# taz.de -- Die Wahrheit: Wellenreiter auf wilden Winden
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (245): Im Liebesleben
> der Stare geht es so hoch her, dass manche Forscher baff sind.
IMG Bild: Stare sind zweistimmige Sänger: in der Oberstimme legato, in der Unterstimme stakkato Foto: reuters
„Nach bisherigem Kenntnisstand können Stare ihr ganzes Leben lang
hinzulernen und ihre Gesänge um die unterschiedlichsten Töne erweitern. Sie
sind genauso empfänglich für Töne anderer Vogelarten wie Spatzen, Amseln
oder Krähen und bauen auch Hundebellen, Katzenschnurren oder Froschlaute in
ihre Vorträge ein. In der Stadt imitieren sie die Geräusche anfahrender
oder bremsender Autos, Polizeisirenen und Baustellenlärm. Dadurch spiegeln
ihre Gesänge ihren Lebensraum und ihre verschiedenen Klangmuster“, schreibt
der Biologe Cord Riechelmann in seinem Buch „Vögel: Vom Singen, Balzen und
Fliegen“ (2021). Der Gesang sei für Stare „wesentlich ein
Gemeinschaftsereignis“, zudem könnten sie auch zweistimmig singen: „In der
Oberstimme legato, in der Unterstimme stakkato.“
Es gab in Berlin mal eine ganze Reihe von „Star-Listenern“ als sich in den
Bäumen am Berliner Dom allabendlich bis zu 40.000 Stare einfanden. Auch ein
Kunstprojekt befasste sich dort mit ihnen: „Stare über Berlin“ (2004).
Aber dann verschwanden die Stare nach und nach, bis dahin, dass man kaum
noch einen in der Stadt sah. Der Starforscher Riechelmann wich damals nach
Rom aus: „Dort sind die Stare mittlerweile zu einem Paradebeispiel der
wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Schwarmintelligenz geworden. Mit
dem schwächer werdenden Tageslicht versammeln sich im Herbst und Winter
fast fünf Millionen an dafür geeigneten Plätzen in Rom“, schrieb er in der
FAZ.
Wegen der Klimaerwärmung ziehen sie dort nicht mehr weiter nach Afrika.
„Besonders spektakulär wird dieses Wellenreiten tausender kleiner schwarzer
Vögel, wenn sich dem Schwarm ein Falke nähert. Dann sieht man den größeren
Falken in seinem Jagdflug auf den Schwarm zu sausen und darin verschwinden,
während sich die Starwolken um ihn immer dichter, fast zu einer Kugel
schließen und den Greifvogel in ihrer Mitte verschwinden lassen. Wenn der
Falke dann wieder herauskommt, wirkt er meist leicht verwirrt und ist in
der Regel ohne Beute geblieben.“
## Wieder einige Stare in Berlin
In den letzten Jahren habe ich überhaupt keinen Star mehr in Berlin
gesehen, aber nun sind doch wieder einige da. In Walter Sontags Buch „Das
wilde Leben der Vögel“ (2020) las ich, dass Stare „die bemerkenswerte
Tendenz haben, sich auf den Umgang mit anderen Tieren einzulassen“. Wenn
man ihnen nicht ins Gesicht blickt, kann man sich ihnen fast bis auf
Greifweite nähern. Dieses Verhalten könnte ihrer Not geschuldet sein. Das
Insektensterben, die Industrialisierung der Landwirtschaft und die
massenhaften Nestzerstörungen infolge von Fassadenisolierungsmaßnahmen
setzen den Staren derart zu, dass sie ebenso wie die Spatzen in Europa „auf
dem Rückzug“ sind.
Das Schwinden ihrer Nistmöglichkeiten kompensieren die Starenweibchen zum
Teil dadurch, dass sie wie Kuckucksweibchen ihre Eier heimlich in fremde
Starennester legen und mit ausbrüten lassen – in manchen Kolonien beträgt
die „Anzahl“ derart „parasitierter Nester“ laut Walter Sontag fast 40
Prozent. In Amerika, Australien und Südafrika, wo man sie eingeschleppt
hat, scheinen die Stare aber wohl noch nicht solche Nistprobleme zu haben,
denn sie vermehrten sich dort millionenfach und sind mancherorts bereits zu
einer regelrechten Landplage geworden.
Der besonders an einzelnen Vögeln interessierte Starforscher Walter Sontag
(„Jedes Vogelindividuum ist ein Solitär“) hielt jahrelang acht Lappenstare
aus Kenia in einer Voliere, um sie zu studieren. Für den Wiener Biologen,
der „mit ihnen regelrecht zusammen lebte“, stellte sich „die Begegnung mit
dem Einzelvogel ganz anders dar als für den Vogelkundler, der unter
bestimmten Gesichtspunkten gewisse Verhaltensäußerungen seiner
Beobachtungsobjekte im Freiland oder im Labor systematisch erfasst.“
Diese Vogelkundler, so kann man vielleicht sagen, denken sich intelligente
Experimente für ihre Stare aus, während Vogelkundler wie Sontag, die Stare
als „Familienmitglieder“ halten, sich für deren intelligente Experimente
begeistern.
Letzterer erwähnt einige Versuche mit wild lebenden Vögeln in der Bretagne
und in Apulien, bei denen die Stare „sehr uneinheitlich reagierten. Dieser
Befund belegt einmal mehr, dass das sogenannte arttypische Verhalten
vielfach eine Chimäre darstellt.“ So orientieren sich Stare anscheinend
inmitten von ortskundigen Artgenossen an deren Verhalten, bei
ortsunkundigen verlassen sie sich jedoch lieber auf ihre eigene Erfahrung.
Der NABU berichtet, dass sich Stare gern auf Weidetiere niederlassen, um
die sie plagenden Parasiten zu verzehren. Sontag erwähnt einen Star, dem
ein Hase erlaubte, ihn von seinen Zecken im Ohr zu befreien. Es handelte
sich dabei um einen asiatischen Hirtenstar, der, wie der Namen sagt, gern
auf Hausbüffeln pickt. Ansonsten halten sich Stare auch in der Nähe von
Krähenschwärmen auf.
Die (christlichen) Ornithologen interessieren sich seit jeher für das
Fortpflanzungsverhalten, nicht zuletzt, weil sie mit ihren schlechten Augen
die Vogelgeschlechter nicht gut auseinander halten können – und deswegen
lange Zeit dumpf davon ausgingen: Die Vogelpaare halten ein ganzes Leben
lang zusammen, so wie es Noah ihnen einst vorschrieb.
Inzwischen weiß man es jedoch besser. „So können männliche Stare zum
Beispiel über einen Harem von bis zu fünf Weibchen gebieten – mit
entsprechend verringerter oder gar ausfallender Brutpflege“, schreibt
Sontag. „Dabei ist die Erstfrau noch etwas privilegierter als die
‚Zweitfrauen‘, die sogar regelrechte ‚Alleinerzieherinnen‘ sind.“ Da waren
die europäischen Starforscher erst mal baff.
„Gestandene, rational argumentierende Soziobiologen“ machte es laut Sontag
vor allem „ratlos“, dass sich „etliche Starenweibchen auf bereits
‚vergebene‘ Männchen einließen“. Das wird auch heute noch nicht gern in den
westlichen Ländern gesehen. Für die männlichen Bigamisten gilt, wie
Starforscher in Flandern herausfanden, dass sie immerhin bei der Aufzucht
der Brut ihres Erstweibchens mithalfen. Für die gesamte Brut ihrer
Vielweiberei gilt aber wohl auch, dass sie für die wenigsten Nachkommen der
Vater waren. Wobei die asiatischen Männchen ihre Nebenbuhler weitaus
aggressiver zu vertreiben versuchten als die kenianischen und europäischen.
29 Jun 2026
## AUTOREN
DIR Helmut Höge
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