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       # taz.de -- Ihme-Zentrum in Hannover: Das Pokerspiel des Spekulanten
       
       > Drei Jahrzehnte dauert das Drama um den Beton-Koloss nun schon. Die Stadt
       > sucht nach juristischen Hebeln, um „Investor“ Ulrich Marseille
       > loszuwerden.
       
   IMG Bild: Traumhafte Lage, maroder Zustand: das Ihme-Zentrum mitten in Hannover
       
       Mittlerweile sehen selbst die Baustellenabsperrungen gammelig aus. Von dem
       verrottenden, bemoosten und Taubendreck-bedeckten, rohen Stahlbeton ganz zu
       schweigen. Als Filmkulisse wäre das gut. Für irgendein düsteres
       postapokalyptisches Drama, einen dystopischen Thriller oder eine Erzählung
       aus einem Bürgerkriegszerstörten Land.
       
       [1][Seit fast 30 Jahren verfällt das Ihme-Zentrum jetzt schon] – und das
       mitten in Hannover. Das gewaltige Bauwerk war einmal als Stadt in der Stadt
       geplant, eine Kreuzung aus Einkaufszentrum und Wohnanlage, mit
       Arbeitsplätzen und Freizeiteinrichtungen. Was man Ende der 60er-Jahre eben
       so für wahnsinnig modern hielt.
       
       Allerdings – und das gehört zu den verrückten Widersprüchen, die in diesem
       Koloss zu Hause sind – gilt das eigentlich nur für das Sockelgeschoss.
       Darüber, in den Wohntürmen an der Flussseite, befinden sich einige der
       schönsten Wohnungen, die diese Stadt zu bieten hat. Aber die sieht man halt
       von außen nicht.
       
       Das Erstaunlichste ist vielleicht, dass es immer noch Menschen gibt, die
       hartnäckig an dieser Utopie festhalten. In der „Zukunftswerkstatt“ haben
       sich Stadtplaner, Architekten, Künstler und Bewohner zusammen getan, die
       dieses Projekt retten wollen. Gerade haben sie die Bürgermeisterkandidaten
       zu einer Podiumsdiskussion vorgeladen. 400 Besucher kamen und mussten auf
       zwei Säle verteilt werden. Nur der CDU-Kandidat hat sich erfolgreich
       gedrückt.
       
       ## Von einem Investor an den nächsten weiter gereicht
       
       Aber was bleibt den Bewohnern auch anderes übrig: Viele haben ihre
       Altersvorsorge in eine der Eigentumswohnungen gesteckt. Außerdem lässt sich
       die riesige Betonburg mitten in der Stadt nicht einfach so beseitigen. Das
       verhindert schon das „größte gegossene Betonfundament Europas“, aber auch
       die irrwitzig komplizierten Eigentumsverhältnisse der rund 800 Wohnungen
       plus Studentenwohnheim plus circa 60.000 Quadratmeter Büro- und
       Gewerbeflächen.
       
       Diese Büro- und Gewerbeflächen werden, im Verbund mit einigen
       Mietwohnungen, seit den 90er-Jahren von einem „Investor“ an den nächsten
       durchgereicht, zwischendurch wurden sie auch einmal zwangsverwaltet. Immer
       gibt es große Versprechungen und tolle Ideen und dann passiert genau gar
       nichts. Und immer, wenn man denkt, das würde jetzt ewig so weitergehen, tut
       sich wieder eine neue Wendung auf. Aktuell sind das zwei: Es ist Wahlkampf
       in Hannover. Und es ist ein neuer Bösewicht im Spiel.
       
       [2][Nachdem der Finanzjongleur Lars Windhorst hier die Segel gestrichen]
       und die für das Ihme-Zentrum zuständige Projektgesellschaft (PIZ) in die
       Pleite rutschen lassen hatte, war diese Stelle vorübergehend unbesetzt.
       Bald schälte sich heraus: Windhorst hatte eine Grundschuld von 290
       Millionen Euro auf das Ihme-Zentrum eintragen lassen – zugunsten des
       Unternehmers Ulrich Marseille, seiner MK Kliniken AG und seiner Held Bau
       Consulting Projekt Steuerungsgesellschaft.
       
       Diese Schulden überschreiten den Wert der Immobilie um ein Vielfaches – und
       vor allem verhindern sie, dass hier irgendjemand ernsthaft investiert. Bei
       dem Sanierungsstau würde es ohnehin Jahrzehnte dauern, bis mit diesem
       Objekt wieder Geld zu verdienen wäre. Wenn man vorher auch noch Marseilles
       Ansprüche bedienen muss, wird es ökonomisch komplett irrsinnig.
       
       ## Vom Pflege-Imperium zum Trump-Tower
       
       Schon seit einer Weile sucht die Stadt deshalb nach juristischen Hebeln, um
       diese verfahrene Situation aufzubrechen. Zwei Schritte hat sie angekündigt:
       Erstens will man den Bebauungsplan neu aufstellen. Bei einer näheren
       Prüfung hatte sich herausgestellt, dass der alte aufgrund eines Formfehlers
       ohnehin nie gültig war. Mit dem Bebauungsplan – so das Kalkül – könnte man
       eine Reihe von Auflagen schaffen, die das Ganze für Spekulanten unattraktiv
       machen und zu grundlegenden Sanierungen zwingen.
       
       Vorher will sie aber dem Insolvenzverwalter einen Kredit über eine Million
       Euro gewähren, damit dieser die irrwitzige Grundschuld anfechten kann.
       Ulrich Marseille kann das natürlich nicht gefallen. Er behauptet
       öffentlich, das Ihme-Zentrum nun selbst entwickeln zu wollen. Das haben
       alle anderen „Investoren“ auch immer gesagt.
       
       Marseille hat sein Vermögen durch den Aufbau einer Pflegeheim- und
       Klinikkette in den 90er-Jahren begründet – weil er die historische Chance
       witterte. Ein noch nicht übermäßig reguliertes Heimwesen, günstige Objekte
       im Osten, Kredite der KfW und der stetige Cashflow aus der Pflegekasse
       haben dazu beigetragen.
       
       [3][Seither macht Marseille aber vor allem mit spektakulären
       Gerichtsverfahren] und politischer Irrlichterei von sich reden. Eine Zeit
       lang engagierte er sich für die Schill-Partei, später spendete er wieder an
       die FDP. Er scheiterte damit, einen deutschen Trump-Tower zu errichten,
       schied von diesem wie von vielen anderen ehemaligen Partnern im Streit.
       
       Im Hinblick auf das Ihme-Zentrum glauben viele, dass er pokert. Er droht
       mit langwierigen Gerichtsverfahren. Versucht er so zumindest eine Abfindung
       herauszuschlagen?
       
       Dieses hochklassige Pokerspiel ist vor allem für die Wohnungseigner und
       kleinen Gewerbetreibenden, die im Ihme-Zentrum ausharren, eine harte
       Nervenprobe. Viele haben es der Stadt übel genommen, dass sie sich hier
       herausgezogen hat.
       
       Erst, indem sie ihre Mietverträge kündigte, was dazu führte, dass der PIZ
       die letzten Einnahmen wegbrachen. Dann, indem sie ihre eigenen Mini-Anteile
       an den Gewerbeflächen, die zu der städtischen Kita in dem Komplex gehören,
       in eine eigene GmbH verschob – um so zu verhindern, dass am Ende der
       Steuerzahler draufzahlt. Immerhin ist die Stadt der einzige gewerbliche
       Eigner, der nicht pleitegehen kann.
       
       Die Ihme-Zentrums-Fans wünschen sich natürlich etwas anderes: ein positives
       Signal des Aufbruchs, zum Beispiel. Schon lange fordern sie, dass man die
       Wege (darunter eine Veloroute), die durch das Ihme-Zentrum führen, zu
       öffentlichem Grund umwidmet. Und im zweiten Schritt das ganze Ding zum
       Sanierungsgebiet erklärt, um dann noch mehr öffentliche Fördermittel
       einsetzen zu können.
       
       Doch in der gegenwärtigen Situation ist das heikel: Jede Wertsteigerung der
       Immobilie steigert auch den Wert von Marseilles Grundschulden. Jede
       Aussicht auf einen ernsthaften Investor steigert seine Aussicht, doch noch
       etwas herauszuschlagen.
       
       ## „Enteignung“ ist leichter gesagt als durchgesetzt
       
       Sowohl der grüne Oberbürgermeister Belit Onay als auch die OB-Kandidatin
       der Linken, Maren Kaminski, haben deshalb schon das schöne Schlagwort
       „Enteignung“ ins Feld geführt. Onay, weil er damit eine weitere Drohkulisse
       gegenüber Marseille aufmachen kann. Kaminski, weil das gerade die linke
       Antwort auf alles ist.
       
       Erstaunlicherweise fragt bei der Podiumsdiskussion der Zukunftswerkstatt
       keiner nach. Als ob alle davon ausgehen, dass man eine Enteignung auf
       kommunaler Ebene mal eben so beschließen und durchsetzen könnte und es
       reiner Zufall ist, dass dies in der Geschichte der Bundesrepublik bei
       Immobilien dieser Art so gut wie nie vorgekommen ist.
       
       In Wirklichkeit müsste natürlich mindestens eine Entschädigung gezahlt
       werden, in diesem Fall wären das grob geschätzte 80 Millionen Euro
       Verkehrswert, dazu würden dann die Sanierungskosten von ebenso grob
       geschätzten 100 Millionen Euro kommen. Das überlegt sich eine klamme Stadt
       schon zweimal.
       
       Außerdem müsste die Stadt nachweisen, dass sie alle anderen Möglichkeiten
       ausgeschöpft hat und es ein berechtigtes öffentliches Interesse gibt. Das
       ist ein langwieriges und unsicheres gerichtliches Verfahren. Es gibt die
       vage Hoffnung, dass das [4][von Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD)
       geplante Baugesetz-Upgrade hilft.]
       
       Es soll unter anderem dafür sorgen, dass Kommunen leichter gegen
       Schrottimmobilien vorgehen können – wobei man im Bauministerium sicher
       nicht an ein Objekt dieser Größenordnung gedacht hat. Aber vielleicht kann
       das Ihme-Zentrum ja ein weiteres Mal Geschichte schreiben.
       
       28 Jun 2026
       
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