäische Ernährungssouveränität gleich doppelt.
       
       Die Landeigentümer profitieren, weil die Flächenprämien, also eine
       finanzielle Förderung pro bewirtschaftetem Hektar, an sie durchgereicht
       werden und der Bodenmarkt für außerlandwirtschaftliche Investoren damit
       immer interessanter wird. Den Nachteil haben nachhaltig oder ökologisch
       wirtschaftende bäuerliche Betriebe mit regionaler Verankerung.
       
       ## Mit wehenden Fahnen ins letzte Jahrhundert
       
       Es ist unverantwortlich, dass in der Debatte um die GAP das Morgen keine
       Rolle spielt. Bei der Verteidigungsfähigkeit, Innovationsschub bei neuen
       Technologien, der Unabhängigkeit in der Energieversorgung, überall wird das
       Klima, werden massive geopolitische Veränderungen mitgedacht – nur der
       Agrarbereich marschiert mit wehenden Fahnen ins letzte Jahrhundert.
       
       Währenddessen ist die Ernährungssicherung unter veränderten geopolitischen
       Bedingungen und der Klimakrise bei der Münchner Sicherheitskonferenz schon
       seit Jahren Thema. Hier weiß man, was uns blüht, wenn viele Regionen keine
       Lebensmittel mehr anbauen können oder aus politischen Gründen nicht mehr in
       die EU exportieren. In Deutschland liegt die Selbstversorgung bei Gemüse
       und Obst bei 20 Prozent. Wo soll es herkommen in Zukunft?
       
       Jahrzehntelang habe ich mich für Reformen eingesetzt. Der Reformwind hat
       sich jetzt allerdings um 180 Grad gedreht. In Brüssel wird – unterstützt
       durch die Bundesregierung – [4][die Axt an die grüne Architektur gelegt]
       und die EU-Agrarpolitik (GAP) [5][zurück in die 90er Jahre katapultiert].
       Als könnte man Probleme unserer Zeit einfach ignorieren.
       
       Es wäre ein Fehler, nur mit kleinen Veränderungen an den Entwürfen
       rumzubasteln und diese Art der Vergabe von Milliarden an Fördergeldern für
       die Landwirtschaft zu verteidigen.
       
       Die Forderung kann nur lauten: Lasst uns diese EU-Agrarpolitik abschaffen.
       Dabei wäre die konsequente Weiterentwicklung der EU-Agrarpolitik auf
       Nachhaltigkeit drängender denn je, um Landwirte und Landwirtinnen bei der
       Bewältigung der Folgen des Klimawandels zu unterstützen. Aber so, wie sie
       sich jetzt herausschält, geht sie in die völlig falsche Richtung.
       
       Wir müssen erhalten, was uns erhält. Müssen Wege unterstützen, um in der EU
       mehr pflanzliche Proteine statt tierische Produkte herzustellen. Ackerland
       intelligenter nutzen, statt heute 60 Prozent der Fläche für
       Tierfutteranbau. Ökolandbau oder Vergleichbares systematisch fördern,
       Trinkwasser schützen, ebenso mehr Fruchtfolgen statt Monokulturen mit
       sogenannter neuer Gentechnik. Denn: Ernährungssicherung ist kritische
       Infrastruktur.
       
       ## Es gibt eine Alternative
       
       Die GAP muss ersetzt werden durch ein neues, auf die Zukunft ausgerichtetes
       Finanzcluster im EU-Haushalt: „Ernährungssicherung in der EU“. Damit
       könnten wir den massiven Lobbyeinfluss der europäischen Bauernverbände, die
       stets nur eine weltweite Exportausrichtung, die Interessen der großen
       gewerblichen Betriebe und möglichst bedingungslose Geldzahlungen im Kopf
       haben, endlich beenden.
       
       Die Sicherung unserer Ernährung mittel- und langfristig zum Ziel zu machen,
       heißt, ganz andere Fachleute zusammen an den Tisch zu holen. Dann zählt die
       Kompetenz in Sachen Bodenschutz, Wassermanagement, Schutz der Biodiversität
       und des Klimas gegen Wetterextreme. Und natürlich die Landwirtschaft.
       
       Eine solche neue Struktur hätte die Chance, nicht nur immanent im alten
       agrarindustriellem System zu denken, sondern wirklich zu überlegen, was
       werden wir in fünf, zehn oder zwanzig Jahren eigentlich essen und wo kommt
       es her? Wie schaffen wir in der EU und mit unseren Nachbarn einen viel
       höheren Grad an Selbstversorgung?
       
       Nur wenn wir institutionell, Landwirtschaft, Klima, Wissenschaft,
       Umweltschützer, Wasserwerke zusammen an den Tisch holen, kann es gelingen,
       die entscheidende Aufgabe zu lösen – nämlich unsere Ernährung zu sichern.
       
       26 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Renate Künast
       
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