# taz.de -- Kultursensible Traumatherapie: Als ein Fuß wieder Boden fand
> In Deutschland gibt es in den 1980er-Jahren kaum Forschung zur Behandlung
> traumatisierter Menschen mit Fluchtgeschichte. Eine Gruppe rüttelt daran.
IMG Bild: Tag der offenen Tür am Standort DRK-Kliniken Westend in Berlin, 1999: Kinder von Patienten malen ein Wandbild
Die geopolitische Lage in Europa und Vorderasien zu Beginn der
1990er-Jahre: Kurz nach dem Ende des Zweiten Golfkriegs tobt noch immer der
Krieg im ehemaligen [1][Jugoslawien] und die Sowjetunion ist gerade
zerfallen. Unzählige Menschen haben Gewalt, Folter und Verfolgung erfahren.
Vor allem Geflüchtete aus Jugoslawien, Rumänien, der Türkei, Libanon und
Polen suchen in Deutschland Schutz.
Diesen Schutz will ihnen eine Gruppe von Ärzt*innen, Psycholog*innen, einer
Krankengymnastin, Sozialarbeiter*innen und einer Kunsttherapeutin
ermöglichen. 1992 gründeten sie in Berlin das Behandlungszentrum für
Folteropfer (bzfo), das heute unter dem Namen „Zentrum Überleben“ bekannt
ist.
Christian Pross ist einer von ihnen. Als Mitglied der Ärztekammer ist Pross
1989 einer der Initiatoren der Ausstellung „Der Wert des Menschen – Medizin
in Deutschland 1918–1945“. Auf dem Ärztetag setzt sich die Ausstellung mit
der Verstrickung der Ärzteschaft in die Verbrechen des Nationalsozialismus
und den Folgen von Folter auseinander.
„Das war neu in der deutschen Ärztelandschaft“, sagt Pross. „Nach der
Ausstellung saßen wir in Berlin-Westend zusammen am Tisch – und wir
überlegten: ‚Was machen wir jetzt, welche Lehren ziehen wir aus der
Vergangenheit?‘“
## Traumatherapie etablierte sich nur langsam
In den späten 1980er-Jahren gibt es kaum Forschung zur medizinischen und
psychotherapeutischen Behandlung traumatisierter Menschen aus verschiedenen
Kulturen. Damals galt noch die herrschende Lehrmeinung, dass traumatische
Erfahrungen „keine Langzeitschäden hinterlassen“, sagt Pross. Erst seit
1980 kann die [2][posttraumatische Belastungsstörung] überhaupt als
psychische Störung diagnostiziert werden. Das Wissen über die Behandlung
von Folteropfern und die kultursensible Traumatherapie etabliert sich nur
langsam. „Es war Neuland für uns“, sagt Pross.
Beratungsstellen und Psychotherapie für Geflüchtete gibt es zwar schon.
1987 begann Xenion in Berlin, psychosoziale Versorgung anzubieten, seit
1985 besteht das Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht der
Caritas Köln. Das bzfo ist aber Deutschlands erstes Zentrum, das
medizinische Versorgung, Krankengymnastik, Psycho- und Kunsttherapie für
Geflüchtete vereint.
„Es war harte Arbeit, die uns alle an unsere persönlichen Grenzen brachte“,
sagt Pross. Er erinnert sich besonders an den Fall eines Journalisten aus
Äthiopien, der in 12 Jahren Haft schwere Folter erlebte. Sein
Körperempfinden litt unter den Folgen der Gewalt: Einen seiner Füße lehnte
er so sehr ab, dass er ihn kaum berühren konnte. In der Körpertherapie
wurde klar, dass dieser Fuß schwer misshandelt worden war. Während der
Behandlung setzte er sich Schritt für Schritt mit seinen Füßen und dem
Boden als tragendem Halt auseinander.
## Die Wartezeit liegt heute bei mehr als 7 Monaten
Im Laufe der 1990er-Jahre wächst die Aufmerksamkeit für die Notwendigkeit
von Behandlungsangeboten für traumatisierte Geflüchtete – nicht zuletzt
dank der Arbeit von bzfo und Xenion. Deutschlandweit entstehen weitere
Einrichtungen. 1997 schließen sie sich bundesweit zusammen, 2025 geben sie
sich den Namen Bundesverband Psychosozialer Zentren (PSZ) und zählen 51
Einrichtungen.
Laut des aktuellen Versorgungsberichts des Bundesverbands deckten die
existierenden Zentren allerdings nur 3,6 Prozent des geschätzten Bedarfs.
Die Wartezeit auf Therapieplätze liege durchschnittlich bei 7,4 Monaten,
auch die Finanzierung der Einrichtungen sei unsicher.
Viele seiner Klient*innen sind Pross bis heute besonders in Erinnerung
geblieben. Der Journalist aus [3][Äthiopien] gehört dazu. Vor einigen
Monaten ist er gestorben. Pross und drei weitere Mitarbeitende des Zentrums
Überleben waren zu seiner Beerdigung eingeladen.
16 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Hannah Marlene Göschel
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