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       # taz.de -- Fußball und Kunst: Feministisches Update für den Gästeblock
       
       > Aleen Solaris Ausstellung „Tribute to Bicce“ zeigt in der Kunsthalle
       > Osnabrück eine kluge, kühne Rauminstallation, die für Diversität kämpft.
       
   IMG Bild: Pinker Gäste-Sektor: Aleen Solari dekonstruiert Fan-Rituale in der Kunsthalle Osnabrück, Courtesy die Künstlerin
       
       Kunst und Fußball haben keine große Schnittmenge. Ginge es nach Aleen
       Solari, würde sich das ändern. Ihre Ausstellung „[1][Tribute to Bicce]“
       tritt an, „Blasen zu zerstechen“, sagt [2][die Hamburger Künstlerin] der
       taz. „Das sind Welten, die voneinander profitieren können.“
       
       Wer die Rauminstallation betritt, Teil des Jahresprogramms „Raumordnung“
       der Kunsthalle Osnabrück, steht vor der Rückfront eines stilisierten
       Stehplatzgästeblocks, Wellenbrechersicherheitsbügel inklusive, mit
       originalen „Fotzen“-Stickern drauf. Metallicwurfstreifen warten auf die
       Kehrmaschine, leergetrunkene Packungen CapriSun Orange, glimmende
       Pyroreste.
       
       Doch damit hört das Erwartbare auf. Der Block ist in betont weiblichem Rosa
       gestrichen. Banner und Fahne, wie nach dem Spiel vergessen, zeigen
       neutrales Friedensweiß. Zu seinen Füßen explodiert, sehr physisch, ein
       Fanszene-Battle, dessen Kämpfer allesamt verwundet wirken, versehrt.
       
       Hier eine Sturmhaube, dort ein skelettierter Fuß. Hände und Gesichter
       fehlen, Kleidung hängt in Fetzen. Leiber taumeln, verrenken sich wie in
       Flucht, in Qual. Es wird gerannt, gedroht, angegriffen. [3][Maskulines
       Dominanzgebaren zeigt sich], Härte, Panzerung.
       
       Aber wer genau hinsieht, sieht die Brüche. Männlichkeit und Weiblichkeit
       verschmelzen, Martialität und Sanftheit. Hier taucht plötzlich ein
       verspieltes Bauchnabelpiercing auf, dort ein Hauch von Spitzendessous. Die
       Marke „The North Face“ wird zu „The North Fotze“.
       
       „Fotze“ steht (als „6otz5“) auch auf den gläsernen Handtaschen im
       imaginären Cateringbereich, die als Mülleimer für die winzigen
       Plastikbecher dienen, in denen von Personen betont fluider
       Geschlechtlichkeit Protein-Shots mit Erdbeergeschmack ausgeschenkt werden –
       ungekühlt, was kein Vergnügen ist.
       
       Die Häufigkeit, in der dieser sexistische Abwertungsbegriff in der Schau
       auftaucht, unterstreicht, um was es Solari geht: die Demontage
       heteronormativer Rollenbilder. Die Fan-Subkultur, mit ihren skurrilen
       Männlichkeitsritualen und ihrer Ausgrenzungsenge, aber auch mit ihrer
       Diversität, ihrer Gemeinschafts- und Identitätsstärkung, steht für sie
       nicht nur für die Gesamtgesellschaft, sondern auch für die Hoffnung auf
       progressiven Wandel.
       
       ## Die Engstirnigkeit überwinden
       
       Denn wer ein patriarchales Schimpfwort wie „Fotze“ in emanzipatorischem
       Aufbegehren als Selbstbezeichnung nutzt, wie es auch im Fußball geschieht,
       bei Männern wie bei Frauen, raubt ihm seine verletzende Macht. Auch der
       Titel „Tribute to Bicce“ erklärt sich so. Das altenglische Bicce, das
       moderne Bitch, bedeutet: Hündin. Ein negatives Wort, zeigt Solari, [4][kann
       durch Reclaiming zu einem positiven werden], Klischees lassen sich
       aufbrechen.
       
       Solaris Fußballfans (sie ist selbst einer, im realen Leben) sind aus
       Drahtgeflecht, Styropor, Metallfolie, Pappe. Grotesk wirken sie, monströs,
       ungeschlacht, unfertig. Aber gerade deshalb zeigen sie: Zu Füßen des
       Gästeblocks erstreckt sich ein Möglichkeitsraum, ein Raum der Erprobung
       neuer Rollen. Klug ist das.
       
       Wer im Gästeblock steht, muss sich mit der Sprache, der Gestik, dem
       Wertesystem der Gastgeber auseinandersetzen, muss seine eigene Sprache,
       seine eigene Gestik, sein eigenes Wertesystem überdenken. „Tribute to
       Bicce“ ist also eine Versuchsanordnung zur Überwindung der Engstirnigkeit.
       
       ## Ruf nach mehr Vielfalt
       
       Solari fügt dem Jahresprogramm „Raumordnung“ einen sozialen Raum hinzu, als
       Ruf nach mehr Vielfalt. Das ist herausfordernd.
       
       Warten wir ab, ob die örtliche CDU, die unter Missachtung des Grundrechts
       der Kunstfreiheit Mitte 2024 provinz-kleingeistig [5][zum Boykott von
       Sophia Süßmilchs Kunsthallenausstellung „Then I’ll huff and I’ll puff and
       I’ll blow your house in“ aufrief], wegen angeblich inakzeptabler Groteske
       und Verstörung, diesmal die Füße stillhält.
       
       Dass „Tribute to Bicce“ während der Fußball-Weltmeisterschaft läuft, ist
       übrigens „reiner Zufall“, betont Solari. Kleiner Tipp, um hier trotzdem
       eine Brücke zu schlagen: Die Kunsthalle könnte Nationalspieler David Raum
       bitten, „Raumordnung“ zu kommentieren. Vielleicht gäbe der linke
       Verteidiger von RB Leipzig ja einen guten Verteidiger der Kunst ab.
       
       Am Ende eine Warnung: Der Auftakt zu „Raumordnung“ umfasst neben „Tribute
       to Bicce“ auch Lena Marie Emrichs „I left the window open for you“ und
       Julia Miorins „Träume von Räumen“. Nur Solari lohnt den Besuch.
       
       7 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://kunsthalle.osnabrueck.de/en/programm/ausstellungen/tribute-to-bicce
   DIR [2] https://aleensolari.com/
   DIR [3] /Sexismus-im-Profifussball/!6142266
   DIR [4] /Feministisches-Reclaiming/!6138540
   DIR [5] /CDU-ruft-zum-Boykott-auf/!6014587
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Harff-Peter Schönherr
       
       ## TAGS
       
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