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       # taz.de -- Erdbeben in Venezuela: Häuser und Staat liegen in Trümmern
       
       > Die Reaktion der venezolanischen Behörden auf das Erdbeben zeigt, wie
       > unfähig der Staat inzwischen ist.
       
   IMG Bild: Ein Doppel-Erdbeben innerhalb von 39 Sekunden verursacht in Venezuela schwere Verwüstungen
       
       Der Umgang von Regierungen mit Naturkatastrophen kann ihr Schicksal wenden.
       Handelt sie entschlossen im Sinne der Menschen, bringt das Anerkennung,
       geht sie auf die Bedürfnisse nicht ein, stürzt sie.
       
       In Venezuela offenbart die Situation nach den beiden aufeinanderfolgenden
       Erdbeben vom Mittwoch eine schmerzhafte und ernste Realität: Die von Delcy
       Rodríguez geführte Regierung lässt die Bevölkerung genauso schutzlos, wie
       sie es seit Jahren erleidet.
       
       „Wir sind auf uns allein gestellt. Hier ist niemand gekommen“, sagen die
       Bewohner von La Guaira, dem Epizentrum des Erdbebens, wo mehr als 100
       Gebäude eingestürzt sind und die überlebenden Anwohner die Sucharbeiten
       nicht eingestellt haben, um Überlebende zu retten.
       
       Alle, die helfen, sind einfache Bürger, die eigenständig Konvois
       organisiert haben, um Lebensmittel und Werkzeuge zu transportieren und
       Verletzte in Versorgungszentren zu bringen.
       
       Plündernde Polizeibeamte 
       
       Jeder Bericht bestätigt eine Tatsache: Es gibt keinen Militäreinsatz zur
       Unterstützung. Es gibt Videos, die belegen, dass Polizeibeamte an
       Plünderungen beteiligt waren.
       
       Die chavistische politische Kraft ist nicht präsent, und die Opposition
       stößt an Grenzen. Es gibt betroffene Gebiete, die völlig ohne Hilfe sind.
       Und die wenigen lokalen Rettungskräfte verfügen nicht über die notwendigen
       Hilfsmittel, um die Rettungsarbeiten zu beschleunigen.
       
       Der politische Analyst Luis Peche Arteaga sieht es ganz klar: „Für Delcy
       Rodriguez ist das ein gefährlicher Punkt politischer Instabilität (…), denn
       letztendlich werden die Grenzen des regierenden Chavismus bei der Lösung
       alltäglicher Probleme auf sehr drastische Weise deutlich.“
       
       Der Experte spricht nicht von den Maßnahmen in den ersten Stunden nach dem
       Erdbeben, die er allerdings als unzureichend erachtet. Er bezieht sich auf
       die gesamte Handlungsstrategie, die die Übergangsregierung danach umsetzen
       könnte.
       
       „La Guaira liegt eine Stunde von Caracas entfernt, und der Staat hat es
       nicht geschafft, dorthin zu gelangen. Das sind Einschränkungen, die die
       Ablehnung durch die Bevölkerung noch verstärken. Die Beziehung des
       Chavismus zum Volk ist zerbrochen.
       
       Es herrscht ein Gefühl der Ablehnung und des Hasses gegenüber dem gesamten
       Prozess, der im Zuge der gefälschten Präsidentschaftswahl vom 28. Juli
       letzten Jahres einsetzte“, betont er.
       
       Die Unzufriedenheit ist öffentlich 
       
       Der Zerfall des sozialen Gefüges, von dem Luis Peche spricht, vertieft sich
       in diesem Zusammenhang. Die allgemeine Unzufriedenheit ist öffentlich: In
       den sozialen Netzwerken reißen die Vorwürfe nicht ab, dass beispielsweise
       Staatsbeamte Sammelstellen gestört hätten, wo Bürger selbstorganisiert
       Hilfsgüter zusammentragen.
       
       Auch direkte Opfer des Erdbebens haben bestätigt, dass Polizeibeamte in La
       Guaira keine Hilfe leisten wollten, als sie ausdrücklich darum baten: „Sie
       haben nur gelacht und uns allein gelassen.“
       
       „Wir haben nur noch uns selbst“ 
       
       Vor diesem Hintergrund – einem Erdbeben, wie es das Land seit 100 Jahren
       nicht mehr erlebt hat – kommen die Venezolaner in Venezuela und im Rest der
       Welt zu demselben Schluss: „Wir haben nur noch uns selbst.“
       
       Für diejenigen, die den Notstand hautnah miterleben, ist die einzige
       politische Diskussion die kollektive Kritik an der Politik des Chavismus,
       und sie tun dies anhand der Vorgeschichte: der Bewältigung der letzten
       beiden großen Erdrutsche im zentralen und westlichen Teil Venezuelas, 2022
       in Aragua und 2025 in Mérida.
       
       „Weder die Opposition noch die Regierung haben mit so einem starken
       Erdbeben gerechnet“, betont Luis Peche.
       
       „Was jetzt geschieht, bietet einen Maßstab, um zu beurteilen, inwieweit der
       Staat in der Lage ist, sich zu verteidigen, und inwieweit die Opposition in
       der Lage ist, Kontrollfunktionen auszuüben, ohne den Anschein zu erwecken,
       als würde sie versuchen, aus einer menschlichen Tragödie politisches
       Kapital zu schlagen“, analysiert Luis Peche, der selbst im kolumbianischen
       Exil lebt und dort 2025 fast einem Attentat zum Opfer fiel.
       
       María Corina Machado, die führende Oppositionspolitikerin, hat den Opfern
       ihr Beileid ausgesprochen, und ihre politische Organisation „Vente
       Venezuela“ hat Sammelstellen eingerichtet.
       
       Edmundo González, der laut Bürgerauszählung die Wahlen von 2024 gewonnen
       hatte und jetzt im spanischen Exil lebt, bat die Behörden anderer Länder um
       technische und medizinische Unterstützung.
       
       „Ich glaube, es gibt Länder, die Beziehungen zu Delcy aufbauen wollten, und
       dies gibt ihnen die Gelegenheit, dies schneller zu tun. Und darüber hinaus
       braucht Venezuela jede nur mögliche Hilfe“, erklärt er.
       
       Kann Venezuela auf irgendetwas hoffen? Luis Peche gibt seine Einschätzung:
       „Man wird sehen, welche Grenzen Delcy Rodríguez bei der Ausübung ihres
       Amtes als Interimspräsidentin hat. Aber wir erkennen das Erbe des
       Chavismus, nämlich ein zerstörtes Land, in dem seit mehr als zwei
       Jahrzehnten keine Politik für das Gemeinwohl mehr betrieben wurde.“
       
       Unterdessen mobilisieren sich die Venezolaner erneut auf
       zivilgesellschaftlicher Ebene, um das Problem anzugehen: Tonnen von
       Trümmern wegzuräumen, unter denen Menschen noch immer um Hilfe rufen, und
       Leichen zu bergen.
       
       Die venezolanische Autorin arbeitet für mehrere unabhängige Medien in
       Venezuela und ist derzeit mit einem IJP-Stipendium bei der taz zu Gast.
       
       26 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR María José Dugarte
       
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