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       # taz.de -- Lärmbelästigung: Jetzt seid doch mal leise
       
       > Die Deutschen fühlen sich so sehr vom Lärm gestört wie kaum ein anderes
       > europäisches Volk - und das seit über 100 Jahren. Annäherung an ein
       > Reizthema.
       
   IMG Bild: Das unnötige Verursachen von Lärm steht in Deutschland unter Strafe
       
       Deutsche haben ein Problem mit Lärm; das scheint international bekannt zu
       sein. Die britische BBC [1][schrieb schon 2016] über das Phänomen,
       verknüpfte es mit Johann Wolfgang von Goethes Protesten gegen den Bau einer
       Kegelbahn sowie den Ohropax – einer Erfindung aus Berlin. Sogar über den
       Krach, den Kinder machen, so stellte man bei dem Sender erstaunt fest,
       würde man sich in Deutschland beschweren.
       
       Blickt man in die Internet-Community Reddit, so stoßen zahlreiche Expats in
       ein ähnliches Horn. Was hat es mit diesen Ruhezeiten auf sich? Darf man
       abends nicht staubsaugen? Kommt wirklich die Polizei, wenn man nach 22 Uhr
       einen Nagel einschlägt? Gut möglich. Laut [2][einer EU-Statistik für das
       Jahr 2023] fühlten sich 25,2 Prozent der Deutschen erheblich von dem
       gestört, was außerhalb der eigenen Wände vor sich ging.
       
       André Fiebig leitet die Arbeitsgruppe „Psychoakustik und Lärmwirkungen“ am
       Fachgebiet Technische Akustik der TU Berlin. Lärm, so sagt er, sei
       prinzipiell zweierlei: sowohl subjektives Empfinden als auch ein objektiv
       wirksames Phänomen mit potenziell ernsthaften gesundheitlichen Folgen. „Das
       Geräusch an sich ist noch kein Lärm“, erklärt er, „Erst wenn es auf einen
       Betroffenen trifft, der es als negativ, beeinträchtigend oder störend
       interpretiert, wird es zu Lärm.“ Leise Geräusche können also genauso als
       Lärm wahrgenommen werden wie laute – abhängig davon, wie wir sie bewerten.
       Ein Rockkonzertbesucher würde zum Beispiel ein dröhnendes Schlagzeug nicht
       als Lärm empfinden. Bei einem klassischen Konzert kann hingegen ein leises
       Räuspern aus dem Publikum schon als Krach gelten.
       
       Gleichzeitig warnt Fiebig, dass gesundheitliche Gefahren auch auftreten
       können, ohne dass die Betroffenen den Lärm bewusst wahrnehmen: Nächtlicher
       Verkehrslärm könne den Schlaf stören, selbst wenn man glaubt, sich daran
       gewöhnt zu haben.
       
       Die Wissenschaft unterscheidet dabei zwischen auralen Wirkungen, die das
       Gehör direkt betreffen, und extraauralen Wirkungen, die stressbedingt sind
       und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein erhöhtes Depressions- oder
       Diabetesrisiko umfassen.
       
       ## In Berlin gibt es das „Merkblatt zur Hausmusik“
       
       Ein berühmtes Plakat zum Thema stammt aus dem Jahr 1960 von dem Schweizer
       Grafiker Josef Müller-Brockmann. „Weniger Lärm“ steht in orangefarbenen
       Lettern über dem Gesicht einer Frau, die sich die Ohren zuhält. Das Plakat
       wurde im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Lärmbekämpfung
       entwickelt. Von seinen ästhetischen Qualitäten abgesehen, ist es ein immer
       noch valides Beispiel für die von Fiebig eingeführten Wirkungen. Es
       transportiert plastisch Unbehagen. Und man sieht dem gequälten Blick der
       Abgebildeten durchaus an, dass dieses Unbehagen aus dem Gehör in den Rest
       des Körpers sickert – also extraaural wird.
       
       Für eine weitere ikonische Abbildung dieser Art zeichnet der Münchner
       Karikaturist Ernst Hürlimann verantwortlich. Zu sehen sind zwei Fahrgäste
       in der S-Bahn. Der eine liegt im Sitz wie ein Sack nasse Wäsche, die Augen
       geschlossen, auf der Brust einen tragbaren Kassettenrekorder; er trägt enge
       Jeans und Spitzschuhe, Kopfhörer bedecken die Ohren. Daneben ein Herr mit
       Hut, der Zeitung liest und sich die Ohren zuhält; sogar sein Dackel jault,
       denn: „Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn juckt’s im Trommelfell“,
       wie über der Abbildung zu lesen ist. Von 1986 bis in die 1990er-Jahre hing
       dieses Plakat in jeder Münchner S-Bahn.
       
       Der Lärmschutz ist in Deutschland heute in einem vielschichtigen
       Normensystem geregelt. Paragraf 117 des Ordnungswidrigkeitengesetzes stellt
       das unnötige Verursachen von Lärm unter Strafe. Hinzu treten spezielle
       Vorschriften des Bundesimmissionsschutzrechts sowie verschiedenste
       kommunale Lärmschutzverordnungen. So greift etwa in München [3][eine
       „Hausarbeits- und Musiklärmverordnung“], die bemerkenswert detailliert den
       Einsatz von Graskantenschneidern mit Verbrennungsmotor regelt (nur von
       Montag bis einschließlich Samstag zwischen 9 Uhr und 12 Uhr sowie von
       Montag bis einschließlich Freitag von 15 Uhr bis 17 Uhr). In Berlin ist
       besonders das „Merkblatt zur Hausmusik“ hervorzuheben, das seine Verweise
       auf das „LImSchG Bln“ (Landesimmissionsschutzgesetz Berlin) immerhin mit
       Clip-Art-Abbildungen verschiedener Musikinstrumente auflockert.
       
       Bundesweit anerkannt ist eine Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr sowie die
       Sonn- und Feiertagsruhe, wobei auch hier Ausnahmen möglich sind. So hat das
       Bundesumweltministerium zum Beispiel zur derzeit laufenden
       Fußballweltmeisterschaft der Männer eine „Public-Viewing-Verordnung“
       beschlossen. Darin ist [4][genauestens geregelt], für welche Spiele zu
       welchen Anstoßzeiten das gemeinsame Schauen im Biergarten okay ist und für
       welche nicht. In der Summe ist das ein differenziertes Regime, das den
       Umgang mit Geräuschen im Alltag bemerkenswert detailliert ordnet.
       
       ## Laute Telefonate lösen interessanten Mechanismus aus
       
       Dass Lärm in Deutschland so häufig zum Gegenstand von Vorschriften und
       Ermahnungen wird, ist historisch gewachsen. Bereits im 19. Jahrhundert
       reagierten zahlreiche Städte mit Polizeiverordnungen auf die zunehmende
       Geräuschkulisse der Industrialisierung; Lärmquellen wie der zunehmende
       Eisenbahnverkehr, das Pfeifen der Dampfmaschinen und, ach, das
       Peitschenknallen von Kutschern oder das laute Anpreisen von Waren gehörten
       zu den Problemen.
       
       Theodor Lessing, ein Hannoveraner Philosoph und Publizist, veröffentlichte
       1908 „Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“. In
       dem Essay analysierte er die wachsende Geräuschkulisse der Großstadt und
       deutete sie als Symptom einer gesellschaftlicher Verrohung, unter der vor
       allem die Geistesarbeiter:innen zu leiden hätten. Er betrachtete den Lärm
       nicht nur als physische Belastung, sondern auch als kulturelles Phänomen,
       das Rücksichtnahme und Feinsinnigkeit auf die Probe stellte.
       
       Auf dieser Basis gründete er einen „Anti-Lärm-Verein“ und gab das
       Periodikum Der Anti-Rüpel heraus, in der er konkrete Maßnahmen gegen Lärm
       diskutierte. Lessings Einlassungen wirken heute teilweise klassistisch,
       aber durchaus aktuell. Zwar mag der Peitschenknall, den auch er anprangert,
       ein seltenes Ereignis im öffentlichen Straßenverkehr geworden sein. Der
       ebenfalls von ihm genannte Lärm (und die tödliche Gefahr) eines
       Automobilrennens scheinen hingegen ebenso kontemporär wie „das Bellen und
       Heulen der Hunde zur Nachtzeit“ oder „Gesang und Instrumentalspiel eines
       Dilettanten“.
       
       Den kennen etwa Berliner:innen aus der S-Bahn, die vermeintlichen
       Dilettanten verfügen mittlerweile über Verstärker und beherrschen genau
       drei Lieder: „Hit The Road, Jack“, „Besame Mucho“ und „When The Saints Go
       Marchin’ In“. Dazu kommen neue Lärmquellen, etwa von den verschiedenen
       Mieträdern und -rollern, die in fast allen Metropolen den öffentlichen Raum
       bevölkern. Die spielen eine kleine Melodie, wenn man sich an- und abmeldet,
       geben Laut, wenn der Akku ausgetauscht werden muss, und schlagen Alarm,
       wenn man sie unautorisiert bewegen müsste. Kulturpessimist:innen klagen:
       Die Masse dieser Mikrogeräusche sorgt für eine zusätzliche Belastung.
       
       Lärmforscher Fiebig sagt allerdings, dass sich diese Entwicklung weder
       eindeutig bestätigen noch widerlegen lasse, da derlei kumulative Effekte
       bisher wenig untersucht würden. In der Forschung richte sich die Bewertung
       der akustischen Umwelt vor allem an Verkehrs-, Industrie- und Gewerbelärm.
       Und: Es gebe kaum Daten, um objektiv zu vergleichen, wie laut öffentliche
       Plätze vor 20, 50 oder 60 Jahren waren.
       
       Unfreiwillig mitgehörte Telefonate lösten aber einen interessanten
       Mechanismus aus. „Wenn Menschen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln laut
       telefonieren, hat das einen hohen Informationsgehalt. Unser Gehirn versucht
       automatisch, Sprache zu entschlüsseln. Diese Dekodierung können wir kaum
       unterdrücken. Dadurch entsteht eine starke Ablenkung, was als besonders
       störend empfunden wird – selbst wenn die Lautstärke objektiv nicht extrem
       hoch ist.“
       
       Nun telefonieren nicht nur die Deutschen manchmal eine Spur zu laut. Und
       auch in anderen Ländern gehören Mietroller zum Straßenbild. Die
       Empfindsamkeit der Deutschen besitzt aber mittlerweile sogar eine
       offizielle Beglaubigung: Auf deutschland.de, immerhin ein offizielles
       Angebot des deutschen Außenministeriums, wird Einwander:innen und allen,
       die es werden wollen, [5][ein Rat mitgegeben]: „Life creates noise.
       Everywhere and even in Germany. Here, however, noise has fixed office
       hours“, auf Deutsch: „Das Leben macht Lärm. Auch in Deutschland. Aber hier
       hat der Lärm feste Geschäftszeiten.“ Es klingt fast, als wäre man ein
       bisschen stolz darauf.
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.bbc.com/news/world-europe-35122755
   DIR [2] https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/ilc_mddw01$defaultview/default/table?lang=en
   DIR [3] https://stadt.muenchen.de/rathaus/stadtrecht/vorschrift/340.html
   DIR [4] https://www.berlin.de/umwelt/themen/laerm/artikel.1669891.php
   DIR [5] https://www.deutschland.de/en/topic/life/dos-and-donts-in-germany-just-make-sure-you-avoid-these-mistakes
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jochen Overbeck
       
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