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       # taz.de -- Freiheit der Wissenschaft: Aufstand der Vernunft
       
       > Wissenschaftsfeindlichkeit ist ein Kern rechter Strategie. Forschende
       > verschiedener Fachrichtungen sagen: Es helfen nur Solidarität und
       > Argumente.
       
       Die Technische Universität in Berlin scheint derzeit gleich in mehrfacher
       Hinsicht kaputt zu sein. Das Hauptgebäude ist aufgrund baulicher Mängel und
       Einsturzgefahr gesperrt – und auch die Uni-Leitung zeigte sich kürzlich mit
       Blick auf Demokratieresilienz abbruchreif: Sie beugte sich quasi in
       vorauseilendem Gehorsam der AfD, indem sie [1][14 Veranstaltungen eines
       Studierenden-Kongresses unterbinden wollte].
       
       Bei dem antikapitalistischen SDS-Kongress unter dem Titel „Take back the
       future“ sollte viel über Faschisierung und Gegenwehr diskutiert werden.
       Doch auf Wunsch der Uni-Spitze sollte unter anderem der Vortrag eines
       kritischen Wissenschaftlers über faschistische Züge der AfD nicht
       stattfinden – wegen der angeblich verletzten Neutralitätspflicht. Die
       Organisator*innen vermuteten dahinter eine direkte Intervention der
       extrem rechten Partei.
       
       Die gegenteilige Reaktion wäre notwendig gewesen: Wenn antiliberale und
       autoritäre Kräfte die Wissenschaftsfreiheit angreifen, braucht es innerhalb
       der Institutionen von Wissenschaft und Forschung Solidarität. Das ist eine
       der zentralen Erkenntnisse des breiten Zusammenschlusses „Wissenschaft
       gegen Faschismus“, der sich Anfang Juni für eine bundesweite Aktionswoche
       vernetzt hat und gemacht hat, was Wissenschaftler*innen eben mit
       Problemen machen: diskutieren.
       
       Die Wissenschaft sucht Strategien gegen den globalen Autoritarismus. Dieser
       zieht seine Stärke auch daraus, dass er die Vernunft und Rationalität
       selbst angreift. Wer nicht mehr weiß, was diskursiv richtig scheint und
       vernünftig ist, kann keine gute Entscheidung treffen. Wer, wenn nicht
       Wissenschaftler*innen sollten die Vernunft argumentativ verteidigen?
       Die taz hat bei einigen Forscher*innen aus verschiedenen Fachbereichen
       nachgefragt, wie man dem autoritären Backlash beikommen kann, der die
       Institution Hochschule und ihren Diskursraum ganz konkret bedroht.
       
       Zum Beispiel dann, wenn unter dem Deckmantel von Neutralität der
       universitäre Diskursraum eingeschränkt werden soll. Der
       Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano von der Universität Kassel
       rät dafür zu einem breiteren Verständnis von demokratischer Resilienz, das
       über Schutzwälle rund um Justiz, Verwaltung und Demokratie hinausgeht.
       „Resilienz entsteht nicht durch Schutzwälle, Resilienz entsteht durch
       wechselseitige Verschränkungen.“
       
       ## Jede*r Einzelne kann die freie Wissenschaft unterstützen
       
       Es sei zwar wichtig, Verfassungsgerichte gegen autoritative Untergrabungen
       abzusichern, aber das allein reiche nicht. Auch das
       Bundesverfassungsgericht selbst habe eine Resilienzverantwortung bei der
       Rechtsprechung, so Fischer-Lescano: „Die Karlsruher
       Neutralitätsrechtsprechung hat es nicht nur Angela Merkel als Kanzlerin
       verboten, sich dem Rechtsextremismus in Thüringen entgegenzustellen. Das
       Gericht hat mit dem Werkzeug der Neutralität dem Rechtsextremismus ein Tool
       an die Hand gegeben, die Verteidigung der Demokratie in Schulen,
       Universitäten, Kunstbetrieb und Rundfunk unter den permanenten Verdacht der
       Neutralitätsverletzung zu stellen“, kritisiert er. „Recht, also
       Rechtswissenschaft und Rechtspraxis, müssen endlich begreifen, dass sie
       ihren Beitrag zur demokratischen Resilienz leisten müssen.“
       
       Zudem appelliert Fischer-Lescano an jede und jeden Einzelnen: „Am
       wichtigsten wird sein, dass sich in Justiz und Verwaltung Menschen finden,
       die sich nicht einschüchtern lassen und die den Mut haben, dem
       Rechtsextremismus die Stirn zu bieten.“
       
       ## Die Freiheit der Wissenschaft geht weltweit zurück
       
       Zwischen 2015 und 2025 hat die Freiheit der Wissenschaft in 50 Ländern
       abgenommen, zeigt der kürzlich veröffentlichte [2][Academic Freedom Index].
       Die zugenommene Wissenschaftsfeindlichkeit zeigt sich in diversen Formen,
       etwa dann, wenn Universitäten als Diskursräume verschwinden sollen,
       Forschungsergebnisse delegitimiert und Forschende eingeschüchtert werden,
       einige Forscher*innen berichten sogar von Morddrohungen. Wie
       weitreichend die strukturellen Folgen sein können, verdeutlichen die USA,
       wo die Regierung seit Donald Trumps zweiter Amtszeit Schritt für Schritt
       versucht, universitäre Forschung staatlichen Zielen zu unterstellen.
       
       María do Mar Castro Varela, Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule in
       Berlin für Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit, warnt: „Wenn heute die
       Bildungsinstitutionen und ihre demokratischen Regeln nicht geschützt
       werden, können sie mit wenigen Handstreichen autoritär transformiert
       werden.“ Das zeige sich besonders in ihrem Schwerpunktbereich zu Gender und
       Queer. Dort, aber auch in rassismuskritischer oder postkolonialer
       Forschung, seien [3][Angriffe präsenter geworden], sodass etwa Vorträge
       abgesagt oder Forschungsprojekte nicht mehr gefördert würden.
       
       Außerdem würden die Curricula konservativer und rechter Weltsichten immer
       normaler. Mit Blick auf die [4][Berliner Fördergeldaffäre], aber auch bei
       der Dämonisierung von Protesten rund um Umweltgerechtigkeit und Palästina,
       sollten Bildungsinstitutionen Diskursräume öffnen und nicht mit Verboten
       und Ordnungsmaßnahmen reagieren, fordert Castro Varela:
       „Bildungsinstitutionen sollten sich widersetzen, wenn Politik gegen
       demokratische Prinzipien – wie etwa die Meinungsfreiheit und die Autonomie
       der Forschung – verstößt.“
       
       Dem kann der Philosoph und Sozialwissenschaftler Robin Celikates von der FU
       Berlin nur zustimmen: „Falsch verstandene Neutralität oder die Hoffnung,
       sich irgendwie durchmogeln zu können, führen nicht weit – das zeigt ein
       Blick in die USA.“ Unis und Wissenschaftler:innen sollten dem
       Autoritarismus daher entschieden entgegentreten.
       
       Eine erste Maßnahme sei deshalb überhaupt, die [5][Angriffe zu
       dokumentieren und öffentlich zu machen]. „Die Angriffe erzielen nämlich vor
       allem dann ihre Wirkung, wenn die Angegriffenen vereinzelt bleiben und es
       so scheint, als handele es sich um lauter Einzelfälle“, sagt Celikates.
       
       Eine wehrhafte Wissenschaft sei aber auch wichtig „im Interesse einer
       demokratischen und pluralen Gesellschaft, die aus den destruktiven
       Dynamiken der Gegenwart nur herauskommen wird, wenn sie die Krisen der
       Gegenwart besser verstehen und beantworten lernt.“ Laut Celikates ist die
       AfD auch deshalb so stark, weil eben Gegenentwürfe fehlten, die auf Krisen
       nicht ausweichend reagieren. Nur mit solchen Analysen und Gegenentwürfen
       könne man dem Autoritarismus wirkungsvoll begegnen. Dafür gebe es in
       Gesellschaft und Unis viel mehr Expertise, als bisher politisch genutzt
       worden ist. Doch das gehe nur mithilfe massiver Mobilisierung und Gegenwehr
       seitens der Zivilgesellschaft: „Vernetzt euch – in der Uni, in der Stadt,
       bundesweit und international –, bildet breite Allianzen und lernt
       voneinander“, fordert der Wissenschaftler.
       
       Dieses Potenzial zeigt sich vor allem in einer Krise und dem damit
       einhergehenden Transformationsprozess: [6][der Klimakrise]. Sie sei im
       Kampf gegen rechts nicht zu unterschätzen, sagt Matthias Schmelzer von der
       Uni Flensburg, Professor für sozial-ökologische Transformation. „Die AfD
       leugnet den menschengemachten Klimawandel und will die Energiewende
       zurückdrehen. Das ist in Zeiten von Hitzewellen und der zunehmend
       ökonomischen und geopolitischen Notwendigkeit für erneuerbare Energien eine
       mögliche Schwachstelle des Autoritarismus.“
       
       Diese Schwachstelle gelte es diskursiv herauszustellen und zu stärken – „in
       der Bevölkerung gibt es immer noch stabile Mehrheiten, die mehr Klimaschutz
       wollen“. Deshalb sei es gerade wichtig, angesichts der Politik der
       aktuellen Regierung Resilienz zu zeigen.
       
       ## Der spürbare Klimawandel als Schlüssel im Kampf gegen Rechts
       
       [7][Antifaschistische Forschung] kann aber durch Analysen und ihre
       Ergebnisse die Klimatransformation unterstützen, indem sie hilft, Lösungen
       zu entwickeln. Aus Schmelzers Sicht bedeutet das dreierlei: erstens eine
       stabile Klimapolitik. Autoritäre Kräfte profitieren von Krisen und dem
       Gefühl, dass die Regierung diese nicht in den Griff kriegt. Zweitens
       brauche es Lösungen für eine konsequent soziale Klimapolitik. Und drittens,
       das ist Aufgabe der Gesamtgesellschaft, gelte es, Klima als Thema wieder
       als gemeinsame Herausforderung positiv zu besetzen. „Klimaleugnung ist
       nicht nur wissenschaftsfeindlich. Sie ist politisch gefährlich.“
       
       Und auch die Theater- und Kulturwissenschaftlerin Margarita Tsomou sagt,
       dass wissenschaftliche Verantwortung in Zeiten politischen Drucks zunächst
       Haltung statt Ausweichen bedeutet. Dazu zähle auch gegenseitiger Beistand
       und Vernetzung zwischen Akteur*innen des Kulturfeldes sowie Kunst- und
       Kulturstudiengänge.
       
       Mittlerweile sei aus „Wissenschaft gegen Faschismus“ ein festes Netzwerk
       geworden. Beteiligte Wissenschaftler*innen haben im Vorfeld des
       AfD-Parteitags in Erfurt eine hochkarätig besetzte Konferenz mit dem Titel
       „Bevor es zu spät ist“ aus dem Boden gestampft. Ebenso gingen viele
       Wissenschaftler*innen in einem Block mit einem Banner im Stile eins
       Reclam-Bandes in Erfurt demonstrieren. „Wir müssen uns organisieren, um
       klare Forderungen und Argumente an Politik und Öffentlichkeit zu richten,
       warum es kulturelle Vielfalt, Kultur und Kunst braucht“, sagt Tsomou.
       
       Eine Forderung könne sein, Kultur als Staatsziel in das Grundgesetz
       aufzunehmen, um angegriffene Personen oder gecancelte Veranstaltungen zu
       schützen und ihnen neue Plattformen zu geben.
       
       So ist es am Ende auch an der TU Berlin geschehen: Die Studierenden und
       zahlreiche Wissenschaftler*innen haben protestiert und sind aufsässig
       geblieben. Alle Veranstaltungen und der Diskurs über die Faschisierung
       konnten stattfinden. Eine zentrale Frage bleibt allerdings, ob die
       Uni-Leitung notwendige Sanierungsarbeiten nicht nur an Gebäuden, sondern
       auch am eigenen Verhalten und Verhältnis zum Autoritarismus sieht.
       
       6 Jul 2026
       
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