URI: 
       # taz.de -- Debatte über Social-Media-Verbot: Weimer will Plattformen in die Pflicht nehmen
       
       > Um Jugendliche vor riskanten Inhalten zu schützen, schlägt die
       > Familienministerin eine Altersgrenze vor. Der Kulturstaatsminister sieht
       > das anders.
       
   IMG Bild: Beim Jugendschutz im Netz fordert Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mehr Verantwortung und Alterskontrollen für Plattformen
       
       dpa/afp | Beim Jugendschutz im Internet hält es Kulturstaatsminister
       Wolfram Weimer (parteilos) für „richtig und wichtig, die Plattformen in die
       Pflicht zu nehmen“ für ihre Social-Media-Angebote. Die Verantwortung sollte
       nicht alleine auf Kinder und Eltern verlagert werden, sagte Weimer den
       Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die digitale Welt müsse sich an den
       Rechten, Bedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und
       Jugendlichen ausrichten und nicht umgekehrt, führte der Staatsminister aus.
       Er freue sich deshalb, dass [1][eine Expertenkommission für den „Kinder-
       und Jugendschutz in der digitalen Welt“] mit ihren Empfehlungen diese
       Haltung unterstütze.
       
       ## Gretchenfrage: Altersgrenze einführen oder nicht?
       
       Die von [2][Familienministerin Karin Prien (CDU)] eingesetzte Kommission
       schlug zur Frage von Nutzungsverboten für Kinder oder Jugendliche zwei
       Varianten vor. Entweder führe man für Social Media eine gesetzliche
       Mindestaltersgrenze von 13 Jahren ein oder man verzichte auf eine solche
       Grenze und lege auf EU-Ebene Altersbeschränkungen für Angebote fest,
       „sofern von ihnen besondere Wirkungs- oder Nutzungsrisiken ausgehen“.
       
       Prien setzt sich für eine Altersgrenze von 13 Jahren ein. Ausnahmen soll es
       aber für „nachweislich kindgerechte und risikoarme Angebote“ geben,
       darunter auch Messenger-Dienste. Weimer umriss seine Position so: „Wir
       verbieten unseren Kindern nicht, auf Social Media zu sein, sondern wir
       verbieten den Plattformen, ungehindert in unsere Kinderzimmer zu kommen.
       Das Verursacherprinzip sollte hier angewandt werden.“ Wichtig sei auch
       „eine kontrollierbare Altersverifikation, die den Plattformen verpflichtend
       auferlegt wird“.
       
       ## Experten sehen bessere Hebel
       
       Unabhängig davon, wie die konkreten Einschränkungen für die Nutzung
       sozialer Medien für Kinder und Jugendliche letztlich sein werden: ihr
       Erfolg wird an der Umsetzung gemessen. Aktuelle Daten aus Australien
       zeigen, dass die Altersverifizierung durch Social-Media-Plattformen stark
       zu wünschen übrig lassen kann. Auch Deutschland habe weniger ein
       Erkenntnis- als ein Umsetzungsproblem, meint der Entwicklungspsychologe
       Sven Lindberg.
       
       Ohne praktikable Altersüberprüfung bleibe jede Grenze nur Symbolik, betonte
       der Leiter der Klinischen Entwicklungspsychologie an der Universität
       Paderborn. Gerade wenn sich die Debatte auf eine Zahl verenge, drohe die
       eigentliche Aufgabe aus dem Blick zu geraten: die Gestaltung der
       Plattformen zu regulieren, die die Risiken erst erzeugen.
       
       Die Daten aus Australien weisen darauf hin, dass die Altersüberprüfungen
       durch die Unternehmen unzureichend sind und von vielen unter 16-Jährigen
       umgangen werden, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal The BMJ. Einer
       kleinen Umfrage zufolge schränken die gesetzlich festgelegten
       Beschränkungen die tatsächliche Nutzung darum bisher kaum ein.
       
       Australien hatte Ende 2025 als weltweit erstes Land ein gesetzliches
       Mindestalter von 16 Jahren für die Nutzung sozialer Medien eingeführt. Die
       Plattformen sollen gezielt verhindern, dass unter 16-Jährige Konten führen.
       Von gut 400 befragten australischen Jugendlichen im Alter von 12 bis 17
       Jahren gaben drei Monate nach Einführung der Beschränkungen satte 85
       Prozent an, weiterhin solche Plattformen zu nutzen, überwiegend über eigene
       Konten. Ein Drittel berichtete, bisher keine Altersverifizierungsmaßnahmen
       erlebt zu haben. Üblich waren ansonsten schwache Verfahren wie die Eingabe
       des Alters und das Hochladen eines Selfies. Es hapert also offenbar noch
       stark an der Umsetzung des Verbots.
       
       ## Kontrolle nicht Aufgabe von App-Entwicklern?
       
       Nach Ansicht von Antigone Davis, Sicherheitschefin des Facebook-Konzerns
       Meta, sollte es sowieso nicht in der Verantwortung der App-Entwickler wie
       Meta, sondern der von App-Store-Betreibern wie Apple und Google liegen,
       Altersverifikation und elterliche Kontrolle sicherzustellen, wie sie dem
       Stern sagte.
       
       Auch die derzeit in der EU diskutierten Ansätze zur Altersverifikation
       seien leicht zu umgehen, meint Tibor Jager, Professor für IT-Sicherheit und
       Kryptografie an der Bergischen Universität Wuppertal. Zudem drohten
       Jugendliche auf andere, noch problematischere Angebote wie Dark-Web-Seiten
       auszuweichen. Echter Schutz funktioniere anders – Jager zieht dabei einen
       Vergleich zum Straßenverkehr: „Wir schützen sie nicht, indem wir sie von
       der Straße fernhalten, sondern indem wir die Straße sicherer machen.“
       
       25 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Expertenkommission-zu-Social-Media/!6190138
   DIR [2] /Ergebnis-der-Social-Media-Kommission/!6188589
       
       ## TAGS
       
   DIR Big Tech
   DIR Social Media
   DIR Kinder
   DIR Jugendliche
   DIR Wolfram Weimer
   DIR Reden wir darüber
   DIR Social Media
   DIR Big Tech
   DIR Social Media
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Filmförderung unter Weimer: Abbruch statt Aufbruch
       
       Kulturstaatsminister Wolfram Weimer will die Filmförderung kürzen. Im
       vergangenen Jahr erst hatte er eine Erhöhung und Planungssicherheit
       angekündigt.
       
   DIR Social Media für Kinder: Der richtige Umgang beginnt bei den Eltern
       
       Politiker fordern strengere Regeln, Experten warnen der vor Suchtgefahr der
       Plattformen. Die Debatte ist wichtig. Aber sie beginnt am falschen Ort.
       
   DIR Leben ohne Social Media: „Nach zwei Wochen verbessert sich die psychische Gesundheit“
       
       Wie wirkt Social Media auf die Psyche? Die Psychologieprofessorin Julia
       Brailovskaia über die Mechanismen von Plattformen und was Abstinenz bringt.
       
   DIR Ergebnis der Social-Media-Kommission: Dann vielleicht doch besser das, was Karin Prien sagt
       
       Seit September beraten Expert:innen über den richtigen politischen
       Umgang mit den sozialen Medien. Die wichtigste Frage lassen sie einfach
       offen.
       
   DIR Social-Media-Verbot für Kinder: Australien war der Trendsetter
       
       Bildungsministerin Karin Prien will für Social Media eine Altersgrenze
       einführen und fragt Experten. Viele Länder gehen schon weiter als
       Deutschland.