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       # taz.de -- Sozialer Brennpunkt in Berlin-Kreuzberg: Nachbarkeit und Kiezschnupfen
       
       > Spiel nicht mit den Schrankenkindern: Wie es mittlerweile ist, auf der
       > falschen Seite des Berliner Graefekiezes zu wohnen.
       
   IMG Bild: Ort der Gewalt- und Hasskriminalität: Polizei nach einer Schießerei an der Ecke Urbanstraße / Graefestraße
       
       Vielleicht ist jedes Klischee ein Realitätsgarant. Wem ich anvertraue, dass
       ich im Berliner Graefekiez wohne, der hält sich oft für berechtigt, mir
       eine Privatmeinung zu grünem Moralismus kundtun zu dürfen. Es kämen jetzt
       andere Zeiten.
       
       Sah ich mich im letzten Jahrzehnt noch in der Pflicht, unbedingt
       dagegenzuhalten, sah ich mich mehr und mehr außerstande, Phrasen
       abzuspulen. Klischees sind nicht böse, aber es ist mit ihnen wie mit
       Pollenallergie: Davon Betroffene haben nur den Spott oder bestenfalls
       Achselzucken auf ihrer Seite.
       
       Mit Ohropax gegen den über der Siedlung kreisenden Polizei-Heli gewappnet,
       mache ich das, was ich sonst immer reflexhaft wegschiebe, wenn es um das
       Miteinander im Kiez geht: Ich fange an zu grübeln. Wo kommt er her, mein
       Kiezschnupfen?
       
       Der [1][Graefekiez ist einerseits typisch fürs gentrifizierte Kreuzberg],
       andererseits gibt es Reste eines sozial stark durchmischten postmigrantisch
       geprägten Kreuzberg. Der untere Teil der Graefestraße („Graefe Süd“) ist
       durch den Straßenverlauf in gutsituiert und in sozial prekär eingeteilt.
       Oberhalb der Urbanstraße („Graefe Nord“) wird Queerness nicht als Bedrohung
       für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen, ganz im Gegenteil,
       unterhalb davon sehr wohl. Es gab und gibt Übergriffe auf Menschen, die als
       nicht heteronormativ gelesen werden.
       
       ## Bambule an Silvester
       
       Als ich 2015 mit meiner Familie in die Siedlung zog, gab es ein recht
       freundliches Miteinander. Es gab aber bereits türkische und kurdische
       Nachbarn, die ihre Kinder nicht mit „arabischen Hofkindern“ spielen ließen.
       Nicht aus dem Kopf will mir, wie der Vater in der Kita meines jüngsten
       Kindes nach der besonders heftigen Silvesterbambule 2023 seufzte: „Ich war
       ja damals auch ein Schrankenkind, aber so krass waren wir nicht!“
       
       Die an der Graefestraße gelegene, meist ständig geöffnete Zufahrtsschranke
       liegt vis-à-vis eines Altenpflegeheims. Nach Einbruch der Dunkelheit
       versammeln sich dort Jungs, die jüngsten neun oder zehn Jahre alt, um an
       besagter Schranke über Stunden Böller zu zünden und Silvesterraketen in
       Richtung Altenheim zu schießen. Los geht es Ende Oktober.
       
       Seit Corona läuft das Ritual gleich ab: Schwarz gekleidete Kinder und Teens
       mit tief ins Gesicht gezogenen Basecaps malträtieren die Nerven aller
       Anwohnenden, die Heimbewohner:innen grölen rassistische Parolen, rufen
       die Polizei. Für die endet an der Schranke, die mit Vorbedacht geschlossen
       wurde, die Verfolgungsjagd. Wenn der Kick des nächtlichen Lärmvandalismus
       nachlässt, wird auch mal eine Papiermülltonne angezündet.
       
       Alle Familien versichern, ihre Jungs würden sich an so etwas nicht
       beteiligen. Eine Security gibt es schon lange nicht mehr, die hat sich nach
       Flaschen- und Böllerwürfen verabschiedet. Die Siedlung verwahrlost, Ratten
       sind ein gewohnter Anblick, reichlich Sperrmüll ebenfalls; in Plastiktüten
       verpackt ist blöderweise allein der Abfall für die Biotonne.
       
       Wenn ich in den Innenhof unserer brutalistischen Wohnburg gucke, sehe ich
       zwei Gärten, die gepflegt werden. Immer wieder schmeißen Leute aller
       Altersstufen brennende Kippen oder sonstigen Müll hinein. „Ugly“ prangt in
       fetten Lettern auf einer Häuserfront.
       
       ## Springer hat sein Narrativ
       
       Zermürbend sind nicht nur diese Mikroaggressionen. Graefe Süd hat sich zu
       einem Ort der Gewalt- und Hasskriminalität entwickelt. Im Jahr 2023 wurden
       zweimal queere Menschen krankenhausreif geschlagen, weil sie Beleidigungen
       verbal quittierten. Weder der RBB noch das Lokalblatt, für das ich
       seinerzeit schrieb, hatten an einem Bericht Interesse.
       
       Die Springerpresse hat ihr Narrativ und die AfD verwendet „Urbanstraße“ als
       Chiffre für gescheitertes Multikulti. Hatschi! Anfang dieses Jahres wurden
       [2][zwei Männer vor meiner Haustür angeschossen], Ende Mai wurden keine 200
       Meter von meiner Wohnung entfernt [3][Schüsse auf ein Fahrzeug abgegeben]
       und kurz darauf dann [4][in Richtung einer Person geschossen].
       
       Das sei eben Großstadt, meint ein Altberliner: „Komm klar, oder zieh weg!“
       Bloß, wer kann sich das noch leisten? Die Mehrheit in Graefe Süd lehnt
       diese dunkle Folklore komplett ab, aber niemand möchte durch Einschreiten
       zur Zielscheibe werden.
       
       [5][Die Grünen im Bezirk sind von der Einrichtung einer Großunterkunft für
       Geflüchtete an der Hasenheide nicht überzeugt]. Sie treten für dezentrale
       Unterbringung ein. Ich ergänze das mit meinem Wahrnehmungsmuster: Es reicht
       eine Hand von Vollidioten, die einfach an jedem Tag Böller schmeißen und
       Raketen auf das Gebäude abfeuern, um aus dem „sozialen Brennpunkt“ oder
       [6][„Problemkiez“], wie es im weißprivilegierten Deutsch heißt, ein
       Pulverfass zu machen.
       
       ## Die CDU offeriert Müll-Sheriffs
       
       Profiteur dieser Entwicklung ist eine Partei, die Pkw im öffentlichen Raum
       fetischisiert; eine Partei, die soziale Durchmischung zurückdrängt: Auf der
       Kehrseite eines Werbeflyers mit dem Abbild des freundlich lächelnden Timur
       Hussein offeriert die CDU „Müll-Sheriffs“; verspricht mehr
       „Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten“.
       
       Als ich vor vier Jahren mit dem – Achtung Amtsdeutsch –
       Kontaktbereichsbeamten über mehr Sicherheit für die Zeit des Jahreswechsels
       diskutierte, brach der das Gespräch barsch ab: „Wollen Sie einen
       Polizeistaat?“ Von den Wünschen, die Anwohnende vor Jahren auf breiten
       Betonstummeln, im Rahmen einer Kiezverschönerung, verewigen ließen, sind
       die meisten verwittert; gut erkennbar sind: „Sicherheit“ und „Vergessen“.
       
       Derzeit gibt es im Graefekiez keine Nachbarschaft. Stattdessen nur eine
       Koexistenz, die aufs Narrativ gut sichtbarer sozialer Distanz einzahlt. Ich
       möchte das mit dem Kofferwort „Nachbarkeit“ zum Ausdruck bringen, klingt
       unschön, kommt der Realität im Graefekiez aber wohl am nächsten.
       
       Graefe Süd kommt mir vor wie ein Bystander-Biotop: Meine Fragen an die
       Leiterin des Familienzentrums Urbanstraße nach den konkreten Bedarfen und
       Ängsten angesichts des bevorstehenden Zuzugs beantwortet an ihrer statt die
       Unternehmenskommunikation des Trägers Kindergärten City: Man benötige eine
       „langfristige auskömmliche Finanzierung“, mehr Personal und Räumlichkeiten,
       „seit Jahren“ sei die „soziale Infrastruktur im Quartier bereits heute
       stark belastet“ (sic), zu „geplanten Standorten für
       Geflüchtetenunterkünfte“ und zu „sozialpolitischen Entscheidungen“ nehme
       man indes nicht Stellung.
       
       Wir Bewohner:innen in Graefe Süd können nur noch darauf hoffen, dass
       die politisch Verantwortlichen auf Bezirks- und Senatsebene (Stichwort:
       Pingpong) das Pulverfass sehen, gegen das weder wohlmeinender
       Linksadultismus noch ewiggestrige Law-and-Order-Sprüche helfen.
       Bewohner:innen der Düttmann-Siedlung endlich in Entscheidungen zu
       involvieren, zu Ansprechpartnern zu machen, das wäre ein entscheidender
       Schritt weg vom Laissez-faire.
       
       ## Vergangene Aufbruchsstimmung
       
       Von den Leuten, mit denen ich über den Graefekiez sprach, kamen mir einige
       besonders nah. [7][Dani Mansoor], mein Nachbar, möchte Weihnachten und
       Silvester eigentlich nicht hier sein: Knallerei from dusk till dawn. Vor 15
       Jahren hat Mansoor sich mit anderen vehement dafür eingesetzt, hier einen
       lebbaren Ort zu schaffen.
       
       Eine Kiez-Zeitung von 2008, die er mir in die Hand drückt, atmet
       Aufbruchsstimmung: Es wurde begrünt, Mülltrennung wurde verständlich
       vermittelt, Nachhilfeangebote und Schulungen gab es. „All das“, Mansoor
       wird kurz bitter, „hat man sich damals etwas kosten lassen“. Ich tagträume:
       Eingesparte Müllbeseitigungskosten, wenn Silvester endlich böllerfrei wäre,
       käme Quartieren wie der Düttmann-Siedlung zugute.
       
       Es gab auch den Versuch, die beiden Graefestraßen zusammenzubringen. Graefe
       Nord, erinnert sich Mansoor, schwang auf dem „Zickenplatz“
       (Hohenstauffenplatz) das Zepter und große Reden; Graefe Süd räumte nach dem
       Fest auf. Hatschi!
       
       Hat Graefe Nord das Geld und Graefe Süd nur die Sorgen? Ganz so schematisch
       ist die Realität nicht. Horrende Gewerbemieten haben im schickeren Teil des
       Kiezes alle meine Lieblingsläden, die Buchhandlung „playing with eels“ etwa
       und die Bäckerei Kasper, verdrängt; alle, bis auf einen: Als ich mich bei
       [8][Weinhändler Stephan Pelzl] erkundige, warum er vor zwölf Jahren in der
       Grimmstraße eröffnete, begründet er das ohne Zögern mit der Sprachen- und
       Kulturvielfalt. Andere, möglicherweise lukrativere Standorte im Westen
       Berlins seien ihm nicht echt genug gewesen.
       
       Ähnlich wie die Kneipe Urbaneck ist Pelzls „altrovino“ Kult im Kiez und
       wird von einer treuen Stammkundschaft getragen. Elitesseverdacht? „Es ist
       für jeden Geldbeutel was dabei“. Stimmt.
       
       Und so sehr der Trend zum alkoholfreien Genuss geht, – [9][Sucht ist nicht
       nur für kreativ Arbeitende der Endgegner] – sträubt sich der
       saarfranzösische Hedonist in mir dagegen: Ohne analoge Medien wie Schreiben
       oder Vinophilie hätte mich der Dütti-Limbo längst absorbiert.
       
       ## Zynismus und Wegsehen
       
       Eine Anekdote des [10][Essayisten Stefan Ripplinger] riss mich endgültig
       aus meinem Angstzynismus: Seit sieben Jahren besucht er einen dementen
       Freund hier im Kiez: „Ich komme einmal die Woche gegen halb drei, lese ihm
       aus seinen Büchern vor, gegen drei gibt es Kaffee und Pudding. Das reiche
       ich ihm an. Um halb vier gehe ich wieder. Kürzlich fragte er: ‚Und mich
       lässt du hier liegen?‘“
       
       Ich kann hier auch nicht weg, für Zynismus und Wegsehen bin ich aber noch
       nicht alt genug. Die „Dütti“ wird nie mein Kryptonit, aber mehr los als in
       Rilkes Duino und Brechts Buckow ist hier und heute allemal. Es liegt
       folglich an mir, an uns … Die „Schrankenkinder“ haben etwas Besseres
       verdient, als videoüberwachte böllernde und ballernde Wahlkampfhelfer der
       hellblauen Identitätspolitik und ihres Vorfelds zu sein.
       
       29 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Modellversuch-im-Kreuzberger-Graefekiez/!6171459
   DIR [2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/mordkommission-ermittelt-mann-im-kreuzberger-graefekiez-niedergeschossen-15381342.html
   DIR [3] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/05/berlin-kreuzberg-schuesse-motorroller-auto-polizei.html
   DIR [4] /Erneute-Schuesse-in-Kreuzberg/!6181846
   DIR [5] https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/risiken-fur-den-sozialen-zusammenhalt-kreuzberger-grune-gegen-massenunterkunft-fur-gefluchtete-im-eigenen-bezirk-15486352.html
   DIR [6] https://www.tagesspiegel.de/berlin/stadtleben/gute-nachrichten-aus-dem-problemkiez-1756543.html
   DIR [7] /Reiches-Kreuzberg-armer-Kiez/!513667&s=dani+mansoor/
   DIR [8] /Nie-gekannte-Weine/!323177&s=altrovino/
   DIR [9] /Neuer-Roman-von-Christoph-Peters/!6168241
   DIR [10] /Kunst-ist-gemeinschaftliches-Tun/!5603400&s=stefan+ripplinger/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Konstantin Ames
       
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