# taz.de -- Hamburg bekommt einen Semra-Ertan-Platz: Eine, auf die keiner hörte
> Als Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit beging die Dichterin Semra Ertan
> 1982 in Hamburg Suizid. Nun wird sie dort mit einem Straßennamen geehrt.
IMG Bild: Die Dichterin und Aktivistin Semra Ertan wird nun in Hamburg gewürdigt
Nun also doch: Im Hamburger Stadtteil St. Pauli wird bald ein Platz nach
Semra Ertan heißen. Zwar nicht genau an der Stelle, aber auch nicht weit
weg von jener Kreuzung, [1][an der die damals 25 Jahre alte Lyrikerin]
[2][sich] [3][1982 das Leben nahm] – indem sie sich selbst verbrannte.
Ausdrücklich ein Zeichen gegen Ausgrenzung und grassierende
Fremdenfeindlichkeit war das, das hatte die Tochter türkischer
„Gastarbeiter“ wiederholt so angekündigt.
Dem spektakulären Suizid war ein Hungerstreik vorausgegangen: „Weil keiner
auf mich gehört hat“, hatte Ertan ganz kurz vor ihrem Tod noch dem
Norddeutschen Rundfunk gesagt. Und dass sie sich eigentlich schon am Tag
dieses Gesprächs habe „umbringen“ wollen „zwischen so vielen Leuten. Dass
sie wenigstens ein bisschen überlegen. 1961 habt ihr gesagt, herzlich
willkommen, Gastarbeiter! Aber nur für unsere Kraft. Wenn wir alle
zurückkehren würden, wer würde die schmutzige Arbeit machen?“
In den Morgenstunden des 26. Mai tat sie es dann tatsächlich: An der
Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/Detlef-Bremer-Straße übergoss sich Ertan
mit Benzin, das sie kurz zuvor an einer Tankstelle besorgt und in einen
Kanister gefüllt hatte. Nur zufällig bemerkte eine Polizeistreife die
brennende Frau und griff ein. Die schwer Verletzte verstarb zwei Tage
später im Krankenhaus. Beigesetzt wurde sie am 4. Juli im türkischen
Mersin.
## Erste Gedichte entstanden in Kiel
[4][Zuerst gewohnt hatte ihre Familie in Kiel], dort entstanden auch Ertans
erste Gedichte, noch in den 1970er Jahren. In der Edition Assemblage,
Münster, ist [5][ein zweisprachiger Band] herausgegeben worden – Titel:
„Mein Name ist Ausländer“.
Dass Ertans Suizid Nachahmungstaten inspirieren könnte, war lange ein
Argument gegen eine Ehrung dieser Frau. [6][Noch 2024 war das die
Begründung], als eine Platzbenennung ihr zu Ehren im Bezirk verhindert
wurde. Die Initiative gab sich kämpferisch und kündigte an, weiterzumachen
– denn Ertans Selbsttötung sei nur eine Facette, man wolle die ganze
komplexe Person gewürdigt sehen.
Das hat nun geklappt. Hamburgs „Senatskommission für die Benennung von
Verkehrsflächen“ hat beschlossen, den Platz zwischen Detlev-Bremer-,
Clemens-Schultz- und Annenstraße nach ihr zu benennen. Die demnächst
Geehrte habe „mit ihren Gedichten und politischen Texten ihre Stimme für
all jene erhoben, die in unserer Gesellschaft oft nicht gehört wurden“,
erklärte jetzt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Viele
Menschen hätten sich für diese Benennung eingesetzt. Der Platz im Herzen
von St. Pauli setze „künftig in Erinnerung an die Schriftstellerin ein
wichtiges und dauerhaftes Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit und
Diskriminierung“.
30 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Alexander Diehl
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