# taz.de -- Historiker über mögliches AfD-Verbot: „Unsere Generation ist kleinmütig“
> Der Historiker Martin Sabrow warnt davor, die AfD zu verbieten. Und
> betont, dass die Weimarer Republik nicht an mangelnder Wehrhaftigkeit
> scheiterte.
IMG Bild: Am Tag des Grundgesetzes im Mai 2026 demonstrieren Menschen in Hamburg und in anderen Städten für ein Verbot der AfD
taz: Herr Sabrow, sollte die AfD verboten werden?
Martin Sabrow: Nein, das ist in der gegenwärtigen Lage aus drei Gründen
kontraproduktiv: Demokratietheoretisch gefährdet es die Demokratie mehr,
als es sie schützt, weil es [1][einen zwischen 25 und über 40 Prozent
starken Teil der Wählerschaft] ausschließt – wäre das noch eine liberale
Demokratie oder nicht schon selbst eine illiberale? Zweitens dauert ein
juristisches Verbotsverfahren bekanntlich lange und ist mit einem
ungewissen Ausgang behaftet – was geschieht, wenn diese letzte Karte gar
nicht sticht?
Ein [2][Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte] kommt jetzt zu dem
Schluss, dass ein AfD-Verbot machbar ist, weil die AfD gegen
Demokratieprinzip und Menschenwürde verstößt…
Das Gutachten dokumentiert in seiner Konzentration auf Drucksachen,
Pressemitteilungen und Social-Media-Posts die Demokratieverachtung in der
AfD in ihrer ganzen Breite und kann die verfassungsfeindliche Ausrichtung,
die darin zum Ausdruck kommt, mit Tausenden von Belegen dokumentieren. Aber
es kommt selbst nicht über die Feststellung hinaus, dass ein Verbotsantrag
wohl „wahrscheinlich Erfolg“ hätte. Und es widmet sich nicht systematisch
der Konkordanz bzw. Diskrepanz zwischen aggressiver Rhetorik,
programmatischer Ausrichtung und parlamentarischem Handeln, auf das es im
juristischen Verbotsverfahren aber ankommt.
Das wichtigste Gegenargument aber ist nicht juristisch, sondern politisch.
Wir verwandeln mit einem Verbot einen mittlerweile ja beachtlichen Teil der
Wählerschaft in ein Opferkollektiv, dem wir mit dem Versuch der
Unterdrückung nur weitere Kraft zufächeln. In der Wahrnehmung der
AfD-Anhängerschaft liest sich ein Verbot so: Wir fordern Demokratie – ihr
verbietet sie. Wie wollen wir diese Kosten aushalten und dies nicht zuletzt
in einer ostdeutschen Bevölkerung, die sich rühmt, schon die DDR-Diktatur
überwunden zu haben?
Gibt es effektivere Instrumente?
Ja. Wir haben griffige Einhegungsmöglichkeiten unterhalb der Verbotsebene.
Es gibt [3][keinen rechtlichen Zwang, etwa die Desiderius-Erasmus-Stiftung
der AfD zu fördern]. Es gibt keinen Zwang, blaue Ausschussvorsitzende zu
wählen. Man kann über das Verbot von [4][besonders rechtsextremistischen
Landesverbänden] nachdenken.
Das Grundgesetz verschafft der deutschen Demokratie, anders als es die
Weimarer Verfassung tat, ein starkes Wertefundament. Es fordert die Bindung
allen politischen Handelns an die Menschenwürde. Artikel 1 und 79 – der
„Ewigkeitsartikel“ – halten uns dazu an, Empathie und Menschenwürde täglich
und überall einzuklagen, im Bundestag, in der Schule, auf der Straße. Das
Grundgesetz bietet die Möglichkeit, einer Partei mit menschenverachtendem
Programm und menschenverachtender Rhetorik [5][staatliche Zuwendungen zu
verweigern]. Und das Grundgesetz sollte uns das Vertrauen geben, dass die
freiheitliche Demokratie trotz einiger Dellen ihre gegenwärtige Krise
überstehen wird.
Aber die Weimarer Republik ist doch auch daran gescheitert, dass sie das
Parteienverbot, die schärfste Waffe der Demokratie gegen ihre Feinde, nicht
einsetzen konnte …
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass hier eine Schwäche der Weimarer
Verfassung lag. Das Gegenteil ist der Fall.
Inwiefern?
Es war entgegen dem Anschein in der Weimarer Zeit leichter als in der
Bundesrepublik, Parteien zu verbieten. Das Bundesverfassungsgericht ist
eine starke Institution und hat hohe Hürden gegen Parteienverbote
errichtet. Nach der Weimarer Verfassung konnten Parteien durch einfaches
Gesetz verboten werden. Und so geschah es auch. Die NSDAP und die
Deutschvölkische Freiheitspartei wurden in einzelnen Ländern zum ersten Mal
bereits 1922 verboten und [6][nach dem Hitlerputsch 1923] vorübergehend
reichsweit; die NSDAP ihrerseits verbot auf formal legaler Rechtsgrundlage
im Juli 1933 alle übrigen Parteien.
In der Weimarer Republik gab es auch außerhalb der Parteien denkbar
einschneidende Verbote. Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, die
größte antisemitische Massenorganisation, wurde 1922 auf Grundlage des
Republikschutzgesetzes dauerhaft verboten, die SA gleich zweimal, nämlich
1925 und 1932, und der Rotfrontkämpferbund 1929.
Die Weimar Republik ist also nicht aufgrund eines Mangels an Wehrhaftigkeit
und Verboten untergegangen?
Nein. Die Weimarer Republik besaß mit dem Reichskommissar für Überwachung
der öffentlichen Ordnung einen leistungsfähigen Staatsschutz und einen
Inlandsgeheimdienst und eine republikanische Treuepflicht für Beamte. Sie
zerbrach infolge ihrer politischen Untergrabung und nicht infolge ihrer
verfassungsrechtlichen Ausgestaltung. Das Republikschutzgesetz, das
[7][1922 nach der Ermordung von Walther Rathenau] beschlossen wurde, war
ein scharfes Schwert. Es wurde in der späteren Praxis aber von der Justiz
faktisch gegen links genutzt, kaum gegen rechts. Und 1929 wurde es nicht
verlängert. Ausschlaggebend für Hitlers Aufstieg war nicht die Rechtslage,
sondern die grassierende und wachsende Verachtung der Republik in der
Gesellschaft.
1930 versuchten demokratische Juristen in einer 100-seitigen Denkschrift zu
beweisen, dass die NSDAP die Republik zerstören wollte und nur ein Verbot
hilft. Aber sie scheiterten damit. Warum?
Reichskanzler Brüning entschied sich 1930 gegen das NSDAP-Verbot. Das war
noch vor den Reichstagswahlen im September, in denen die NSDAP mit 18
Prozent zur zweitstärksten Partei wurde. Das zeigt wiederum: Die Weimarer
Republik wurde nicht durch eine defekte Verfassung zerstört, sondern durch
verblendete und zerstörerische Entscheidungen der politischen und sozialen
Elite.
Brüning hat das Verbot mit einem bemerkenswerten Argument abgelehnt: Ein
Verbot habe ja schon bei Bismarcks Sozialistengesetzen gegen die SPD nicht
funktioniert. Warum lernen Leute aus Geschichte so oft das Falsche?
Historische Vergleiche sind oft schief. Die Sozialdemokratie war und blieb
auch unter den Sozialistengesetzen die Repräsentation der Arbeiterklasse.
Es war auf Dauer aussichtslos, sie durch Verbot zu ersticken, ohne die
wilhelminische Monarchie in eine Diktatur zu verwandeln. Die Hitlerbewegung
war eine sozial amorphe Bewegung von episodaler Faszination, die ein Verbot
ungleich stärker getroffen hätte als die Arbeiterbewegung ein halbes
Jahrhundert zuvor und den Höhepunkt ihrer Anziehungskraft im Herbst 1932
bereits wieder zu verlieren begann.
Wenn die NSDAP 1930 vor ihrem Aufstieg verboten worden wäre, hätte es
vielleicht keinen Holocaust und keinen Zweiten Weltkrieg gegeben. Deshalb
glauben manche: Damals haben die Eliten versagt, heute müssen wir es besser
machen – und dürfen nicht wieder versagen. Leuchtet Ihnen dieser
historische Konjunktiv ein?
Er ist suggestiv. Wie soll ich gegen den bloßen Hauch einer Hoffnung
argumentieren, dass der Holocaust hätte vermieden werden können? Aber
trotzdem: Diese Ableitung ist nicht so überzeugend, wie sie klingt. Auch
ein neuerliches NSDAP-Verbot unter Brüning hätte die rechtsradikale
Epidemie nicht erstickt, die durch die Weltwirtschaftskrise so massiv
verstärkt wurde. Hätte ein Verbot womöglich einen Bürgerkrieg mit
unabsehbaren Folgen ausgelöst?
Das ist auch ein historischer Konjunktiv …
Ja, und das bleibt spekulativ. In jedem Fall gilt es einen grundlegenden
Unterschied zwischen der NSDAP und der AfD zu beachten – die Rolle der
Gewalt. Wir erleben auch heute erschreckende Gewalt von Rechtsextremen, wir
haben No-go-Zonen für Migranten und Minderheiten. Aber [8][die
flächendeckende, brutale Gewalt] bis zu den politischen Morden, die von den
Rechtsextremen seit 1919 ausgingen, hatte eine andere Dimension. Gewalt war
nach dem Ersten Weltkrieg [9][ein Bestandteil der Alltagskommunikation, der
Konfliktaustragung], der die politische Kultur der Gesellschaft tief
prägte. Man sollte bei Analogien vorsichtig sein. Geschichte erzählt uns
nicht, was wir tun sollen.
Trotzdem kann man Ähnlichkeiten feststellen. Wie nach 1930 sind heute die
staatstragenden Parteien in der Krise. Parallel wächst das Misstrauen in
die Demokratie, und die Wirtschaft stagniert.
Ja, aber wir leben in einem Wohlfahrtsstaat. Auch wenn der von Abschmelzung
bedroht ist, hält er keinem Vergleich mit dem Armutselend der Weimarer Zeit
stand. Auch die politische Mitte war in Weimar ganz anders gelagert als
heute; sie war institutionell und kulturell so viel schmaler, und sie sah
sich in einem zermürbenden Zangengriff von rechts und links ausgesetzt, der
sie fortwährend weiter schwächte.
Berlin ist nicht Weimar?
Genau. Die Unterschiede in der politischen Kultur, der Sozialstaatlichkeit
und der Verankerung der demokratischen Idee, sind dafür viel zu groß.
Unsere demokratische Verfasstheit ist resilienter, als wir uns das oft
vorstellen.
Also sind wir stärker als wir glauben?
Unsere Generation ist kleinmütig. Viele erleben den Aufstieg des
Rechtspopulismus als Schock, als narzisstische Kränkung. Es ist das erste
Mal, dass die demokratische Mitte mit solch einer Herausforderung
konfrontiert ist. Die heute staatstragend gewordene Linke von einst erfährt
die AfD als eine tiefe Kränkung, weil sie die Idee unserer Generation so
gründliche dementiert, dass sich die liberale, demokratische Welt immer
weiter entfaltet. Nach all den Bemühungen um Erinnerungskultur und
Zivilgesellschaft sind wir in die Defensive geraten.
Das führt manchmal zu einer Selbstverzwergung. Besser wäre es, wenn unsere
erschrockene Gesellschaft versteht und verinnerlicht, dass sie noch immer
die Mehrheit ist, und dass sie sich ihrer bürgerlichen Stärke wieder
stärker bewusst wird. Entschiedene Souveränität im Bewusstsein der Stärke
unserer Demokratie scheint mir produktiver zu sein, als alarmistische
Vergleiche zu Weimar zu ziehen.
27 Jun 2026
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